Leben in Bayern

Hier scheint man noch zu wissen, wo es langgeht, wenn es um Martin Luther und die Reformation geht. Pfarrer Werner Thiede beklagt in seinen neuen Buch "Evangelische Kirche - Schiff ohne Kompass?", dass die evangelische Lehre ihren Weg verloren hat. (Foto: dpa)

30.10.2017

Orientierungslos und ohne Kompass unterwegs

500 Jahre Luther: Ein neues Buch zur Kursbestimmung der evangelischen Kirche von Wener Thiede fragt, wo denn die protestantische Lehre geblieben ist

Die evangelische Kirche scheint die allgemein-christliche und speziell-protestantische Lehre ein Stück weit vergessen zu haben. Sie gleicht bisweilen einem Schiff, das orientierungslos, ohne Kompass unterwegs ist. Pfarrer Werner Thiede, an der Universität Erlangen-Nürnberg apl. Professor für Systematische Theologie und seines Zeichens Publizist, weiß hierfür zahlreiche Beispiele aufzuführen und weist die einzelnen Verluste detailliert nach.

Dabei geht er mit einer klaren Logik vor. So fragt er beispielsweise zuerst nach der Hoffnung auf die Auferstehung bzw. der Erlösung der Seele nach dem Tod. Denn diese gibt es im Protestantismus kaum mehr – dank zeitgeistig-ungläubiger Einwirkung von außen und theologischer Ganztod-Theorie von innen.

Doch damit hängt die reformatorisch so betonte „Rechtfertigungslehre“ vollkommen in der Luft. Im zehnjährigen Vorfeld („Luther-Dekade“) des Großereignisses 500 Jahre Thesenanschlag 1517 wurde wieder und wieder wortreich jene zentrale Entdeckung Luthers vom Freispruch im Endgericht um Jesu Christi willen hochgehalten, aber sie ist nur hohle Fassade, wenn die Perspektive aufs letzte Ziel aller Dinge in der evangelischen Kirche immer weniger thematisiert wird.

Analog werden weitere Defizite aufgezeigt: vom Verzicht auf Mission über die Vernachlässigung der Bekenntnisinhalte bis hin zum Erodieren des für die Reformatoren so zentralen Christus- und des Schriftprinzips.

Thiede belässt es aber nicht bei der Analyse von Fehlentwicklungen, sondern kommt in einem zweiten Hauptteil auf die „Vergewisserungen“ zu sprechen, auf die die Reformatoren die Kirche gegründet wissen wollten: auf ihren schlichten, vom katholischen Herkommen deutlich unterschiedenen Kirchenbegriff (auch Melanchthon, Zwingli und Calvin werden da thematisiert), ihr ebenfalls verjüngtes Verständnis von Amt, Ordination und Kirchenleitung sowie ihre verschlankte Sakramentenlehre. Ein dickes Kapitel untersucht Geschichte und Gegenwart der Visitation. Alle Zitate und wichtigen Aussagen sind übrigens im Anhang präzise belegt, wo sich auch ein Namensregister findet. 95 Thesen, im Reformationsgedenkjahr 2017 beinahe schon so etwas wie eine Pflichtübung, runden das gehaltvolle Buch ab, das selbst zu einem Kompass werden könnte.
(Ulrich Schneider-Wedding) (Evangelische Kirche – Schiff ohne Kompass? Impulse für eine neue Kursbestimmung, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 2017, 280 Seiten, 29,95 Euro)

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