Leben in Bayern

Die Menschen, die in die Wärmestube kommen, haben meist keine Wohnung, keinen Job und kein Geld. (Fotos: Pelke)

07.12.2018

Schlange stehen für ein bisschen Wärme

Nirgendwo in Bayern ist die Armutsgefahr größer als in Nürnberg – die Wärmestube der Stadt platzt deshalb aus allen Nähten

Früher gab es drei Gänge: Suppe, Hauptgericht und Nachspeise. Seitdem aber immer mehr Menschen in Not in die Nürnberger Wärmestube drängen, ist meist nicht mehr drin als ein warmes Schöpfgericht. Man sei an der Belastungsgrenze, klagt Leiterin Manuela Bauer. Sie hofft auf die Hilfe der Stadt, damit die Menschen weiterhin wenigstens einmal am Tag eine warme Mahlzeit bekommen.

In der ökumenischen Wärmestube hinter dem Nürnberger Hauptbahnhof gibt es heißen Kaffee für 25 Cent. Viel wichtiger aber: Dort bekommen Menschen in Not auch eine warme Gratismahlzeit. Und Menschen in Not gibt es in Nürnberg immer mehr. „Wir erleben jeden Tag, dass es enger bei uns wird“, sagt Manuela Bauer, Leiterin der Nürnberger Wärmestube. „2010 haben wir noch 40 000 Essen pro Jahr ausgegeben. Jetzt sind wir bei 55 000 angekommen.“ Vor Kurzem erst habe die Wärmestube einen neuen Besucherrekord verzeichnen müssen. „Im Oktober haben wir an einem Tag genau 237 Mittagessen verteilt“, berichtet Bauer. Zwischen 12 und 13 Uhr standen diese Menschen für eine kostenlose Mahlzeit an – das war eine lange Schlange vor der kleinen Essensausgabe. Dabei ist das unscheinbare Haus nur für knapp 100 Personen ausgelegt.

An dem besagten Oktobertag gab es Schweinebraten mit Kloß und Sauce. An diesem Tag kommt Gulasch in dem Speisesaal auf den Tisch. Sogar eine Suppe gibt es heute dazu. Das ist längst nicht immer der Fall. Seitdem immer mehr Menschen die Nürnberger Wärmestube aufsuchen, muss in der Küche beim Aufstellen des Speiseplans knapper kalkuliert werden. „Früher gab es immer drei Gänge: Suppe, Hauptspeise und Nachtisch. Heute gibt es hauptsächlich Schöpfgerichte. Das ist etwas günstiger“, sagt die Leiterin der Wärmestube.

Mehr Menschen bedeutet aber nicht nur ein knapper werdendes Budget. Es bedeutet auch mehr Stress für alle. Viele der Menschen, die in die Wärmestube kommen, haben keinen Job, keine Wohnung, kein Geld. Dafür aber jede Menge Probleme. Das lässt die Nerven mancher blank liegen.

Es ist die Aufgabe von Thomas, dass die Aggression nicht in Gewalt umschlägt. „Alles wird schlimmer“, sagt er. Auf seinem schwarzen Hemd steht „Security“ in großen Buchstaben. Jetzt im Winter hat er noch einen zusätzlichen Kollegen als Verstärkung. „Zum Christkindlesmarkt ist es hier noch enger“, erklärt Thomas aus Erfahrung. Denn zum berühmten Weihnachtsmarkt würden viele Menschen aus Osteuropa nach Nürnberg zum Betteln kommen. Viele von ihnen schlagen auch in der Nürnberger Wärmestube auf.

