Leben in Bayern

Der FC Bayern München, hier bei einer Gedenkaktion mit Spielern des FC Augsburg, befasst sich mit seiner Vergangenheit. (Foto: dpa/Eibner-Pressefoto, Heike Feiner)

10.04.2026

NS-Aufarbeitung bei Vereinen: Schmerzhafte Erinnerungen

Die Aufarbeitung der Vereinsgeschichte in der NS-Zeit fällt vielen Klubs schwer – nicht jeder geht damit so offen um wie der FC Bayern München

Oft wartet es im Keller darauf, entdeckt und bearbeitet zu werden: Viele Traditionsvereine besitzen umfangreiches schriftliches Material aus der NS-Zeit. Doch es fehlte und fehlt an Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Nicht selten auch an Interesse.

Vorbildlich ist in dieser Hinsicht der FC Bayern München: Vor etwas mehr als zehn Jahren begann er, seine Vereinsgeschichte im Dritten Reich aufzuarbeiten. 2016 wurde eine Wanderausstellung mit den Ergebnissen auf Tour geschickt.

Wie verhielten sich die Angehörigen von Vereinen, also die aktiven und passiven Mitglieder, die Sponsoren und vor allem die Vorstandschaft während der NS-Zeit? Wie ging man um mit dem Zwang, nun nationalsozialistisch organisiert arbeiten zu müssen? Wie wurden jüdische Vereinsmitglieder behandelt? All das sind Fragen, denen in vielen Traditionsvereinen noch nicht nachgegangen wurde.

Einen Überblick gibt es nicht

Einen Überblick darüber, welche Vereine sich ihrer Geschichte angenommen haben, gibt es nicht, erklärt Martina Steber, stellvertretende Direktorin des Münchner Instituts für Zeitgeschichte. Wobei sie weiß, dass mancherorts eine Aufarbeitung energisch abgewehrt wird. Dass seit 2016 im Detail bekannt ist, wie der FC Bayern München während der NS-Zeit agierte, ist unter anderem dem Institut für Zeitgeschichte zu verdanken. In einer Studie wurde die Historie des Clubs zwischen 1929 und 1949 untersucht.

Viele Juden wirkten bis 1933 im Verein mit. Kurt Landauer, FCB-Präsident jüdischer Herkunft, führte den Verein 1932 zur ersten Deutschen Meisterschaft. Am 22. März 1933 gab er freiwillig sein Amt ab. In der Klubzeitung stand, dass er im Interesse des Clubs, dessen Wohlergehen ihm nach wie vor am Herzen liege, glaube, diesen Schritt unbedingt tun zu müssen. 1938 wurde Landauer für vier Wochen ins Konzentrationslager Dachau verschleppt.

Im Falle des FCB konnte eine Menge schriftliches Material gesichtet und ausgewertet werden. So sind etliche Briefe von dem 1939 in die Schweiz geflüchteten Ex-Klubpräsidenten erhalten. Ein dreiköpfiges Team des Jüdischen Museums München erschloss sie. 2014, zwei Jahre, bevor die Wanderausstellung Der FC Bayern München im Nationalsozialismus. Opfer, Mitläufer, Täter eröffnet wurde, zeigte das Jüdische Museum eine temporäre Installation mit dem Titel Fanshop Kurt Landauer.

Forschung, Lücken und Widerstand

In der NS-Zeit waren Kräfte am Werk, denen man sich, ohne sich selbst zu schaden, nur schwer widersetzen konnte. Doch es gab Widerstand. Das fand man bei der Aufarbeitung der Geschichte des 1844 gegründeten Weilheimer Chorkreises heraus. Ernst Lobisch, ehemaliger Notenwart, befasst sich hier seit acht Jahren mit dem, was in der NS-Zeit geschah. Er stieß auf einen Chorleiter, der sich geweigert hatte, anlässlich des 100-jährigen Chorjubiläums 1944 nationalsozialistische Kampflieder singen zu lassen. Über den Sängerbund wurde ihm dieser Befehl ausgerichtet. Das Jubiläumsfest fand am Ende nicht statt.

Über das Verhalten und die Einstellungen des Chorvorstands etwas herauszufinden, ist schwierig. Beim Sichten der Unterlagen fiel Ernst Lobisch auf, dass alle Protokolle bereits ab 1933 mit „Heil Hitler!“ unterschrieben worden waren. Ob es jüdische Chormitglieder gab, ist bis dato nicht bekannt. Doch der Weilheimer vermutet dies. Und zwar deshalb, weil bei der Chorgründung alle Weilheimer Honoratioren angesprochen worden waren. Zu ihnen gehörte auch der jüdische Weltkriegsteilnehmer Emil Buxbaum, der ein Kaufhaus direkt am Weilheimer Marienplatz hatte. 1941 wurden er, seine Frau und seine Tochter von SS-Leuten in Litauen erschossen.

