Leben in Bayern

Projektkoordinator Adrian-Ernesto Jiménez (rechts) mit den „lebenden Büchern“ Andreas (links) und Alexander. (Foto: Pat Christ)

20.07.2018

Schmökern in lebendigen Büchern

Beim Würzburger Projekt „livebooks“ kann man in das Leben fremder Menschen eintauchen

Offen vom eigenen Schicksal zu erzählen – von HIV-Infektion, Magersucht, Depression oder Alkoholabhängigkeit –, erfordert Mut. Elf Würzburger trauen sich das. Als „lebende Bücher“ geben sie jedem, der sie „ausleihen“ mag, Einblicke in ihre Welt. Und das hat auch für sie selbst etwas Befreiendes, denn sie alle haben erkannt: Verstecken macht einsam.

Anfangs wollte sich Alexander umbringen. HIV! Infiziert wegen eines idiotischen One-Night-Stands! Der junge Mann fand die Diagnose unerträglich. Seiner Schwester hat er es zu verdanken, dass er noch lebt. Für sie war die Diagnose kein Weltuntergang. Es gab aber auch andere, die wollten Alexander fertig machen. „Da hab ich mir gesagt: Ich zeig’s euch!“, erzählt er der jungen Frau, die ihm am Biertisch gegenübersitzt. Die Frau in der hellbraunen Jacke hat Alexander gerade „ausgeliehen“. Denn der ist ein „lebendes Buch“, das einer kleinen Bibliothek von elf „lebenden Büchern“ angehört. Sie alle kann man zu bestimmten Gelegenheiten ausleihen. Und dann erzählen Alexander und die anderen von sich und ihrem Leben.

Bürgermeister im Stress: Alkohol als Medikation

„livebooks | Fragen. Verstehen. Wertschätzen.“ nennt sich das Projekt, das der Förderverein der Würzburger Wärmestube im September 2017 auf den Weg gebracht hat. Alle „Bücher“ haben etwas zu erzählen, das anders ist als das, was normale Menschen erleben. Wie zum Beispiel Alexander, der sich vor vier Jahren mit dem HI-Virus infiziert hat. Manfred dagegen stürzte vor vielen Jahren in Sachen Alkohol tief ab. Anja, Georg und Andreas mussten lernen, mit einer schweren psychischen Erkrankung zurechtzukommen.

Während echte Bücher eine begrenzte Seitenzahl haben, bringen die „lebenden Bücher“ ein bestimmtes Zeitkontingent mit. In jeweils 30-minütigen Dialogen laden sie zum „Schmökern“ ein. „Wobei es auch schon vorgekommen ist, dass jemand eine ganze Stunde lang ausgeliehen wurde“, erzählt Projektkoordinator Adrian-Ernesto Jiménez. Fragen und nachfragen ist, anders als bei einer konventionellen Lektüre, möglich und ausdrücklich erlaubt.

Das Projekt findet an unterschiedlichen Orten statt. In Buchhandlungen, Bildungshäusern oder Büchereien. Im Juni war „livebooks“ erstmals auf einem Würzburger Musikfestival präsent. „Jede Lokalität ist anders, man muss sehr flexibel sein“, sagt Andreas.

„Warum tun Sie das, so offen von sich zu erzählen?“, fragt die junge Frau in der braunen Jacke den tätowierten Mann ihr gegenüber. „Das Leben wird zur Hölle, wenn du dich dauernd versteckst“, meint Alexander. Schon lange, bevor es „livebooks“ gab, hatte sich der Endzwanziger entschieden, ein „offenes Buch“ zu werden. Deshalb gründete er eine eigene Initiative, die sich für HIV-positive Menschen in Würzburg einsetzt und gegen Vorurteile und Falschwissen angeht: „Ich will die Leute von der Denke runterbringen, dass HIV gleich AIDS ist und jeder, der HIV hat, bald stirbt.“

Für alle „lebenden Bücher“ hat es etwas Befreiendes, von sich zu erzählen. Für Georg ist es sogar eine Art Therapie, fremden Menschen Einblick in die eigene Geschichte zu geben. Danach zu erleben, welche Reaktionen kommen. Und die Reaktionen später für sich zu interpretieren.

Wovon die „lebenden Bücher“ erzählen, ist in kurzen „Klappentexten“ dargestellt. Auch hat jedes „Buch“ einen Titel. Mein Leben ohne Escape-Taste nennt Anja sich als Buch. Am Anfang war das Wort Hoffnung heißt das „Buch“ Georg. Ich habe weder AIDS noch sterbe ich bald lautet die Überschrift über das, was Alexander zu erzählen hat. Hilfe zur Selbsthilfe! Wie ich es schaffte, meine Alkoholerkrankung zu überwinden ist das „Buch“ Manfred überschrieben.

Wer Manfred „ausleiht“, erfährt Näheres. „Mein Vater hatte immer viel getrunken, meine Mutter litt an Depressionen“, erzählt der Rentner, dem man nicht ansieht, was er alles durchgemacht hat. 15 Jahre amtierte Manfred als Bürgermeister. Irgendwann wurde der Stress, den dieser Job mit sich brachte, so unerträglich, dass er Alkohol zur „Medikation“ einzusetzen begann. Ein Arzt verwies ihn an die Selbsthilfegruppe des Kreuzbunds. Dort lernte Manfred Menschen kennen, die ihren Alltag schon seit 25 Jahren „trocken“ bewältigen. Er selbst hatte etliche Male versucht, maßvoller zu trinken. Immer wieder war er an den eigenen Vorsätzen gescheitert.