Rumänien liegt in der Nationen-Rangliste der Nürnberger Wärmestube ganz vorne. Auch afrikanische und arabische Kundschaft gibt es. „Die Ausländer haben überhandgenommen“, findet Günther, der sich an diesem Tag ebenfalls ein kostenloses Essen holt. Er zeigt auf einen Mann mit dickem Bauch und Handy am Ohr. Dann gönnt er sich nach dem Essen noch einen Kaffee. Die süße Schnecke gibt es vom ehrenamtlichen Helfer Felix gratis dazu. „Ich bin seit 20 Jahren dabei. Hier wird es von Tag zu Tag voller“, sagt er, während er hinter seiner Kaffee- und Kuchentheke nach einer nicht mehr ganz knusprig aussehenden Rosinenschnecke angelt. Selbstbedienung gibt es in der Wärmestube nur noch beim Brot. Aber auch auf den Brotkorb hat Felix ein wachsames Auge. Selbst für Zeitschriften müssen die Besucher neuerdings ein Pfand hinterlassen. Für Haartrockner und Rasierapparate galt das schon immer. Günther ist wieder beschwichtigt, zufrieden zieht er mit Schnecke und Kaffee ab.

In der Stadt forscht man zu den Ursachen der Armut

„Wir sind an die Belastungsgrenze gestoßen“, erklärt Leiterin Bauer. Der große Speisesaal und der kleine Aufenthaltsraum würden bereits aus allen Nähten platzen. „Ohne die Terrasse wären wir verloren“, sagt sie, während sie auf die rauchenden Menschen im Freien zeigt. „In keiner anderen Großstadt in Bayern leben so viele arme Menschen wie in Nürnberg“, verweist Bauer auf den aktuellen Armutsbericht, der Nürnberg ein verheerendes Zeugnis ausstellt. Nur in Dortmund sind die Menschen laut der bundesweiten Studie häufiger von Armut bedroht. In der Wärmestube wird diese Entwicklung am deutlichsten sichtbar, sagt Bauer. Denn dort stauen sich immer mehr Hilfsbedürftige.

Das Essen muss mittlerweile im Akkord verteilt werden. „Wir haben schon das Frauencafé gestrichen, weil einfach zu viele Leute kommen“, so Bauer. Über 80 Prozent der Besucher sind Männer.

Im Nürnberger Rathaus sucht man unterdessen nach Antworten, warum die Stadt in der bundesweiten Armutsstatistik auf den vorletzten Platz abgerutscht ist. Warum in der Stadt rund 23 Prozent der Menschen weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verdienen und damit als armutsgefährdet gelten. Denn eigentlich war die Arbeitslosigkeit in der fränkischen Metropole zuletzt zurückgegangen. Im Referat für Jugend, Familie und Soziales hat man die Nürnberger Branchenstruktur mit ihren relativ niedrigen Löhnen als eine der Ursachen für die erhöhte Armutsgefahr ausgemacht.

Dringend nötig: eine weitere Wärmestube in der City

Der Zuwachs der Beschäftigtenzahlen in Nürnberg zwischen Juni 2013 und Juni 2017 sei zu 37 Prozent in den drei Wirtschaftszweigen mit den niedrigsten Bruttomonatsverdiensten erfolgt, erklärt Elisabeth Fuchsloch vom Referat. Obendrein sei das niedrige Qualifikationsniveau für die gestiegene Armutsgefahr in Nürnberg mitverantwortlich, meint sie. Zwar habe das Bildungsniveau in Nürnberg in den letzten Jahren spürbar zugenommen. „Dennoch hat Nürnberg im Großstadtvergleich mit knapp 15 Prozent den drittgrößten Anteil Beschäftigter ohne beruflichen Ausbildungsabschluss und mit 20 Prozent den viertniedrigsten Akademikeranteil unter den Beschäftigten“, so Fuchsloch.

Bauer von der Wärmestube hofft derweil, dass die Stadt Nürnberg bald eine weitere Wärmestube in der City eröffnet. Gespräche darüber laufen bereits. Bis dahin wollen sie in der Wärmestube durchhalten. Das Winterchaos irgendwie überstehen. Damit die Menschen wenigstens einmal am Tag eine warme Mahlzeit bekommen während es draußen immer kälter wird. (Nikolas Pelke)

Foto (Pelke): Leitet die Nürnberger Wärmestube: Manuela Bauer

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