Leben in Bayern

Andrea und ihr Mann Hector mit ihren beiden Kindern stoßen an ihren Biertisch auf der leeren Theresienwiese an. (Foto: dpa/Angelika Warmuth)

20.09.2021

München feiert auch ohne Oktoberfest

Die Wiesn ist abgesagt - doch die Münchner lassen sich die Stimmung nicht verderben. In Tracht feierten sie den abgesagten Wiesn-Auftakt in Gaststätten und mit Picknickkorb auf der Theresienwiese. Nächstes Jahr will München wieder ein echtes Oktoberfest haben

Wolkenlos blauer Himmel, Menschen in Tracht auf dem Weg zur Theresienwiese - es wäre ein Bilderbuch-Start für das Oktoberfest geworden. Zum zweiten Mal ist das größte Volksfest der Welt wegen der Pandemie abgesagt. Trotzdem hieß es in München am Samstag "Ozapft is". In Wirtshäusern wurden zum ursprünglich geplanten Wiesn-Start um 12.00 Uhr Bierfässer angestochen. Auf der Theresienwiese sammelten sich Wiesn-Fans mit Brotzeitkorb und mitgebrachtem Bier und prosteten sich um 12.00 Uhr zu.

Umweltschützer zelebrierten einen "Wiesneinzug der Klimaheld*innen" - anstelle der Wiesnwirte. Auch eine Gruppe von Grünen warb für Klimaschutz. Die Zeit ohne Oktoberfest mit seinen Bierzelten, Fahrgeschäften und sechs Millionen Besuchern habe der Theresienwiese gut getan. Endlich sei sie wieder eine echte Wiese und nicht nur eine Schotterfläche. Es war ein friedlicher Auftakt der Nicht-Wiesn: Die Polizei meldete am Sonntag: "Alles ohne Störung."

Normalerweise hätte am Samstag der amtierende Münchner Oberbürgermeister das größte Volksfest der Welt mit dem Anzapf-Ritual eröffnet. Nun schwangen in Gaststätten Braumeister und Wirte, aber auch ein Pfarrer und ein Playmate den Schlegel. Auch ein Minister war dabei: Brauchte Bayerns Justizminister Georg Eisenreich (CSU) im Augustiner Klosterwirt zwei Schläge und einen kleinen Nachschlag, musste ein paar Schritte weiter im Hofbräuhaus Wiesnplaymate 2021, Vanessa Teske (26), zwölf Mal zuschlagen, ehe das Bier floss.

Auch Alt-OB Ude durfte anzapfen

Der Münchner Alt-Oberbürgermeister und ehemalige Anzapfkönig Christian Ude (SPD) zapfte im Schiller Bräu wie in alten Zeiten mit zwei Schlägen an - er hatte das als erster OB 2005 bei dem 200-Liter-Fass auf dem Oktoberfest geschafft. Im vergangenen Jahr war Ude nicht ganz so gut in Form und brauchte eine Reihe Schläge mehr. "In meinem Alter fragt man nicht mehr, wie viele Schläge braucht er, sondern wie viele Schläge schafft er noch", witzelte der 73-Jährige.

"Die Wiesn ist ein tiefes Lebensgefühl", sagte Gregor Lemke, Sprecher der Münchner Innenstadtwirte, zum Auftakt der Wirtshauswiesn in gut 50 Gaststätten. Dort, aber auch in der Stadt und auf der Theresienwiese, herrschten Dirndl und Lederhose vor. Michael und Maximilian hatten sich am Samstag schon vormittags an den Stufen zur Bavaria postiert, zum "Anstich" öffneten sie ein Fünf-Liter-Fass und prosteten sich zu. "Die schaffen wir." Es sei ja früh am Tag.

Andrea und Hector zogen mit ihren Söhnen und einer Bierbank aufs Festgelände. Im Gepäck: Bier, Brezn und Obazda. Sie seien gekommen, "weil wir die Wiesn vermissen", sagte Andrea. "Ich dachte, wir müssen das tun." Andere machten es sich auf Decken gemütlich.

Eine Gruppe aus Hofstarring im Kreis Erding, mit Bierbank und reichlich Bier angerückt, feierte als Rekord "das kleinste Bierfass, das je auf der Wiesn angestochen wurde" - ein Zehn-Liter-Fass.

