Leben in Bayern

Aktuell umfasst das digitale Archiv 247 Zeitungen. (Foto: Screenshot)

12.11.2021

Reisen in die Zeit des Märchenkönigs

Die Deutsche Digitale Bibliothek ist online – und bietet einen faszinierenden Blick in die Vergangenheit

Natürlich wäre es der Regierung des Königreichs Bayern samt dem neuen amtierenden Staatsoberhaupt, Prinzregent Luitpold, am liebsten gewesen, sie hätten die Ereignisse komplett geheim halten können: Erst wurde Ludwig II.wegen vermeintlichen Wahnsinns festgenommen, entmündigt und interniert – und wenige Tage später fand er gemeinsam mit seinem Psychiater unter bis heute nicht geklärten Umständen den Tod im Starnberger See.

Doch das war beim Zeitungswesen des Jahres 1886 längst nicht mehr möglich. Nicht nur, dass Kanzler Otto von Bismarck dem Deutschen Reich – wenn auch widerwillig – ein im Vergleich zu früheren Zeiten liberaleres Presserecht zugestanden hatte. Auch die Zeitungen selbst waren so professionell geworden, dass sie oft innerhalb von Stunden auf Ereignisse reagieren konnten; viele erschienen mit zwei Ausgaben pro Tag.

Zwar versuchte Johann Freiherr von Lutz, bayerischer Polizei- und Justizminister und Vorsitzender des Ministerrats, noch eine Nachrichtensperre über die kleine Gemeinde Berg zu verhängen – doch vergebens. Die Information über die dramatischen Ereignisse sickerte durch. Kurz darauf berichtete als Erstes die im nahen Königreich Württemberg erscheinende Zeitung Der Teckbote ausführlich über die Ereignisse; sie hatte zufällig einen Informanten vor Ort: „König Ludwig II. von Bayern (...) hat in geistiger Umnachtung den Tod in den Wellen des Starnberger Sees gesucht und gefunden.“ Das war – wie man heute in der Zeitungsszene sagen würde – der nachrichtliche Vorspann.

Anschließend folgen im Stil einer Reportage ausführlichere – nach modernen Maßstäben freilich arg melodramatisch anmutende – Details: „Plötzlich wird der Leidende des stillen Ufers und der leise wogenden Fläche des vielgeliebten Sees ansichtig; die finsteren Geister des Irrsinns überwältigen ihn; (…) der bejahrte Arzt an seiner Seite ist zu schwach, ihn zurückzuhalten; die Spuren eines verzweifelten Ringens zeugen von der Pflichttreue des Arztes, die über das Leben hinausreichte; vom Parkwege zum Ufer sind an mehreren Stellen nur wenige Schritte und das Ufer fällt ziemlich abschüssig in den See. Noch ein schrecklicher Augenblick und – die Fluten nehmen den Leib des Königs auf, bereiten ihm die Erlösung, die sein edler Geist in der Umnachtung gesucht hat.“ Den Teckboten gibt es übrigens heute noch; durchgehend seit 1832 erscheinend, ist er eine der ältesten Zeitungen Deutschlands.

„Nicht ist alt wie die Zeitung von gestern“, lautet eine Volksweisheit – und ist doch unzutreffend. Denn nichts vermittelt einen so genauen Blick auf die öffentliche Meinung zu einer bestimmten Zeit wie der wissenschaftliche Vergleich entsprechender Zeitungen. Doch in historischen Ausgaben von Zeitungen zu recherchieren war bisher schwierig – zumindest, was deutsche Zeitungen betrifft. Denn es gibt zwar in zahlreichen Bibliotheken in der ganzen Bundesrepublik digitalisierte Ausgaben historischer Bestände – aber meist nur der vor Ort erschienenen Blätter.

Jetzt hat die Deutsche Digitale Bibliothek – das gemeinsame Online-Portal der 15 wichtigsten Bibliotheken und Archive in Deutschland, dazu gehört auch die Bayerische Staatsbibliothek München – das gemeinsame Deutsche Zeitungsportal gestartet. Derzeit umfasst es 247 verschiedene Zeitungen aus neun Bibliotheken. Aus etwa 600 000 Ausgaben stehen bereits 4,5 Millionen Zeitungsseiten online. Immerhin 84 Prozent dieses Angebotes sind auf www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper per Volltextsuche recherchierbar. Die Zahl der Titel soll kontinuierlich ausgebaut und alle digitalisierten historischen Zeitungen, die man in deutschen Kultur- und Bildungseinrichtungen aufbewahrt, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Für Historiker*innen, aber auch für interessierte Laien bietet dieses neue Angebot tolle Möglichkeiten. Bisher musste man sich bei den zahlreichen Institutionen – die oft in Einzelprojekten ihre jeweiligen Zeitungsbestände digitalisiert hatten – auf die Suche nach den einzelnen Print-Produkten begeben. Die hitlerkritische Wochenschrift Der gerade Weg etwa gab es nur über das Projekt DigiPress der Bayerischen Staatsbibliothek. Das soll zeitnah unnötig werden, wenn alle digitalisierten Bestände unter einer einheitlichen Suchmaske aufgerufen werden können.
(André Paul)

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