Leben in Bayern

Rita Modl aus dem Landkreis Weilheim-Schongau entwickelt seit zehn Jahren Spiele. Neulingen hilft sie bei Verhandlungen mit Spieleverlagen. (Foto: Modl)

29.05.2026

Traumjob Spieleerfinder – aber kann man davon leben?

Trotz Boom bei Onlinegames sind klassische Spiele nach wie vor gefragt. Wer entwickelt die eigentlich? Und kann man davon leben?

Manchmal wird gewürfelt, manchmal muss man ein Pfand auslösen, manchmal hält man Karten in der Hand: Seit jeher hat der Mensch gespielt. Doch von wem stammen eigentlich Spieleklassiker wie Monopoly? Früher hat das kaum jemanden interessiert. Heute sind Spieleautoren, von denen es auch einige in Bayern gibt, immerhin etwas bekannter.

Zu verdanken ist dies auch Wieland Herold, der 1982 das Göttinger Spieleautorentreffen mit aus der Taufe hob. Sohn Florian setzt das Werk seines Vaters heute im oberbayerischen Neuburg an der Donau fort. Er führt die von seinem Vater angelegte Privatsammlung von heute 30.000 Brettspielen fort. Aber nicht nur das: Im Verlag Herold&Herold entwickelt er zusammen mit seinem Bruder Brett- und Kartenspiele für Kunden: „Ich habe inzwischen wohl bei etwa 100 Spielen mitgewirkt“, sagt er. Aktuell erfindet der Neuburger pädagogisches Spielmaterial für einen Kunden im Bildungssektor.

Die wenigsten Erfinder können davon leben

Brett- und Kartenspiele sind trotz des Computerspiel-Booms gefragt, weshalb nach wie vor immer wieder neue Spieleautoren auf der Bildfläche erscheinen. Die wenigsten jedoch, sagt Florian Herold, können vom Spieleerfinden leben.

Die meisten sind selbst passionierte Spieler. Sie spielen aber vor allem oder lassen spielen, um eigene Erfindungen zu testen. Ohne mehrmalige Testläufe im Vorfeld braucht man mit seiner Idee nämlich bei keinem Verlag ankommen. Herold gehörte, dank seines Vaters, schon vor 40 Jahren als kleiner Knirps einer Testspielrunde an: „Wir hatten einen Bewertungsbogen, den wir ausfüllen mussten, anhand solcher Bögen wurde entschieden, ob das Spiel in die nächste Runde kommt.“ Eine neue Spielidee geht bei einem Verlag in aller Regel nicht ohne Schwierigkeiten durch. Oft muss lange nachgefeilt werden. Wie bei einem Buch.

Das weiß auch Gerald Hecht, der in der Nähe von Augsburg lebt und seit seiner Jugend Spiele entwickelt. „Fünf habe ich inzwischen veröffentlicht“, erzählt der 59-jährige ITler. Auch Hecht betreibt das Spielerfinden nebenbei. In den letzten sechs Jahren, genauer gesagt, seit der Corona-Krise, ruhte sein Hobby: „Ich war einfach leer.“ In letzter Zeit drängt es ihn wieder, Spiele zu erfinden.

Spiele lassen sich zu allen möglichen Themen erfinden, spielerisch kann man sich zurück ins 16. Jahrhundert oder in die Zukunft katapultieren. Mit seinem ersten Spiel Kashgar entführte Gerhard Hecht in den Orient. Die Spieler schlüpfen in die Rolle von Gewürzhändlern, die mit ihrer Karawane die Seidenstraße entlang bis ins westchinesische Kashgar reisen. Siegpunkte gibt es für erfüllte Aufträge. Das Spiel, an dem Hecht aktuell tüftelt, dreht sich um Rinder. Um deren Zucht. Und deren Verkauf.

Menschen wie Hecht und Herold ist es zu verdanken, dass die Spielewelt dermaßen vielfältig ist. „Wie ich auf meine Ideen komme, kann ich gar nicht sagen“, erklärt Gerald Hecht.