Auch auf der Theresienwiese wird getrunken

Anders als im Vorjahr herrschte auf der Theresienwiese kein Alkoholverbot. Sie sei eine öffentliche Grünfläche, sagte der Wirtschaftsreferent und Wiesnchef Clemens Baumgärtner (CSU) vorab. "Die kann im Rahmen der Vorschriften jeder nutzen, wie er will. Es darf auf der Theresienwiese auch Bier getrunken werden."

Das taten einige ausgiebig. Am Samstagnachmittag sah man auf dem Festgelände wie nach einem echten Wiesnanstich wankende Gestalten in Tracht - allerdings nicht Zehntausende, sondern nur ein paar Dutzend.

Im nächsten Jahr soll hier wieder Bier in Strömen fließen. Laut Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und Baumgärtner laufen derzeit Planungen für ein Oktoberfest 2022. Es würden Konzepte entwickelt, "wie die Wiesn 2022 stattfinden kann und die Besucherinnen und Besucher so sicher wie irgend möglich Spaß haben können", sagte Reiter der Deutschen Presse-Agentur. In der "Augsburger Allgemeinen" (Samstag) kündigte er an, er wolle "allerspätestens im April nächsten Jahres" über das Oktoberfest 2022 entscheiden. "Ich möchte auf jeden Fall, dass es in meiner Amtszeit bei zwei Wiesn-Absagen bleibt."

Vorerst sollen neben Wiesnbier und Wirthauswiesn auch virtuelle Wiesnführungen die Fans bei der Stange halten. Nicht nur virtuell können Menschen auf kleineren Volksfesten feiern. In Straubing strömten Besucher auch am Sonntag zahlreich zum dortigen Herbstfest, maximale Besucherzahl: 999. In Bayreuth läuft die "Herbstgaudi".

Der Vorsitzende des Münchner Schaustellervereins, Peter Bausch, kritisierte, nun gebe es in München ein Volksfest in Gaststätten ohne Fahrgeschäfte und andernorts teilweise Fahrgeschäfte ohne richtiges Bierzelt. "Es ist alles auseinander gerupft. Ich verstehe nicht, warum das nicht zusammen funktioniert. Und für unsere Volksfeste, wie wir sie kennen, fehlt immer noch die Perspektive."
(Sabine Dobel, dpa)


Cholera, Krieg, Inflation: Zwei Dutzend Oktoberfeste ausgefallen
Zwangspausen hat es beim Oktoberfest auch in früheren Zeiten gegeben. Gut zwei Dutzend Mal ist das Volksfest in seiner über 210-jährigen Geschichte ausgefallen. Im vergangenen und in diesem Jahr war der Grund die Corona-Pandemie. Bereits im 19. Jahrhundert war das Volksfest zwei Mal an einer Seuche gescheitert - damals tobte die Cholera.

1810 hatte München zur Hochzeit von Kronprinz Ludwig - der spätere König Ludwig I. - mit Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen das erste Oktoberfest gefeiert. Schon das vierte Oktoberfest 1813 wurde gestrichen - wegen der Kämpfe mit Napoleon.

Ein paar Jahrzehnte später griff die Cholera um sich. Zwei Mal wurde das Fest deswegen abgesagt: 1854 und 1873. In der ersten Welle starben in München fast 7400 Menschen. Unter ihnen war auch Königin Therese, der zu Ehren die Wiesn zum ersten Mal stattgefunden hatte und nach der das Festgelände, die Theresienwiese, benannt ist. Bevor die Cholera knapp zwanzig Jahre später zurückkehrte, ließ im Jahr 1866 der preußisch-österreichische Krieg keine Feierlaune aufkommen, Bayern war hier an der Seite Österreichs dabei.

Auch während der Weltkriege gab es keine Oktoberfeste. So feierte München von 1914 bis 1918 nicht. 1919 und 1920 fanden zwar kleine Herbstfeste statt, die aber nicht als Oktoberfeste zählen. 1923 wiederum hatten die Menschen wieder andere Sorgen: die Hyperinflation. Auch in diesem Jahr gab es keine Wiesn, ebenso während des Zweiten Weltkriegs. Erst 1949 ging es wieder richtig los.

Gut 70 Jahre wurde dann jedes Jahr gefeiert - bis die Corona-Pandemie dann im vergangenen Jahr und diesem Jahr eine erneute Pause erzwang.
(dpa)

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