Etliche Male schon wurde Doris R. (Name geändert) als Mörderin bezeichnet. In Mails und anonymen Briefen. Seit mehr als drei Jahren geht das so. Damals, im Sommer 2023, begann die niederbayerische Hausärztin, ungewollt Schwangeren einen medikamentösen Abbruch anzubieten. Sie tat das, weil sie darauf aufmerksam gemacht wurde, dass es bis dahin nur eine einzige Gynäkologin in Niederbayern gegeben hatte, die Abtreibungen vornahm.
Durchschnittlich kommen sechs Schwangere pro Woche zu Doris R. Die Ärztin bietet Abtreibungen bis zum 63. Schwangerschaftstag an. Ihre Adresse erfahren die Frauen von Beratungsstellen. Öffentlich macht Doris R. ihr Angebot aufgrund der Anfeindungen nicht. Sie sei sogar schon im Internet an den Pranger gestellt worden, erzählt sie.
Jede Frau, die zu ihr kommt, muss sich zuvor in einer Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle beraten lassen. So sieht es das Gesetz vor. Nach einem Aufklärungsgespräch erhalten die Frauen von Doris R. die Abtreibungspille. Zuvor möchte die Ärztin noch einmal hören, warum das Kind nicht ausgetragen werden kann. Die Frauen berichten von finanzieller Unsicherheit. Einige haben schon Kinder: „Für ein weiteres ist nicht genug Wohnraum vorhanden.“ Immer wieder hört Doris R. von schwierigen Partnerschaften. Eine gute halbe Stunde nimmt sich die Ärztin Zeit, um mit den Frauen noch einmal alles zu besprechen und sie aufzuklären, bevor sie ihnen die Abtreibungspille gibt. Die Frauen nehmen das Medikament zwei Tage später zu Hause ein. Eine Begleitperson sollte dabei anwesend sein. Je nachdem, wie fortgeschritten die Schwangerschaft war, erleben die Frauen den Abbruch als überstarke Periode oder Minigeburt.
Abbrüche legalisieren: Daran wird gearbeitet
Doris R. sieht ihr Angebot als Akt der Solidarität gegenüber ungewollt Schwangeren.
12 455 Schwangerschaftsabbrüche registrierte das Statistische Bundesamt 2025 in Bayern. Das ist etwas mehr als im Jahr davor und etwas weniger als 2023. Vor 25 Jahren lagen die Zahlen deutlich höher: 16 304 Abtreibungen wurden 2000 im Freistaat registriert. Im Vergleich hierzu sank die Zahl der Abtreibungen um etwa 30 Prozent.
Das Ja zum Kind fällt leichter, wenn es Unterstützung gibt. Die bietet der Augsburger Verein Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) an. Laut der Vorsitzenden Cornelia Kaminski wurden im ersten Halbjahr 2026 bereits 277 Personen beraten: „Davon 98 im Schwangerschaftskonflikt.“ 2025 waren es 590 Personen. 163 befanden sich in einer Konfliktsituation. Im Vergleich zu 2020 sei die Kontaktaufnahme um 80 Prozent eingebrochen. Durch KI-Antworten bei Internetsuchanfragen, vermutet man bei ALfA, finden die Frauen die Organisation nicht mehr so einfach.
Nach Kaminskis Angaben waren Partnerschaftsprobleme bisher ein Hauptgrund für Abtreibungen: „Nun erleben wir in unserer Beratung öfter Frauen, die handfeste finanzielle Sorgen haben und durch alle sozialen Netze fallen.“ ALfA unterstützt auch finanziell. Im letzten Geschäftsjahr flossen knapp 90 000 Euro in direkte finanzielle Hilfe.
Kostenübernahme soll vereinfacht werden
Auch Abtreibungen kosten Geld. Darauf macht Rona Torenz von der Hochschule Fulda aufmerksam. Torenz war an der groß angelegten Studie ELSA des Bundesgesundheitsministeriums zu den Lebenslagen ungewollt Schwangerer beteiligt. Ein Schwangerschaftsabbruch kann nach ihren Worten zwischen 200 und 1000 Euro kosten. Auf Antrag könne die Krankenkasse die Abtreibung bezahlen: „Die Kassen holen sich das Geld vom Land wieder.“ Einem aktuellen Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz zufolge soll die Kostenübernahme vereinfacht werden. „Die Kosten für den Schwangerschaftsabbruch nach Beratungslösung sollen den Krankenkassen vollständig aus Steuermitteln erstattet werden“, lautet der Beschluss vom Juni. Politisch wird daran gearbeitet, Schwangerschaftsabbrüche in den ersten drei Monaten zu legalisieren.
Aktuell sind Abtreibungen rechtswidrig, unter bestimmten Bedingungen jedoch straffrei. Dies ist der Fall, wäre eine Geburt aus medizinischen Gründen riskant oder wurde die Frau vergewaltigt. Außerdem greift in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft jene Beratungslösung, nach der Doris R. Abbrüche vornimmt.
Streit über die Versorgung in Bayern
Dass aktuell viele Abtreibungsgegner auf die Straße gehen, deutet Torenz mit Blick auf das neue Gesetzesvorhaben zur Legalisierung von Abtreibungen in den ersten drei Monaten als „Abwehrkampf gegen mehr reproduktive Selbstbestimmung“. Sie macht darauf aufmerksam, dass es in Bayern besonders wenig Abtreibungsangebote gibt.
Dem widerspricht das bayerische Gesundheitsministerium. In knapp 90 Praxen und Kliniken könnten derzeit in Bayern Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden. Dies sei laut Bundesverfassungsgericht ausreichend. Nach Ministeriumsangaben ist die Zahl aber gesunken. Vor zehn Jahren gab es 145 Angebote.
Frauen, die erfahren möchten, wo sie abtreiben lassen können, werden auf der Homepage Familienplanung.de fündig. 404 Einrichtungen sind dort aktuell gelistet. Die Einträge basieren auf Freiwilligkeit. Doris R. ließ sich nicht eintragen. (Pat Christ)
Kommentare (0)
Es sind noch keine Kommentare vorhanden!