„Mir tut es einfach gut, über das Projekt normale Menschen zu treffen“, sagt Andreas. 30 Jahre seines bisher 56-jährigen Lebens kämpfte er mit einer psychischen Erkrankung. Am Anfang stand eine Magersucht. Das verwundert viele, die Andreas „ausleihen“: Magersucht kennt man ja meist nur von Mädchen. „Bei mir ging es 1981 los, da hatte man noch gar keinen Blick für diese Krankheit“, sagt der Würzburger, der aus der Magersucht in eine Depression schlidderte und später Manien erlebte.

Inzwischen ist Andreas, wie er selbst sagt, „auf einem guten Level“. Seit fünf Jahren fühlt er sich vergleichsweise stabil. Dass er diesen Punkt erreicht hat, ist harter Arbeit an sich selbst zu verdanken. Andreas begnügt sich nicht damit, Tabletten zu schlucken: „Ich habe mich immer gefragt, wo ich mich selbst falsch verhalte, was ich besser machen könnte, damit es mir endlich gut geht.“ Immer wieder habe er früher etwas Neues angefangen, bekennt er. Nie konnte er länger bei einer Sache bleiben. Irgendwann hatte er erkannt, dass genau dies ein Teil seines Problems ist. Inzwischen hat Andreas mehr Ausdauer. Und so ist er auch schon seit einem Jahr bei „livebooks“ dabei. Ganz allmählich, sagt er, habe er seine Mitte gefunden.

Als Mensch mit HIV ist man kein Todeskandidat

„Ich werde am seltensten ausgeliehen“, bekennt Georg. Was man auf den ersten Blick nicht recht glauben mag. Denn Georg wirkt sympathisch. Wenn auch sehr zurückhaltend. Beim Gespräch mit ihm wird aber bald klar: Georg ist ein äußerst misstrauischer Mensch. Ein positives Feedback klopft er innerlich blitzschnell daraufhin ab, ob darin nicht etwas Manipulatives versteckt sein könnte. Sagt das Gegenüber das jetzt nur, um zu ..., fragt er sich dann. Georg gibt zu, dass es ihm schwerfällt, sich selbst anzunehmen. Von daher ist es auch nicht leicht, darauf zu vertrauen, dass ein anderer ihn annehmen könnte. Dass ihn jemand einfach mag. Dennoch gibt er die Hoffnung nicht auf, dass es ihm eines Tages gelingen könnte, sich bei einem anderen Menschen fallen zu lassen.

„Das Projekt läuft wirklich gut“, sagt Adrian-Ernesto Jiménez. Schwierig sei es allerdings, neue „Bücher“ zu gewinnen. Letztlich sind die wenigsten Menschen bereit, von sich zu erzählen. Sie können sich nicht vorstellen, dass darin eine Chance steckt. Etwas Befreiendes. Vor allem stärkt es das Selbstbewusstein, sagen Andreas und Georg. Da kommen plötzlich fremde Menschen und hören dir zu. Da lassen sich Leute, die du gar nicht kennst, auf dich ein. Und das, obwohl sie wissen, dass du psychisch krank bist.

Von dem Projekt geht inzwischen ein Impuls aus, der weit über den Aha-Effekt „So ist es also, mit HIV zu leben!“ hinausgeht. Die „Bibliotheksnutzer“ erkennen, wie wichtig es ist, zumal in unserer komplexen Gesellschaft, einander von den eigenen Schicksalen und Erfahrungen zu berichten. Damit nicht im Hirn irgendeine ominöse Vorstellung unter „Flüchtling“, „Hartz-IV-Empfängerin“ oder „Alki“ abgelegt wird.

Für die junge Frau mit der braunen Jacke ist „livebooks“ eine einmalige Chance, einen Menschen mit HIV kennenzulernen. Sie fragt mit echtem Interesse. „Sagen Sie, was ist denn der Unterschied zwischen HIV und Aids? Ich muss zugeben, ich weiß das nicht.“ Sie gibt ihr Erstaunen zu erkennen, dass Alexander kein Todeskandidat ist: „Ich dachte, dass Menschen mit HIV auf jeden Fall früher sterben.“ Die junge Frau fragt ohne Scheu, wie sich Alexander angesteckt hat. Ob er aktuell in einer Beziehung lebt. Ob er noch One-Night-Stands hat. Wie seine Familie heute, nach vier Jahren, auf ihn reagiert. Alexander ist froh, dass er wieder einen Menschen aufklären kann. Er erzählt von seiner antiretroviralen Therapie. Dass es am Anfang schon eine ganz schöne Umstellung war mit den Tabletten. Doch inzwischen habe er sich längst daran gewöhnt. Inzwischen lebe er wieder ganz normal. Wie jeder andere mit Ende 20. „Das heißt, Sie dürfen zum Beispiel auch Alkohol trinken?“, fragt die junge Frau. Alexander lacht: „Aber klar, da spricht gar nichts dagegen!“
(Pat Christ)

Foto (Pat Christ): Kurze Texte informieren über die „lebenden Bücher“, die man sich ausleihen kann.

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