Die Spieleverlage schätzen Originalität

Originalität sei auf jeden Fall die Grundbedingung dafür, bei einem Verlag landen zu können: „Die wollen nicht die dritte Variante eines bereits bekannten Spiels“, sagt Hecht. Kommt ein Autor mit einer neuen Idee an, werde als Erstes gefragt: „Was ist das Besondere an deinem Spiel, was ist neu, was ist anders?“

Auch der Grad der Komplexität sowie das Material entscheiden darüber, ob eine Spielidee angenommen wird. Der Trend, erklärt Florian Herold, geht weg vom großen Spiel hin zu Spielen à la Bohnanza oder 6 nimmt!. Warum das so ist, kann er nicht sagen: „Vielleicht, weil kleine Spiele besser für die Reise sind, vielleicht, weil man nicht mehr so viele Regeln beherzigen möchte.“

Katrin Abfalter gehört zu jenen Spieleerfindern, die davon leben. Nach einer längeren Phase der Arbeitslosigkeit entdeckte sie, die in München Nordische Philologie studiert hat, diesen Erwerbszweig für sich. Das war 2017. Wie viele Spiele sie seither erfunden hat, kann sie gar nicht sagen: „Es werden um die 30 sein.“

Längst ist sie es gewohnt, in Spielen zu denken. „Das ist ein fortlaufender Prozess“, sagt sie. Gewöhnlich arbeitet sie an fünf bis zehn Projekten. Eines befindet sich in der Startphase. „Bei einem anderen gibt es bereits Besprechungen im Verlag.“

Nicht jedes Spiel, an dem sie arbeitet, entstand aus freier Inspiration: „Escape-Spiele sind meist Auftragsarbeiten.“ Bei Escape-Spielen handelt sich um ein spezielles Genre. Hier müssen Rätsel gelöst werden, um aus einer Situation zu entkommen. In ihrem ersten, frei erfundenen Escape-Spiel waren die Spieler in einem Büro gefangen. Gemeinsam mussten sie, Aufgaben lösend, einen Code knacken, um zu entrinnen.

Auch wenn Abfalter nach fast zehn Berufsjahren als Spieleerfinderin längst aus dem Gröbsten heraus ist, gibt es doch keine Garantie, dass ihr nächstes oder übernächstes frei entwickeltes Spiel einen Abnehmer findet. Ständig muss sie am Ball bleiben: „Ich gehe zum Beispiel auf Messen und stelle Prototypen meiner Spiele vor.“

Teilweise arbeitet sie auch mit einer österreichischen Agentur zusammen. Hilfreich ist für sie ein kleiner Kreis an Spieleautoren in ihrem aktuellen Wohnort Berlin, wo neue Ideen getestet werden. Keiner dieser Autoren, dafür legt Katrin Abfalter die Hand ins Feuer, sieht im Kollegen in erster Linie den Konkurrenten, niemand käme auf den Gedanken, die noch nicht ganz ausgegorene Spielidee eines anderen zu klauen.

Für die im Landkreis Traunstein aufgewachsene Philologin ist es wichtig, dass man sich in der Szene kollegial unterstützt. Darum engagiert sie sich auch im Beirat der Deutschen Spiele-Autoren-Zunft (SAZ). Hier setzt sie sich zum Beispiel dafür ein, dass Gesellschaftsspiele endlich als Kulturgut anerkannt und in die Deutsche Nationalbibliothek aufgenommen werden.

Kampf gegen Dumpinghonorare

Rita Modl aus dem Landkreis Weilheim-Schongau ist stellvertretende SAZ-Vorsitzende. Als Funktionärin ermutigt sie vor allem Autoren, die mit Dumpinghonoraren abgespeist werden sollen, im Verlag um eine Korrektur des Vertrags zu bitten. Würden zu viele neue Autoren aus lauter Freude über ihren ersten Vertrag miese Honorare akzeptieren, würde das der gesamten Branche schaden, erklärt sie. Die Spiele-Autoren-Zunft bietet Neulingen an, Verträge vor der Unterschrift zu checken.

Die gelernte Fotodesignerin stieg vor genau zehn Jahren in die Spielebranche ein. Heute ist Modl froh darüber, diesen Job ausgewählt zu haben. Denn das Fotobusiness lässt wegen künstlicher Intelligenz (KI) immer stärker nach. Natürlich ist KI längst auch so weit, dass sie Brettspiele erfinden könnte: „Aber Spielregeln alleine reichen nicht.“ Irgendjemand muss ja dann auch noch das Material zusammenbasteln. Doch wer macht das schon? Die wenigsten. Und das stimmt Modl zuversichtlich, dass es in ihrer Branche noch lange auf den Menschen ankommen wird. (Pat Christ)
 

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