Hildegard Lönne sitzt angeschnallt auf dem Polster der Fahrrad-Rikscha, die Füße auf einen Trittbrett. Der Fahrtwind bläst ihr entgegen. Es ist ein Freitagnachmittag, und hier in Adlkofen scheint die Sonne. Die 96-Jährige scheint die Fahrt zu genießen.
Der kleine Ort mit seinen 4500 Einwohnern liegt gut zehn Kilometer von Landshut entfernt. Hier lebt die 96-Jährige seit einem Jahr im Altenheim Elisabethstift, betrieben von der Diakonie. Eigentlich stammt die Seniorin aus dem Norden, aus Eberswalde nordöstlich von Berlin. Aber weil ihr Enkel hier bei Landshut wohnt, ist sie umgezogen. Ihr gefällt es soweit gut, nur mit der bayerischen Sprache sei es ein bisschen schwierig, sagt sie.
Einmal im Monat kommt das Gefährt
Bereits vor einem Jahr hat sie schon mal eine Tour mit der Rikscha unternommen, „das gefällt mir sehr gut“, so ihr Urteil. Weil man auf diese Weise mal aus dem Heim kommt, auch wenn man nicht mehr laufen kann. Dass Frau Lönne und andere Senioren sich den Fahrtwind um die Nase wehen lassen können, hat etwas mit dem Ehrenamt von Evi Wimberger zu tun. Denn diese hatte in der Coronazeit zusammen mit anderen einen Verein gegründet, ursprünglich ging es um Hilfe und Nachhilfe für Schülerinnen und Schüler.
Als das nicht mehr machbar war, weil zwei Pädagoginnen wegfielen, hat der gemeinnützige Verein sozusagen umgesattelt: Er bietet jetzt Fahrten mit der Fahrrad-Rikscha für Senioren an, kostenlos natürlich. „Wir betreuen derzeit fünf Altenheime in und um Landshut“, erzählt die Vorsitzende von „LebensAchsen“, so der Name des Vereins. Dazu werden die Heime einmal im Monat mit der Rikscha angefahren. Drei Stunden lang bleibt die Rikscha dort. In dieser Zeit können die Senioren jeweils einen 20-minütigen Ausflug mit dem Dreirad machen.
Das Gefährt hat der Verein vor sechs Jahren angeschafft, finanziert wurde es durch Spenden, erinnert sich Evi Wimberger. Die Rikscha-Fahrten für Senioren werden bundesweit durch den Verein „Radeln ohne Alter“ organisiert, auch dort sind die Landshuter Mitglied. Seinen Sitz hat der Verein in Bonn, von dort aus werden Initiativen, Gruppen oder eben andere Vereine koordiniert.
„Radeln ohne Alter ist ein Gemeinschaftsprojekt, das nicht nur älteren Menschen, sondern auch mobilitätseingeschränkten Personen aller Altersgruppen die Möglichkeit bietet, aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben“, heißt es auf der Homepage des Vereins. Und: „Wir bauen Barrieren ab und ermöglichen es älteren und mobilitätseingeschränkten Menschen, die Freude an Fahrradausflügen zu erleben.“ Das Motto dazu lautet: „Jeder hat ein Recht auf Wind in den Haaren!“
Initiativen in allen 16 Bundesländern
Derartige Initiativen gibt es derzeit in allen 16 Bundesländern, vom Krakow am See in Mecklenburg Vorpommern bis Konstanz in Baden Württemberg. Angeboten wird auch ein erstes Training für die „Piloten“, also die Rikscha-Fahrer. Denn das Fahren mit einem Dreirad unterscheidet sich deutlich vom Fahren mit einem Zweirad. Man kann sich nicht in die Kurve legen, sondern „schiebt“ die Rikscha quasi um die Kurve herum.
Das ergibt ein zunächst ungewohntes Körpergefühl, man meint, die Balance halten zu müssen. Ist aber wegen der Achse mit den beiden Rädern nicht notwendig. Damit den Piloten nicht die Luft ausgeht, wird die Rikscha durch einen Elektromotor unterstützt, dessen Kraft man in verschiedenen Stufen zuschalten kann.
Zwei Passagiere können Platz nehmen, beim Landshuter Verein sind diese auch versichert, ebenso wie die insgesamt acht Fahrer. Dazu gehört auch Johannes Sturm, der trotz seiner 73 Jahre noch immer als HNO-Arzt arbeitet und in die Pedale tritt.
Sturm war heute, anlässlich des Sommerfestes des Elisabethstifts, als Pilot mit dabei und hat unter anderem Hildegard Lönne gefahren. Warum ist er in diesem Ehrenamt tätig? „Weil sich die Senioren freuen, wenn sie mal aus dem Heim rauskommen können“, sagt er. Außerdem fährt er gerne Rad, das Rikschafahren macht dem Arzt besonders viel Spaß. In Landshut fahren sie durch die Altstadt und die Isar entlang, hier in Adlkofen geht es durch ruhige Wohnstraße hinauf bis zur Hauptstraße und dort zur Kirche.
Wo ist der Unterschied zum normalen Radfahren? „Man muss sich mehr konzentrieren“, sagt Sturm. Schließlich hat man doch auch eine wertvolle Fracht dabei. Und geht dem Rikscha-Fahrer auch schon mal die Puste aus? „Einmal habe ich zwei sehr schwere Passagiere gefahren“, erinnert er sich, da hat er dann eine Unterführung lieber gemieden. „Vielleicht wäre ich auf der anderen Seite nicht mehr hochgekommen“, so seine Befürchtungen damals.
Bei den Einsätzen in den Altenheimen sind meist zwei Piloten für die Rikscha dabei, so kann man sich abwechseln. Natürlich kommt auch eine zweite Batterie zum Wechseln mit, wenn die erste leergefahren ist. An diesem sonnigen Tag in Adlkofen lassen sich jedenfalls etliche Senioren des Elisabethenstifts kutschieren, um den Wind in den Haaren zu spüren. (Rudolf Stumberger)
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