Leben in Bayern

August Linner ist pensionierter Müller. Seine Kraillinger Mühle dient jetzt als romantisches Standesamt. (Fotos: dpa)

01.08.2018

Mit Kreativität gegen das Mühlensterben

In den vergangenen hundert Jahren ist der aktive Mühlenbestand an Bayerns Flüssen von 4000 auf etwa 230 geschrumpft. Die Besitzer werden kreativ, damit die klappernden Räder nicht für immer stillstehen

Ja, beim Ja-Wort sei er meistens dabei - wenn auch im Hintergrund, sagt August Linner und blickt lächelnd auf das Mühlrad hinter ihm, das sich gemächlich im Wasser dreht. Schließlich finde er es immer wieder aufs Neue schön, wenn in seiner Mühle geheiratet wird, sagt der 68-Jährige.

Seine Mühle - die Linnermühle - steht südlich von München in Krailling (Landkreis Starnberg) idyllisch an einem Seitenarm der Würm und ist mittlerweile eine Rarität. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg begann in ganz Deutschland das, was umgangssprachlich als "Mühlensterben" bezeichnet wird. "Von vormals über 4 500 Mühlen in Bayern ist nur etwas mehr als ein Prozent übrig geblieben", sagt Josef Rampl, Geschäftsführer beim Bayerischen Müllerbund.

Wie viele aktive Mühlen es in Bayern gibt, lässt sich laut Rampl nicht exakt sagen. "Aber die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung hat 56 Mühlen gelistet, die mehr als 1000 Tonnen Getreide pro Jahr vermahlen - also noch eine Marktbedeutung haben", sagt der Geschäftsführer. Rampl schätzt, dass in Bayern noch etwa 120 Mühlen Getreide verarbeiten - ein Großteil aber nur noch im Nebenerwerb.

Linnermühle: Vor 40 Jahren musste der Vater die Müllerei aufgeben

Die Linnermühle gehört nicht zu diesen 120 Exemplaren - das letzte Mal wurde hier schon vor mehr als 40 Jahren gemahlen. "Damals hat mein Vater aus wirtschaftlichen Gründen die Müllerei aufgegeben", sagt Linner. Bis 2006 versorgte die Mühle dann noch das daneben stehende Sägewerk im Familienbetrieb, doch als auch dieses stillgelegt und anschließend abgerissen wurde, hatte das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert ausgedient. Und Linner musste sich entscheiden: Die Mühle stilllegen und sich selbst überlassen, oder das Gebäude restaurieren und schauen, was sich daraus ergibt.

Die Mühle abzureißen und lukrative Wohnungen auf das Grundstück zu bauen, kam damals wie heute nicht in Frage. "Das Gebäude steht unter Denkmalschutz und der Grund ist kein Bauland", sagt Linner. "Also habe ich die Mühle zwei Jahre lang restauriert." Geholfen hat dabei das Amt für Denkmalschutz - sowohl bei der Beratung, was überhaupt gemacht werden darf, als auch finanziell. Einen Restbetrag hat Linner selbst investiert, bis unter anderem das Dach erneuert, die Fassade neu gestrichen und die Fenster teilweise ausgetauscht war. Innen ist fast alles beim Alten geblieben - auch wenn die Rutschen und Mahlsteine nicht mehr in Betrieb sind.

Linner ist in Bayern längst nicht der Einzige, der seine Mühle erhalten will. Ein eigener Verein - der Bayerische Landesverband für Mühlenkunde und Mühlenerhaltung - unterstützt die Besitzer der Gebäude. "Wir betreuen etwa 105 Mühlen in ganz Bayern, helfen bei historischer Recherche, bringen Mühlenfreunde zusammen, unterstützen Käufer und bündeln auf unsere Webseite Informationen über die Mühlen", sagt Geschäftsführer Hans Georg Walzer. Er schätzt, dass von den Mühlen im Verband nur noch eine Handvoll tatsächlich Mehl produziert, "80 bis 90 Stück laufen nur noch aus Idealismus oder wurden noch nicht abgerissen, weil sie unter Denkmalschutz stehen", sagt Walzer.

Verantstaltungsorte, Museen, Ökoläden - einige Mühlenbesitzer bauen um

Damit die Besitzer der historischen Gebäude finanziell nicht draufzahlen, sind einige kreativ geworden: Sie stellen die Mühlen für Veranstaltungen zur Verfügung, bauen sie zu kleinen Museen aus, öffnen Ökoläden und verkaufen den Strom, der durch die Wasserkraft entsteht. "Die Einspeisevergütung ist sicherlich für die meisten die größte Einnahmequelle", sagt Walzer.

Auch das Mühlrad der Linnermühle produziert Strom: "Dieser reicht für etwa 20 Familien", sagt Linner. Unter anderem versorgt die Mühle auch sein Haus nebenan. Dass in den Gemäuern auch Hochzeiten und Konzerte sowie Vorträge stattfinden, war vor rund zehn Jahren die Idee der Gemeinde. Der gelernte Müller sagte sofort zu, seitdem kommen neben Musikern, interessierten Gruppen, Vortragenden und Zuhörern auch Heiratswillige in die alte Mühle.

Anfangs waren es nur ein paar Trauungen pro Jahr. Mittlerweile hat sich die schöne Kulisse in und um München rumgesprochen und es finden jede Woche mehrere Zeremonien zwischen den historischen Getreidemühlen statt. Für Linner sind die Hochzeiten und Veranstaltungen mehr Hobby als Arbeit. "Ich bin in Rente und eigentlich täglich an der Mühle - und das sehr, sehr gerne. Ich bin ja mit der Mühle und am Wasser groß geworden", sagt er. Dann schnappt er sich einen Rechen und fischt ein kleines Spielzeug aus dem Wasser, das wie so vieles hier täglich angeschwemmt wird.
(Elena Koene, dpa)

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