Leben in Bayern

Mehr als 80 Jahre nach ihrer Zerstörung wird die Synagoge in der Münchner Reichenbachstraße wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzt. (Foto: dpa/Peter Kneffel)

29.08.2025

Synagoge Reichenbachstraße: Neues Leben für ein jüdisches Zentrum

Die alte Synagoge in der Reichenbachstraße in der Landeshauptstadt wird nach Originalplänen im Bauhausstil wiederhergestellt – und soll eine Attraktion für alle sein

Rachel Salamander beginnt doch ein bisschen nervös zu werden: nicht mehr lange bis zum 15. September. Dem Tag, an dem Bundeskanzler, Ministerpräsident und viele weitere Ehrengäste in die Münchner Reichenbachstraße kommen werden, um die Wiederherstellung der dortigen Synagoge zu feiern. Und ohne Salamander wäre es so weit nie gekommen.

Ein Ortstermin. Glockenbachviertel, beste Lage. Zwischen einem Kiosk und einem Friseursalon geht es rein. Zugegeben: Das Vorderhaus gibt sich wenig einladend. Ein Betonblock mit durchgehenden Fensterfronten aus schwarzem Blech und mattem, schmutzigem Glas. Als die Synagoge zum ersten Mal eröffnet wurde, da stand das Vorderhaus noch nicht, da war hier zur Straße hin ein offener Vorplatz.

Hinterhoflage rettete das Gebäude vor Zerstörung

Also in den Hinterhof, und endlich steht man im richtigen Gebäude, im Foyer der Synagoge. Im Inneren herrscht noch reges Treiben. Salamander zeigt auf die Wände: „Das hier wird alles pompejanisches Rot.“ Als die Synagoge errichtet wurde, hatte das Foyer noch ein Glasdach, jetzt ist es von einem Teil des Vorderhauses abgedeckt. Die Sonnenlichteinstrahlung von damals soll nun durch eine Tageslichtlampe an der Decke simuliert werden. Das Rot soll schließlich genauso erstrahlen, wie damals vom Architekten Gustav Meyerstein vorgesehen.

Rachel Salamander (kleines Foto,dpa/SZ Photo/Florian Peljak) ist nicht irgendwer in München. Die Literaturwissenschaftlerin ist Ehrenbürgerin der Stadt und wurde bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 2013 gründete sie zusammen mit dem Anwalt Ron C. Jakubowicz den Verein Synagoge Reichenbachstraße mit dem Ziel, die Synagoge an der Reichenbachstraße wiederherzustellen.

Geboren in Deggendorf, kam Salamander mit ihren Eltern und dem älteren Bruder ins Lager Föhrenwald in Wolfratshausen. In Deutschland zu bleiben war nicht der Wunsch der Familie, aber die Eltern waren krank. Weder die USA noch Israel vergaben damals Visa an Kranke. Die Mutter starb, da war Rachel noch ein kleines Kind.

Als Föhrenwald als letztes Lager auf deutschem Boden aufgelöst wurde, kamen die Salamanders im Februar 1957 nach München. Dem Vater wurden ein paar Adressen zur Auswahl gegeben. Er wählte eine Sozialwohnung in Neuhausen, nur eine Viertelstunde fußläufig vom Hauptbahnhof entfernt. Im Falle eines Falles, so der Gedanke, würde man schnell wegkommen.

In die Synagoge in der Reichenbachstraße begann Salamander mit zwölf, 13 Jahren zu gehen. Von dort blieb ihr vor allem das Totengebet erinnerlich. „Die Synagoge bestand ja hauptsächlich aus Überlebenden. Unvergesslich, wie beim liturgischen Totengebet ein tiefes Schluchzen das Bethaus erfasste. Jeder hat um Menschen, die ermordet worden sind, geweint. Das steckt mir immer noch in den Knochen.“

Die 76-Jährige wandelt über Stoffbahnen, die das Parkett schonen sollen, durch das Hauptschiff des Gotteshauses, zeigt die Ostnische, in der der Schrein für die Thorarollen stehen wird. Auch das Glasdach wurde wieder in den Originalzustand versetzt. Hier kommt nun tatsächlich das Tageslicht hindurch. Salamander weist einen auf den Effekt an der Wand hin: Ganz hinten wirkt die blau gestrichene Wand zu dieser Tageszeit schon fast lila, dann entsteht ein Farbverlauf bis hin zu Hellblau.

