Leben in Bayern

Mit dem Klang dieser Zimbel beginnt Herbert Wimmer jede Beratung – für manche Männer ist das gewöhnungsbedürftig. (Fotos: Pat Christ)

15.03.2019

Reden statt zuschlagen

Das Würzburger Projekt ManPower kämpft gegen Gewalt in Partnerschaft und Familie – in Gruppenarbeit und Rollenspielen lernen Täter den Umgang mit ihren Aggressionen

Frauenhäuser reichen nicht. Eine echte Chance, häusliche Gewalt einzudämmen, gibt es nur, wenn auch mit den Tätern gearbeitet wird, ist der Würzburger Herbert Wimmer überzeugt. Mit seinem Projekt ManPower berät der Sozialarbeiter rund 60 Männer im Jahr – viele über Monate hinweg. Das Ziel: Den Tätern zu zeigen, dass es immer Alternativen gibt. Denn Gewalt passiert nie „einfach so“.

Vor drei Jahren lernte Christian Baader* seine letzte Lebenspartnerin kennen. Zwei Jahre später zogen die beiden zusammen. Damit begann das Verhängnis. Denn der 37-Jährige geriet in ein Familiengefüge, das bisher gut ohne Mann auskam. Seine bis dahin alleinerziehende Lebenspartnerin hatte zwei jugendliche Töchter. Wie sehr die drei zusammengluckten, war für Baader unerträglich. Er fühlte sich innerhalb der Familie oft ausgeschlossen. Isoliert. In die zweite Reihe gestellt. An einem Abend eskalierte die Situation. Baader war gerade von einem anstrengenden Schichtdienst nach Hause gekommen. Tief im Inneren hatte er sich nach Zuwendung gesehnt. Doch wieder drehte sich alles um die beiden Mädels. Es war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Es kam zum heftigen Wortwechsel. Dann zum lauten Streit. Schließlich packte Baader seine Partnerin und schmiss sie zu Boden. Die war entsetzt und rief die Polizei. Die Beamten erteilten ihm einen Platzverweis.

Doch dabei beließen es die Polizisten nicht. Sie fragten Baader, ob sie seine Daten an das Würzburger AWO-Projekt ManPower weitergeben dürften. Der Sozialarbeiter Herbert Wimmer, der es 2001 gegründet hat, ist überzeugt: Frauenhäuser reichen nicht. Eine echte Chance, häusliche Gewalt einzudämmen, gibt es nur, wenn auch mit den Tätern gearbeitet wird. Den Namen ManPower habe er gewählt, „weil ich an die Kraft der Veränderung glaube“, erklärt Wimmer. Dutzende Männer hat er inzwischen beraten und begleitet. In Gruppen und im Einzelgespräch. Wimmer arbeitet gemeinsam mit seinen Klienten heraus, warum Männer gewalttätig werden, ihre Frau schlagen oder sogar die Kinder. 60 Männer aus Stadt und Kreis Würzburg begleitet Wimmer mit seinem Gewaltstopp-Projekt pro Jahr.

Mit Rollenspielen Empathie erzeugen

Baader willigte ein, dass die Polizisten seine Daten weitergeben. „Wenn irgend möglich, nehme ich bereits am nächsten Tag Kontakt auf“, sagt Sozialarbeiter Wimmer. Denn es sollte möglichst wenig Zeit zwischen der Tat und deren Aufarbeitung verstreichen. Eine Woche nach dem Vorfall saß Baader dem Berater zum ersten Mal gegenüber. Womit er in eine für ihn völlig neue Welt eintauchte. Alles erschien ihm zunächst ziemlich befremdend. Wimmer fängt zum Beispiel jede Beratungsstunde damit an, dass er die Becken einer kleinen Zimbel zusammenschlägt: „Nun beginnt die Zeit für Sie.“ Die Sitzungen beschränken sich auch nicht nur aufs Reden. „Stehen Sie doch bitte kurz auf und setzen Sie sich auf den Stuhl da drüben“, forderte Wimmer seinen Klienten auf. Der tat das. Wimmer setzte sich ihm gegenüber: „Ich spiele jetzt mal Ihre Frau.“ Statt von einem Psychodrama spricht Wimmer von einem „kleinen Experiment“. Falsch machen könne man dabei nichts. Durch das Rollenspiel sollen die Männer erleben, dass es in jeder Situation eine ganze Palette an Möglichkeiten gibt, zu reagieren. „Das einzusehen ist wichtig für die Männer, denn die meisten stellen die Gewalttat so dar, als hätte es sich um einen Automatismus gehandelt“, so Wimmer. Als etwas, das nicht zu beeinflussen war. Das „einfach passierte“.

