Leben in Bayern

Eine Regenbogenflagge vor dem Rathaus ruft bei einigen Menschen Widerstand hervor. (Foto: dpa, Lino Mirgeler)

26.06.2026

Regenbogenflaggen spalten die Gemüter

Die Anfeindungen gegenüber queeren Menschen nehmen zu – aber hilft dagegen das Hissen von Fahnen an Rathäusern?

Dass jeder unbehelligt leben sollte, darüber sollte Konsens herrschen. Ebenso darüber, dass gegen Ausgrenzung vorgegangen werden muss. Kritik regt sich jedoch daran, dass bestimmte Gruppen beim Kampf gegen Intoleranz gegenüber anderen vermeintlich bevorzugt werden. Stichwort: LGBTQI+ – ein Akronym für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Der Unmut entzündet sich vor allem an bunten Flaggen, die während örtlicher Christopher Street Days (CSD) an Rathäusern wehen. 

Markus Schlemmer (CSU), neuer Oberbürgermeister in Aschaffenburg, hat das Hissen der Regenbogenflagge am Rathaus heuer abgeschafft. Die Fahne gilt als Symbol für die Toleranz, Akzeptanz, Vielfalt und die Gleichberechtigung von Menschen, deren sexuelle Identität oder Orientierung von der gesellschaftlichen Norm abweicht. „Ich bin der Ansicht, dass Fahnen nicht das beste Mittel sind, um Akzeptanz zu fördern“, erklärt der Oberbürgermeister.

Empörung über Bürgermeister

Das sehen viele Bürger anders. Schlemmers Entscheidung löste weithin Empörung aus. Schließlich fand man einen Kompromiss: An zwei Stellen in der City wurden während des CSD, der in Aschaffenburg am 6. Juni organisiert worden war, Regenbogenflaggen gehisst. Immer wieder musste Markus Schlemmer betonen, dass er die Grundidee des CSD, ein Fest- und Demonstrationstag der LGBTQI+-Gemeinschaft, in keiner Weise sabotieren wollte.

Bürgermeister in Städten, die bisher noch nie Regenbogenfahnen hissten, haben es da leichter: Sie bleiben einfach bei ihrer bewährten Praxis. In Rosenheim etwa gab es noch nie eine Debatte darüber, ob das Rathaus während des sogenannten Pride Month bunt beflaggt werden sollte. In Neu-Ulm hingegen wird die Fahne gehisst. „Für uns ist das selbstverständlich, denn Neu-Ulm ist eine Stadt, die gleichermaßen für Offenheit sowie für Respekt und Toleranz steht“, heißt es von der Pressestelle.

Der CSD an sich gilt heute als Symbol für die Akzeptanz von Anderssein, also konkret zum Beispiel dafür, dass ein exzentrischer Mensch auch in der Öffentlichkeit ruhig exzentrisch sein darf. Und dass man lieben darf, wen man will.

Exzentrisch und provokativ sind sie denn auch oft, die Teilnehmer an Schwulen- und Lesben-Paraden. Vor allem in großen Städten. Das geht so weit, dass Männer schon nackt mitgelaufen sind. Aus diesem Grund werden immer häufiger CSD-Regeln aufgestellt. Tief blicken lässt, dass die oft ausdrücklich auch auf körperliche oder sexuelle Übergriffe als nicht tolerierbares Verhalten hinweisen.

Vielen Bürgern sind die CSDs inzwischen zu lärmig und zu schrill. Wobei es in Freistadt im Vergleich etwa zu Berlin meist sehr zivilisiert zugeht. Darum können auch kleine Städte ganz und gar hinter dem CSD und seinen Forderungen nach Akzeptanz von Anderssein stehen.

Auch in der 24 000-Seelen-Stadt Senden im schwäbischen Landkreis Neu-Ulm soll jeder nach seiner Überzeugung leben können. Beflaggt wird zwar nicht, wenn der CSD im nahen Ulm stattfindet. „Für uns ist entscheidend, dass Vielfalt, Akzeptanz und Respekt als selbstverständlicher Teil unseres Zusammenlebens gelebt werden“, betont Bürgermeisterin Claudia Schäfer-Rudolf (CSU).

Jenseits der Fehde um die Frage, ob an kommunalen Einrichtungen Regenbogenflaggen gehisst werden sollen oder nicht, bleibt Fakt, dass Queere angefeindet werden. Allein im ersten Quartal 2026 gab es nach vorläufigen Analysen bayernweit 32 Straftaten in Bezug auf queere Menschen, teilt das Landeskriminalamt mit. Die Palette reicht von Körperverletzung über Nötigung und Bedrohung bis hin zu „Propagandadelikten“, Sachbeschädigungen und Volksverhetzung. 2025 wurden 180 LGBTQI+-feindliche Straftaten registriert. Das waren etwas weniger als 2023, aber mehr als doppelt so viele wie 2021.