1931 errichtete Meyerstein die Synagoge. Er war ein Architekt am Anfang seiner Karriere. Münchens Hauptsynagoge befand sich zu der Zeit noch in der Herzog-Max-Straße, gleich hinterm Stachus. Das Gotteshaus in der Reichenbachstraße war nun in erster Linie für jüdische Menschen gedacht, die aus Osteuropa geflohen waren – vor Armut und Antisemitismus. Ausgerechnet nach Deutschland.

Die Synagoge war der letzte Sakralbau, der in München vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten gebaut wurde. „Die Pläne sind 1930 entstanden“, berichtet Salamander. „Im April 1931 wurde der Bau begonnen und im September abgeschlossen. Fünf Monate. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.“

Meyerstein orientierte sich am Stil des Bauhaus und der Neuen Sachlichkeit. Der damals im Trend stehende minimalistische Ansatz kam natürlich auch dem bescheidenen Budget entgegen, das dem Architekten zur Verfügung stand.

Rückkehr zum ursprünglichen Zustand

Dass das Haus den Judenhass der Nazis überlebte, hatte es nur der Hinterhoflage zu verdanken. Als SA-Männer in der Pogromnacht im November 1938 auch hier Feuer legten und das Innere der Synagoge schändeten und zerstörten, griff umgehend die Feuerwehr ein und löschte den Brand. Nicht, um die Synagoge zu retten – sondern um ein Übergreifen der Flammen auf die umliegenden Häuser zu verhindern.

Am 20. Mai 1947 weihte die jüdische Gemeinde die Synagoge, die zwischenzeitlich als Lager und Werkstatt gedient hatte, wieder ein. Auch jetzt waren es überwiegend Menschen, die aus Osteuropa kamen, die sie nutzten: Überlebende der Shoa. So wie die Salamanders. Als einzige Münchner Synagoge, die nicht komplett von den Nazis zerstört worden war, war sie fortan die Hauptsynagoge der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern – bis 2006 die große neue Hauptsynagoge am Jakobsplatz eröffnet wurde. Bis dahin war die Synagoge in der Reichenbachstraße ein prägender Ort für Generationen von Münchner Jüdinnen und Juden gewesen.

Die Nachkriegssynagoge hatte freilich kaum noch Ähnlichkeiten mit dem Werk Meyersteins. Es gab auch keine Bemühungen der Gemeinde, die Synagoge wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Selbst Salamander machte sich damals keine Gedanken darüber.

Aber dann gab es ihn, diesen einen Schlüsselmoment 2011, als sie zufällig vorbeiging: „Da habe ich neugierig durch die Fenster geschaut und gesehen, dass dieses Haus dem Verfall überlassen war.“ Sie sei zutiefst erschrocken. Schon auf dem Heimweg habe sie im Kopf den Verein gegründet.

Und Salamander beschloss: Die Synagoge sollte wieder exakt in den Zustand von 1931 versetzt werden. Das große Glück: Es gab alles noch – alle Pläne, alle Informationen. Sogar die Firma, die damals die Wände gestrichen hatte, gibt es noch. Und sie besaßen noch die exakten Farbtöne, die damals zum Einsatz kamen. Dieselbe Werkstatt, die 1931 die Fenster gebaut hatte, das einzig ornamentale Element der Synagoge, baute diese nun völlig identisch nach. 

Der Weg dorthin war allerdings steinig. Bürokratische Hürden, Denkmalschutz, Finanzierung – weniger hartnäckige Menschen hätten wohl früher oder später aufgegeben. Am Ende klappte aber alles. Salamander holte auch Bund, Freistadt und Stadt ins Boot, die jeweils knapp ein Drittel der Kosten übernehmen. Für den Rest fand sie Spender.

Die Synagoge wird wieder als solche benutzt werden. Sie soll aber auch viele andere Funktionen erfüllen, nicht nur Anlaufpunkt für Juden sein. Vorträge könnten hier stattfinden, Konzerte, Führungen. „Schulklassen sollen auch mal andere Bilder vom Judentum sehen. Man muss nicht ins KZ gehen, um jüdische Geschichte zu lernen.“

Für die Stadt werde das Gebäude „eine Attraktion ersten Ranges“ sein, prophezeit Salamander. „Da werden massenweise Touris kommen, um diese einzigartige Architektur zu erleben.“ (Dominik Baur)
 

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