Als sich Ernst Lobisch der unveröffentlichten Chronik zum 100-jährigen Jubiläum des Vereins 1944 annahm, schöpfte er bald den Verdacht, dass die nach dem Krieg manipuliert worden war: „Sie war sehr kritisch gegenüber den Nazis.“ So etwas hätte man 1944 nicht schreiben können. Er nahm die Chronik näher unter die Lupe und fand heraus, dass die Schreibmaschine gewechselt worden sein musste, als es um die Passagen des Vereinslebens im Dritten Reich ging. Schließlich entdeckte er, dass eine Drittelseite einfach ausgeixt worden war.

Aufarbeitung braucht Zeit

Bis die Geschichte eines Traditionsvereins aufgearbeitet ist, kann es Jahre dauern. In Starnberg ist Hans Michael Jungwirth, Vorsitzender des dortigen TSV, gerade auf der Suche nach jemandem, der darauf Lust hätte. Der TSV Starnberg wurde 1880 gegründet. Das bedeutet: In vier Jahren, 2030, wird 150-Jähriges gefeiert. Zu diesem Anlass soll eine neue Chronik herausgegeben werden. Die letzte stammt aus dem Jahr 2005. Über die Vereinsgeschichte in der NS-Zeit ist dort laut Hans Michael Jungwirth relativ wenig zu lesen.

Die alte Chronik müsste also nicht nur fortgeführt, sondern auch vertieft werden, was die Zeit im Dritten Reich anbelangt. Wie hatten sich hier ab 1933 jene Vereinsmitglieder verhalten, die Ämter innehatten? War irgendein Angehöriger des Vereins jüdischen Glaubens? Wenn ja, was ist mit ihm passiert? Hans Michael Jungwirth wünscht sich eine Aufarbeitung: „Wir haben keine Berührungsängste.“ Nur konzentriert sich im Moment alles auf die millionenschwere Sanierung oder den Neubau der maroden Sporthalle.

Reichlich historisches Material ist beim TSV Hof 1861 aufbewahrt. Der 85-jährige Giselher Jäger, bis vor Kurzem Vereinsvorstand, verwaltet das Archiv. Auf etliche Protokolle zwischen 1861 und 1936 ist er inzwischen gestoßen. Viele seien schlecht leserlich. Einige handschriftlich verfasst: „Zum Teil in deutscher Schrift.“ Kurios: Zwischen 1936 und 1945 sind keine Protokolle vorhanden: „Jedenfalls bin ich bisher nicht fündig geworden, vielleicht finde ich ja noch etwas, aber ich glaube es nicht.“

Giselher Jäger stößt immer wieder auf Interessantes. Zum Beispiel auf eine Aussage des damaligen „Vereinsführers“ Georg Müller von 1934: „Unser Führer Adolf Hitler gab uns die allgemeine Wehrpflicht wieder. Vor einigen Tagen sahen wir ein Plakat, auf dem der Turner und der Soldat sich die Hand zu edlem Wettstreit reichen. Es wird wieder einmal die Zeit kommen, in der das Turnen einen nie gesehenen Aufschwung zu verzeichnen hat. Denn ich kann aus Erfahrung sagen, wie leicht es für uns Turner war, Soldat gewesen zu sein.“

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde eindeutig klar, wie menschenverachtend, teuflisch und abartig das nationalsozialistische System gewesen war. Wobei das Bewusstsein, wie tief der Nationalsozialismus in die deutsche Gesellschaft eingeflochten war, erst in den vergangenen 25 Jahren gewachsen ist, sagt Martina Steber vom Institut für Zeitgeschichte. In der Nachkriegszeit, so Martina Steber, wurde die Verantwortung für Verfolgung, Massenmord und den Vernichtungskrieg „auf eine kleine Clique überzeugter Nationalsozialisten an der Spitze des Reiches transferiert“.

Die Mehrheit konnte sich reinwaschen

Die Mehrheit der deutschen Gesellschaft konnte sich dadurch reingewaschen fühlen. Längst ist bekannt, in welchem Maße man sich selbst damit betrogen hatte. Wobei bis heute nicht alle der Wahrheit ins Gesicht sehen wollen. Gerade, wenn ein gewichtiges Jubiläum ansteht, möchte man seinen Verein natürlich so positiv wie möglich darstellen. Martina Steber rät dennoch, mit kritischem, unvoreingenommenem Blick an die eigene Vereinsgeschichte heranzugehen – auch über die vereinseigenen Überlieferungen hinaus. (Pat Christ)

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