Doch nicht nur in der konkreten Situation, sondern schon viel früher gibt es Möglichkeiten, anders zu reagieren. Baader zum Beispiel hatte nie versucht, seiner Partnerin zu erklären, wie viel Frust das ständige Gefühl von Ausgeschlossensein in seiner neuen Familie bei ihm erzeugte. Im Psychodrama drehte Wimmer das Rad der Zeit zurück. Die Gewalttat, imaginierten die beiden, war noch nicht vorgefallen. Baader stellte sich vor, dass er seiner Frau an einem Abend, als die Kinder nicht zu Hause waren, um ein Gespräch bat. Er formulierte den Wunsch nach mehr Gemeinsamkeit. Und danach, die Erziehung der Kinder vielleicht zu überdenken: „Du bemutterst sie zu sehr.“ Bisher hatte er seine Gefühle immer für sich behalten. Was nach wie vor sehr viele Männer machen, sagt Wimmer. Bei Konflikten stieß Baader allenfalls Vorwürfe und Anschuldigungen hervor. Er äußerte nicht, worum es ihm eigentlich ging. Nämlich darum, dass er sich permanent verletzt fühlte.

Acht Monate wurde Baader von Herbert Wimmer begleitet. In dieser Zeit lernte er durch die Methode des Psychodramas, sich in seine Partnerin und die Kinder hineinzuversetzen. Und er lernte sich selbst kennen. Er begriff, dass seine Freundin nie zu ihm gepasst hatte. Sie konnte ihm das, was er von einer Beziehung erwartete, nicht geben. Wimmer: „Es kam schließlich zur Trennung.“
Baader ist nicht das, was man sich unter einem Gewalttäter vorstellt. Aber das sind die wenigsten Männer, die zu Wimmer kommen. „Sie können alle meine Freunde fragen, ich war immer derjenige, der sich aus Schlägereien herausgehalten hatte“, sagte Baader beim ersten Kontakt. Ähnliches hört Wimmer oft. Die meisten Männer erklären, dass sie Gewalt ablehnen. Das Problem ist nur, dass sie, so Wimmer, keine „Friedenstechniken“ gelernt haben. Und so kann es in Situationen, in denen sich Frust über längere Zeit aufgestaut hat, zu aggressiven Ausbrüchen kommen.

Die psychodramatischen Übungen sind das Erfolgsrezept von ManPower. Manchmal, sagt Wimmer, sehe er einzelne Klienten nach vielen Jahren wieder, weil sie sich an die Partnerschafts- und Familienberatungsstelle der AWO wenden. „Sie können sich nicht mehr erinnern, was wir alles besprochen haben, aber an einzelne Szenen der Rollenspiele erinnern sie sich genau“, sagt der Sozialarbeiter und erklärt: „Unser Gedächtnis funktioniert szenisch.“

Wenn jemand eine andere Meinung hatte, flippte er aus

Wimmer seinerseits erinnert sich an viele Szenen, die er mit Klienten durchgespielt hat. Auch zum Beispiel mit Detlef Adam*. Er landete bei ManPower, weil er regelmäßig ausflippte, wenn sein Gegenüber eine komplett andere Meinung hatte. Das war für ihn deshalb so unerträglich, weil Adam, ohne dies jemals reflektiert zu haben, im tiefsten Inneren überzeugt war: Wer meine Meinung nicht teilt, lehnt auch mich als Person ab. Durch die Methode des Psychodramas begriff er, dass er mit dieser Haltung völlig auf dem Holzweg war.

Der Begriff „Weg“ ist für Herbert Wimmers Beratungsarbeit zentral. Viele Menschen, sagt der Sozialpädagoge, steuern in die falsche Richtung. Sie wollen, bildhaft ausgedrückt, eigentlich nach München fahren, rasen allerdings auf der Autobahn auf Frankfurt zu. Würden sie die Ausfahrtsschilder lesen, würden sie erkennen: Dieser Weg bringt mich nicht ans Ziel. Doch genau das geschieht nicht. Im Fall von Baader war bereits das Zusammenziehen mit der Freundin ein Punkt, in dem er die falsche Richtung einschlug. Mit jedem Monat, der danach verstrich, hatte der Würzburger eine weitere „Ausfahrt“ verpasst. Zum Glück aber gibt es viele Ausfahrten. „Es ist nie zu spät, umzukehren und eine andere Richtung einzuschlagen“, betont Wimmer. Selbst wer bereits in Frankfurt gelandet ist, kann noch mal drehen.

Das ist natürlich zwar viel mühseliger, als wäre das Steuer früher herumgerissen worden. Doch die Hauptsache bleibt, dass man irgendwann tatsächlich in München landet.
(Pat Christ)

*Name geändert

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