Als die Frau ihm den Rücken zuwendet, umschlingt der Angreifer sie von hinten. Sie reagiert sofort, hebt ihr Bein und tritt kräftig auf den Fuß des Mannes. Mit scheinbar schmerzverzerrtem Gesicht lässt er schließlich von ihr ab. "Man muss den Überraschungseffekt ausnutzen", sagt die Kursleiterin zu den elf Frauen und dem einen Mann, die an diesem Abend zu einem Kurs in Zivilcourage und Selbstsicherheit in die Münchner Polizeiinspektion Neuhausen-Nymphenburg gekommen sind. Rund zehn Mal im Jahr bieten die Polizeihauptmeisterin und ihr Kollege den Selbstbehauptungskurs an. Als Kontaktbeamte, die eigentlich zu Fuß auf den Straßen Münchens unterwegs sind, zählt dies zu ihren offiziellen Aufgaben.
Die Kurse verzeichnen einen kräftigen Zulauf: Die sexuellen Übergriffe auf Frauen in der Kölner Silvesternacht haben einen öffentlichen Diskurs darüber entfacht, wie sicher Deutschlands Straßen tatsächlich sind. Diese Verunsicherung erreicht auch die Polizeidienststellen in ganz Bayern. "Immer wenn durch ein Ereignis das subjektive Sicherheitsempfinden von Personen gestört wird, erleben wir eine erhöhte Nachfrage nach Plätzen in unseren Kursen", berichtet Polizeihauptkommissar Arno Helfrich, der Leiter des Kommissariats für Prävention und Opferschutz in München.
Auch der Fall Dominik Brunner, bei dem der Geschäftsmann im Jahr 2009 von zwei Jugendlichen an einem S-Bahnhof zu Tode geprügelt wurde, habe einen solchen Trend ausgelöst. Für dieses Jahr erwartet Helfrich ebenfalls einen deutlichen Anstieg der Teilnehmerzahlen. "Wir gehen davon aus, dass wir in diesem Jahr bis zu 5000 Interessenten schulen werden." Im vergangenen Jahr seien es rund 3500 gewesen.
Selbstverteidigung erlernt man nicht in vier Stunden
Seit mehr als zwanzig Jahren bietet das Polizeipräsidium in München nun schon sogenannte Selbstbehauptungskurse an, die die Selbstsicherheit der größtenteils weiblichen Teilnehmer stärken sollen. Auch die Polizeipräsidien in Mittelfranken und Schwaben verfolgen seit Jahren erfolgreich ein ähnliches Konzept. "Wir legen großen Wert darauf, deutlich zu sagen, dass bei uns keine Selbstverteidigung unterrichtet wird", erläutert Helfrich die Grundlage. Denn dies würde die Teilnehmer in einer Sicherheit wiegen, die ihnen im Notfall gefährlich werden könne.
Schließlich erlernt man Selbstverteidigung nicht in vier Stunden. Es gehe vielmehr darum, die Wahrnehmung für Gefahrensituationen zu schärfen und den Teilnehmern einfache Techniken an die Hand zu geben, die sie leicht anwenden könnten, schildert Helfrich.
Auch Kampfsportvereine verzeichnen seit Anfang des Jahres ein großes Interesse. "Wir können im Vergleich zum letzen Jahr definitiv einen Anstieg unserer Mitgliederzahlen beobachten", sagt die Präsidentin des Deutschen Karateverbands, Gundi Günther. Der Pressereferent der Bayerischen Amateur Kickbox Union, Christian Grupe, sieht diese Entwicklung kritisch: "Derzeit drängen immer mehr Kampfsportschulen auf den Markt, die sogenannte Selbstverteidigungskurse anbieten. Das ist trügerisch." Ein Sport müsse erst jahrelang intensiv ausgeübt werden, damit man in einer Notsituation Gelerntes sofort anwenden könne.
Laut schreien: gar nicht so einfach ohne Übung
Im Seminarraum der Polizeiinspektion Neuhausen-Nymphenburg sind die Übergriffe in Köln auch Wochen nach dem Vorfall noch präsent. Die 60 Jahre alte Dagmar etwa ist gekommen, weil sie dadurch

ein Erlebnis aus der Vergangenheit wieder eingeholt hat. "Es ist schon ein bisschen Aufklärung nötig, dass "frau" auch ganz laut schreien kann. Das weiß ich aus eigener Erfahrung", erzählt sie. Also wird das Schreien geübt.
Bei der sogenannten Stopp-Übung lernen die Teilnehmerinnen, ihr Gegenüber durch klare Gestik und den Einsatz ihrer Stimme auf Distanz zu halten. Auch das richtige Verhalten im Falle einer sexuellen Belästigung in der U-Bahn wird von den beiden Kursleitern vorgeführt. "Wichtig ist immer, den Kontakt zu anderen Menschen zu suchen und sie in die Situation einzubeziehen."
Dass sich in der Wahrnehmung der Teilnehmer seit der Silvesternacht etwas verändert hat, stellt auch die Kursleiterin fest. "Heute wurde zum ersten Mal ganz konkret das Thema Ausländer angesprochen. Das ist mir vorher noch nicht passiert." Auch die Frage, wie man sich verhalten solle, wenn man von größeren Gruppen bedroht wird, kommt an diesem Abend immer wieder auf. Eine Antwort darauf ist selbst für die beiden erfahrenen Polizisten schwer. "Gegen eine Gruppe kommt man einfach nicht an", räumt der Polizeiobermeister ein. Das einzig Richtige in so einer Situation sei der Griff zum Handy. (
Christina Sabrowsky, dpa)
Foto (dpa): Auch Alexandra nimmt an dem Selbstbehauptungskurs teil. Sie übt den Schlag ins Gesicht eines Angreifers.
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