Leben in Bayern

Wird dieser Fanschal bald zum Auslaufmodell? Setzt sich eine Faniniative durch, verliert die SpVgg Greuther Fürth bald ihr „Greuther“. (Foto: dpa/Sportfoto Zink, Melanie Zink)

30.10.2026

Showdown bei der SpVgg Greuther Fürth: Scheidung nach 30 Jahren?

Viele Fans der SpVgg Greuther Fürth wollen den Zusatz Greuther aus dem Vereinsnamen streichen – ein Politikum. Am 8. November kommt es zum Showdown

Drei Kleeblattfahnen wehen über der Fürther „Ruine“ im Wind. Wenn die Zweitligamannschaft, die SpVgg Greuther Fürth, spielt, sperrt Anita ihre Kneipe auch sonntags auf. An diesem nassgrauen Nachmittag verfolgen fast 50 Fans das Auswärtsspiel gegen Osnabrück auf zwei Bildschirmen und einer Großleinwand. Zwischen Toren, Trainern und Tabellen beschäftigt sie zunehmend eine andere Frage: Wie lange soll das „Greuther“ noch zum Vereinsnamen gehören?

Was für die einen ein überflüssiger Namensbestandteil ist, bedeutet für andere ein Stück Dorfgeschichte. Am 8. November stimmen die Vereinsmitglieder über die Rückbenennung ab.

„Ich habe noch nie Greuther und schon immer Spielvereinigung gesagt“, erzählt Anita, die Chefin der Fußballkneipe. Andreas hockt am Tresen und nickt. Greuther sage er auch nicht. „Deshalb bin ich für die Umbenennung.“

Mehrfacher deutscher Fußballmeister

Unter dem alten Namen wurde Fürth 1914, 1926 und 1929 deutscher Meister. Die deutsche Nationalmannschaft zu dieser Zeit ohne Fürther Spieler? Undenkbar. In einem Länderspiel 1924 bestand die Nationalmannschaft tatsächlich nur aus Spielern der SpVgg Greuther Fürth und des Lokalrivalen 1. FC Nürnberg. Diese Zeiten, die mittlerweile rund 100 Jahre her sind, haben die Fans im Kopf, die sich für eine Rückkehr zum traditionsbehafteten Namen aussprechen.

Keine 50 Kilometer entfernt, im kleinen Vestenbergsgreuth im Steigerwald, sieht die Welt anders aus. Auf den Namen Greuther seien die Menschen stolz, sagt Helmut Lottes, ehemaliger Bürgermeister und Vorsitzender des Dorfvereins. Dass die Fürther nicht mehr mit ihnen in einem Atemzug genannt werden wollten, könnten viele im Ort nicht verstehen. Erst 1974 wurde der Fußballverein in dem 500-Seelen-Dorf gegründet. 20 Jahre später warf er den FC Bayern München aus dem DFB-Pokal – mit Lothar Matthäus auf dem Platz und Giovanni Trapattoni auf der Trainerbank.

Hinter dem sportlichen Aufstieg stand Vereinspräsident Helmut Hack. Unter seiner Führung kletterten die Greuther von Spielklasse zu Spielklasse. Zugleich konnte Hack Spielern Arbeit in der örtlichen Teefabrik vermitteln. Deren Geschichte reicht bis 1930 zurück, als Hacks Großvater Martin Bauer anfing, mit Heilkräutern wie Kamille und Minze zu handeln. Der sportliche Erfolg der Vestenbergsgreuther und der wirtschaftliche Aufstieg des Teekonzerns gingen Hand in Hand. Doch für den nächsten Schritt im Fußball wurde das Dorf zu klein. Die Fürther waren finanziell angeschlagen, hatten aber ein Stadion. Im Sommer 1996 fusionierten die Kicker aus der „armen“ Stadt und dem „reichen“ Dorf zur SpVgg Greuther Fürth.

Der Ehrenvorsitzende bedauert die Diskussion

„Unsere Fusion ist von Anfang an eine Erfolgsgeschichte gewesen“, sagt Helmut Hack, der als Vereinspräsident den Aufstieg der Vestenbergsgreuther maßgeblich geprägt hatte. Die Fürther hätten damals ohne Geld und Sponsoren vor dem Ruin gestanden. Die Vestenbergsgreuther hätten auf dem Höhepunkt alles aufgegeben, um mit dem Zusatz Greuther wenigstens einen Teil ihrer Geschichte zu bewahren. Auch im eigenen Dorf musste sich Hack erst einmal mit seiner Idee eines Beitritts durchsetzen.

„Wir haben der Stadt und dem Verein gemeinsam ihren Stolz wiedergegeben“, sagt Hack. Dass dieser Name nun zur Disposition steht, findet er schade. Groll hege er aber nicht. „Wenn jemand Greuther sagt, denkt doch keiner an Vestenbergsgreuth.“ Er bereue die Fusion trotzdem nicht: „Ich würde es wieder tun.“

Drei Jahrzehnte später will eine Faninitiative unter dem Motto „Zurück zur Spielvereinigung“ den Zusatz aus dem Vereinsnamen streichen. Es wäre eine Zäsur, auch wenn die Initiatoren betonen, dass man damit das Vermächtnis des inzwischen zum Ehrenvorsitzenden ernannten Hack nicht tilgen wolle. Für die Rückbenennung ist eine Dreiviertelmehrheit der anwesenden Mitglieder erforderlich. Am 8. November fällt die Entscheidung.

Während das Spiel in Osnabrück im strömenden Regen den Bach hinuntergeht, wägen die Fans in der Ruine die Argumente gegeneinander ab. Den Namen gleich zu ändern, findet Anita übertrieben. „Wir haben wirklich andere Probleme“, sagt die Wirtin und zeigt auf den Spielstand. Zur Pause liegen die Fürther bereits mit zwei Toren zurück.

Andreas gönnt sich eine Bockwurst, um den Frust zu verdauen. „Ich habe auch das Crowdfanding unterstützt“, sagt er. Rund 200.000 Euro hat die Initiative mit dem Crowdfanding, wie es die Fans nennen, gesammelt, um einen Teil der Kosten zu decken, die durch die Umbenennung entstehen – etwa für neue Spielertrikots. Viele hoffen, dass die Kleeblättler ohne das „Greuther“ neues Selbstbewusstsein gewinnen und mehr Fürther ins Stadion locken. Zurück zu den Wurzeln – dafür wollen auch Bernd, Vivien und Susa stimmen.

Manfred hätte vermutlich ebenfalls dafür votiert. Seit seiner Kindheit hatte er kein Spiel verpasst, bis er mit 59 Jahren starb. „Jetzt liegt er seit drei Jahren dort drüben“, sagen seine Freunde und zeigen auf den Friedhof auf der anderen Straßenseite. An Spieltagen haben sie Manfreds Schal mit seinem Namen immer dabei. Auch an diesem verregneten Sonntag in der Ruine.

Fritz am Nachbartisch hält die Debatte für undankbar. „Ohne die Greuther würde es die Spielvereinigung nicht mehr geben“, sagt der 92-Jährige. Während er spricht, kassieren die Fürther in Osnabrück gerade den dritten Treffer. (Nikolas Pelke)
 

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