Auch der bayerischen Staatsregierung zufolge gibt es Bürger, „die LGBTQI+ ablehnen, sie ins Private zurückdrängen wollen, von ihrer Vielfalt beängstigt sind“. Forderungen der Community würden kritisch gesehen. Damit Queere in Bayern selbstbestimmt, gleichberechtigt und gewaltfrei leben können, legte die Staatsregierung jetzt einen „Aktionsplan Queer“ vor. Unter anderem sollen Schüler sensibilisiert werden. Die Akademie für Lehrerfortbildung wird deshalb 2027 eine Schwerpunkt-Fortbildung zum Umgang mit LGBTQI+ im Schulalltag sowie über Gewalt gegen LGBTQI+ anbieten.

Dass die Gesellschaft dem Leitgedanken „Vielfalt“ folgen würde, davon kann laut Katharina Pfaff, Leiterin der Psychosozialen Aids-Beratungsstelle Oberpfalz des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK), keine Rede sein. „Wir leben in keiner offenen Gesellschaft, im Gegenteil, man hat eher das Gefühl, dass die Toleranz gegenüber bestimmten Personengruppen ab- und Diskriminierung zunimmt“, sagt sie.

Hasskommentare im Netz

Postet die Aids-Beratungsstelle im Internet Bilder von ihren CSD-Ständen, werde sie mit zahlreichen Hasskommentaren überschüttet. Das zeige, wie weit die Gesellschaft davon entfernt sei, Queersein als „normal“ zu empfinden.

Bürger und Politiker, die Regenbogenfahnen an Rathäusern absolut ablehnen, kann Katharina Pfaff nicht verstehen. „Ich finde es schön, wenn eine Stadt Stellung bezieht und offenkundig zeigt, dass sie für Vielfalt und Toleranz steht und Diskriminierung nicht duldet“, sagt sie. Die Regenbogenflagge drücke ja nicht nur Solidarität mit der queeren Community aus.

Apropos „Gewalt“: Katharina Pfaff erinnert an den CSD in Regensburg 2025. Ein Drohschreiben hatte im vergangenen Jahr dazu geführt, dass die Parade dort nicht wie geplant stattfinden konnte. Es gab stattdessen eine stationäre Kundgebung auf dem Domplatz und danach einen kürzeren Demonstrationszug. In Gelsenkirchen wurde der CSD letztes Jahr „wegen einer Bedrohungslage“ ganz abgesagt. In Emden gab es 2025 am Rande des Christopher Street Day eine Attacke auf mehrere Teilnehmer. Laut der Amadeu-Antonio-Stiftung ist es 2025 bei fast jedem zweiten CSD zu Angriffen und Störungen gekommen.

Die Organisatoren von CSDs in Bayern dürfen jedoch mit einer überwiegend positiven Aufnahme ihrer Veranstaltung in der jeweiligen Stadtgesellschaft rechnen. Breit ist die Solidarität nicht zuletzt in München. Hier wird das Rathaus jedes Jahr beflaggt. Hinzu kommen Beflaggungen von Dienstgebäuden der Verwaltung, in der Fußgängerzone, an Trambahnen und Bussen. „Die Landeshauptstadt bringt damit ihre solidarische und unterstützende Haltung gegenüber der LGBTIQ+-Community zum Ausdruck“, sagt Andreas Unterforsthuber, Leiter der Münchner Koordinierungsstelle zur Gleichstellung von LGBTIQ+.

Dass man Feindseligkeiten nicht durch Flaggen ausschalten kann, ist klar, entgegnet der Sozialpädagoge dem Vorwurf, beim Hissen von Regenbogenfahnen handele es sich um reine Symbolpolitik. „Es geht nicht darum, die Anfeindungen zu verhindern, dafür braucht es andere Wege wie Sensibilisierung, Informationen und Bildung“, sagt er. Städte, die Regenbogenflaggen hissen, machen ihm zufolge deutlich, dass Menschenrechte, das Grundgesetz und demokratische Werte ernst genommen und verteidigt werden.

Natürlich dürfe die Verantwortung hierbei nicht aufhören. Letztlich ist laut Andreas Unterforsthuber entscheidend, wie im Alltag gehandelt wird. Also ob man auch jenseits eines CSD für die Rechte aller Menschen, frei und sicher zu leben, eintritt. (Pat Christ)
 

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