Leben in Bayern

Berthold Kirchner demonstriert mit seiner Mauser M03 den Zielvorgang. Kleines Bild: In seiner kleinen Jagdhütte bereitet er sich auf die nächtliche Pirsch vor. (Foto: Nicolas Armer/dpa)

09.09.2019

Mit einem Jäger auf nächtlichem Streifzug

Nachts in Bayern: Wenn sich andere Menschen müde ins Bett legen, geht Berthold Kirchner auf die Pirsch. Die Finsternis ist sein Lieblingsrevier. Und sie ist eine von vielen Herausforderungen für den Jäger

Nachts in der Dunkelheit, umgeben von wilden Tieren - für viele Menschen dürfte die Vorstellung vor allem eines sein: angsteinflößend. Berthold Kirchner liebt die Finsternis. Der 54-Jährige ist zeitweise fünf Nächte pro Woche in der Natur unterwegs. Nicht bloß zum Zeitvertreib - Kirchner ist Jäger.

Auf seinen Streifzügen begleitet ihn nur sein Hund Jonny, ein Parson Russel Terrier. Kirchners Revier liegt in Greußenheim bei Würzburg. Ausschau hält er vor allem nach Schwarzwild, also Wildschweinen. Erblickt er einen großen Keiler, schnelle das Adrenalin hoch, erzählt er. "Wenn da jemand kein Herzrasen kriegt, sollte er den Jagdschein abgeben." Schon als fünfjähriger Bub sei er gern mit auf Treibjagd gegangen. Vor dem Tier müsse man stets großen Respekt behalten.

Die Tiere spürt der Jäger mit einer Wärmebildkamera auf. Schließlich ist es stockfinster, außer bei Vollmond. Die Kamera sei ein großer Fortschritt. "Gestern erst habe ich so über 100 Tiere gesehen", sagt Kirchner. Die meisten werden erst nach Sonnenuntergang richtig aktiv.

Bayernweit gibt es laut Forstministerium gut 70 000 aktive Jäger. Sie betreuen knapp 13 000 Reviere. Die meisten Jäger sind zwischen 26 und 64 Jahre alt. Zehn Prozent Frauen. Für einen Jagdschein muss man mindestens 15 Jahre sein und 120 Ausbildungsstunden absolviert haben.

Die Zahl der Jagdscheinbesitzer steigt seit Jahren leicht. Aktuell sind es bundesweit gut 380 000, heißt es beim Deutschen Jagdverband. Bayern ist nicht das Top-Jagdland. Verglichen mit der Einwohnerzahl gibt es die meisten Jäger in Norddeutschland.

Kirchners Jagdgebiet misst fünf Quadratkilometer. Bis zu 15 Kilometer läuft er pro Nacht. "Nur auf einem Hochsitz sitzen - das war einmal." Es gebe viel zu schießen. 132 Wildschweine erlegte er vergangenes Jahr. Ein Grund für die hohe Zahl: Das angrenzende Gebiet werde nicht bejagt. "Schweine wissen, wo das gelobte Land ist und ihnen nichts passiert." Nur machten sie nicht immer genau an Reviergrenzen halt.

Bundesweit wurden laut Deutschem Jagdverband im Jagdjahr 2017/18 (April bis März) gut 800 000 Wildschweine geschossen, 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Wildschweine sind nach Rehen die am häufigsten erlegte Tierart.

Mehr Abschüsse nötig? Darüber gibt es Streit

Offiziell ist die intensive Jagd auch nötig, um der Afrikanischen Schweinepest vorzubeugen. Die Krankheit wurde 2017 erstmals in der Nähe Bayerns festgestellt. Sie könnte laut Forstministerium schwere Folgen für Tierschutz und Handel haben. Die Jagd sei unumgänglich. Einen Impfstoff gibt es nicht. Wildschweine dürfen daher seit 2018 ganzjährig geschossen werden.

Aufgrund der Überpopulation an Schwarzwild grassiert zudem Kirchner zufolge in seiner Gegend die Milbenerkrankung Räude. Auch sie soll durch die Jagd eingedämmt werden.

Auch dem Waldschutz soll die Jagd dienen. Tiere können Schäden an Bäumen und Feldern anrichten. Bayerns Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann fordert, auch Rehe und Hirsche mehr zu jagen. "Wald vor Wild" also. Ein Motto, das auch der Ökologische Jagdverein Bayern verfolgt. Der Bayerische Jagdverband hält dagegen mehr Abschüsse als Allheilmittel für den Holzweg. Nötig sei mehr Lebensraum für die Tiere nach dem Motto "Wald mit Wild".

Hartmann würde bisher nur für Wildschweine erlaubte Nachtzielgeräte auch für die Jagd auf andere Tiere zulassen. Mit dem Gewehraufsatz kann Kirchner Schwarzwild genau anvisieren. "Durch Wärmebildkamera und die Nachtzieltechnik kann ich die Tiere besser erkennen und beurteilen und schieße nicht versehentlich auf falsche Tiere."

Jäger schießen nicht nur, sondern pflegen auch Tiere und Pflanzen

Wenn Kirchner mit seinem Gewehr während der Erntezeit über die Felder zieht und zu Hause in der Wildkammer das Tier zerlegt, scheint er dem Klischee zu entsprechen, das sei alles, was ein Jäger macht. "Der Jäger ist für die meisten Leute in erster Linie einer, der etwas totschießt", sagt Kirchner. Gerade heute mit immer mehr Vegetariern stehe er da manchmal in einer blöden Ecke.

Die Aufgaben eines Jägers sind weit vielfältiger als das Schießen. Jäger pflegten Tiere und Pflanzen. "Mich treibt die Leidenschaft zur Natur und zum Tier. Mit Sicherheit nicht nur das Schießen", sagt Kirchner. Bei großer Trockenheit fahre er alle zwei Tage mit seinem Pick-up 1000 Liter Wasser ins Revier und verteile es in Suhlen. Mit Kindern baue er Vogelhäuser. "Solche Aufgaben sehen Laien oft nicht."

Kirchner ist hauptberuflich Inhaber eines Holzverarbeitungsbetriebs mit zehn Mitarbeitern. Das Jägertum ist bis auf wenige Ausnahmen ein Ehrenamt. Doch Kirchner verbringt nach eigenen Angaben mehr Zeit im Revier als sonst irgendwo. Die Kosten überstiegen bei weitem die Einnahmen aus dem Fleischverkauf. Allein die Wärmebildkamera habe 4000 Euro gekostet; den Pick-up brauche er nur fürs Revier. Wenn Tiere Schäden anrichten, muss der Jäger Landwirte entschädigen.

Wegen der vielen Aufgaben sind längst nicht alle Jäger nachts unterwegs. Spezialausrüstung wie eine Wärmebildkamera haben die wenigsten. Für Nachtzieltechnik ist eine Ausnahmeerlaubnis nötig. Im Landkreis Würzburg mit Kirchners Revier wird laut Landratsamt in 15 Prozent der Reviere damit gejagt. Bayernweite Zahlen gibt es nicht.

Kirchner liebt die Dunkelheit mit der besonderen Herausforderung, wenn das natürliche "Büchsenlicht" nicht mehr ausreicht. "Mich fasziniert das Waidwerk bei Nacht. Weil ein sehr hoher Anspruch an Können und Ausrüstung nötig ist - nur so stellt sich der Erfolg beim Schwinden des Büchsenlichts ein."
(Vanessa Köneke, dpa)

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