Leben in Bayern

30.11.2018

Nürnbergs fünfte Jahreszeit

Der Christkindlesmarkt stellt die Frankenmetropole jetzt wieder auf den Kopf – jedes Jahr kommen mehr Gäste in die Stadt

Die fünfte Jahreszeit in Nürnberg hört auf einen Namen: Christkindlesmarkt. Wenn der weltberühmte Weihnachtsmarkt auf dem Hauptmarkt stattfindet, spielt die fränkische Metropole verrückt. Mit dem Prolog des Christkindes geht die närrische Zeit in Nürnberg los. Genau um 17.30 Uhr wird Rebecca Ammon am heutigen Freitag im Engelskostüm auf die Empore der Frauenkirche steigen und den Markt mit einem weihevollen Gedicht eröffnen.

Tagestouristen rennen dem „Städtlein aus Holz und Tuch“ dann beinahe rund um die Uhr die Türen ein. Fast 150 Busse steuern täglich den Hauptmarkt an. Aus England landet sogar eine Sondermaschine am Albrecht-Dürer-Flughafen, um neue und alte Fans der „Christmas-City“ in Nürnberg auszuspucken. Hotelzimmer sind im Dezember rund um den Plärrer beinahe so rar wie Meisterfeiern beim 1. FC Nürnberg.

Sogar eine Sondermaschine fliegt in die „Christmas-City“

Fast 200 Händler bringen Lebkuchen und Früchtebrot unter die Leute. Ohne eine fränkische Bratwurst im Brötchen und einen heißen Glühwein in der Tasse geht kaum ein Besucher des Christkindlesmarkts nach Hause. „Ein Tagesgast gibt rund 30 Euro auf dem Christkindlesmarkt aus. Ein Übernachtungsgast rund 200 Euro“, erklärt der Nürnberger Wirtschaftsreferent Michael Fraas (CSU). Mehreinnahmen in Höhe von rund 130 Millionen Euro spült der „älteste und sicher berühmteste Christkindlesmarkt der Welt“ den Händlern, Gastronomen und Hoteliers der fränkischen Metropole zusätzlich in die Kassen.

„Wir haben viele junge Besucher, die sich hier jeden Abend auf einen Glühwein verabreden. Der Christkindlesmarkt fühlt sich wirklich ein bisschen wie die ,fünfte Jahreszeit’ in der Stadt an. Nur eben viel besinnlicher, harmonischer und traditioneller“, sagt Christine Beeck vom Marktamt der Stadt. Allein elf Marktbuden braten Bratwürste am Fließband. An zehn Ständen werden die Besucher des Christkindlesmarkts mit Glühwein versorgt – heuer wird er in einer Tasse ausgeschenkt, die mit Eppelein von Gailingen einen Ritter ziert, den in Nürnberg fast jedes Kind kennt. Der fränkische Raubritter hat die Herzen der Nürnberger einst mit einem fulminanten Sprung von der Kaiserburg erobert. Der Hufabdruck des Pferds soll noch heute auf der Burgmauer zu sehen sein.

Über zwei Millionen Besucher aus aller Welt haben die rot-weiße Weihnachtsstadt im vergangenen Jahr sehen wollen. Laut Yvonne Coulin, Leiterin der Tourismus-Zentrale, werden es immer mehr. „Im vergangenen Dezember hatten wir Rekordübernachtungen von über 326 000“, erklärt sie, das sei eine Steigerung in Höhe von zehn Prozent. Nach den Amerikanern würden besonders die Italiener und Spanier auf Nürnberg in der Weihnachtszeit stehen. Neben Glühwein und Bratwurst würden die Touristen auf dem Christkindlesmarkt auch „waschechte Franken“ suchen.

Ein bisschen moderner würde sich Peter Lößel allerdings den Markt wünschen. Er ist auf dem Christkindlesmarkt mit einem Bratwurststand vertreten. „Ich fände es gut, wenn wir auch Bier und Pommes verkaufen dürften“, meint er. Die Touristen jedenfalls würden immer mit dem Kopf schütteln, wenn zur „Sausage mit Kraut“ kein Bier gereicht werden dürfe. Die Lößels sind bereits seit 1927 im Bratwurst-Business.

Bier und Pommes sind tabu – das gefällt nicht jedem

Bier und Pommes aber verbietet die strikte städtische Marktordnung mit Verweis auf die Tradition. „Heute gibt es auch keine Tanzbären und Feuerschlucker mehr“, meint Lößel dazu. Die gute Laune lässt er sich von der Sturheit der Stadt aber nicht verderben. Denn heuer darf Lößel mit seinem Bratwurststand auf dem Sahneplatz direkt beim „Schönen Brunnen“ stehen. „Die Plätze für die Bratwurststände wechseln jedes Jahr. Das ist hier wirklich der allerbeste Platz“, sagt Lößel, der sich schon auf die Menschenmassen freut, die seinen Bratwürsten beim Vorbeigehen nicht widerstehen werden können. Lößels Geschäftsgeheimnis: „Die Bratwürste kommen ganz frisch mit ganz viel Majoran auf den Grill.“

„Wir wollen authentisch bleiben mit unserem Christkindlesmarkt“, betont Wirtschaftsreferent Michael Fraas (CSU) und erteilt nicht nur Bier, sondern auch lebenden Krippen und anderem Firlefanz eine klare Absage. Dafür gibt es heuer Krapfen mit dem Christkindlesmarkt-Logo aus Puderzucker für Freunde der Tradition.
(Nikolas Pelke)

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