Leben in Bayern

Susanna Schäfer hat gerade ihr Jurastudium beendet und hilft jetzt regelmäßig im Laden mit. Jeder kann dort gut Erhaltenes abgeben. (Foto: Pat Christ)

24.09.2021

Viel zu schade für den Müll

Beim Luftschloss, dem Würzburger Umsonstladen, steht der ökologische Gedanke im Vordergrund – es kommen aber vor allem Menschen, die sich nichts Neues leisten können

Tanja H. hat nie Geld auf die hohe Kante legen können. Bis vor zwei Jahren arbeitete sie als Verkäuferin. Das warf wenig ab. Ihr Mann hatte einen schlecht bezahlten Job in der Metallbranche. Nun sind beide krank und können gar nicht mehr arbeiten. „Wir leben von Hartz IV“, erzählt Tanja H. Sich, ihren Mann und die 17 Jahre alten Zwillinge durchzubringen sei da nicht einfach. Zum Glück aber gebe es in Würzburg den Umsonstladen Luftschloss: „Hier schau ich mindestens einmal im Monat vorbei.“ Neue Winterklamotten für alle – das würde zum Beispiel ein riesiges Loch in die Kasse der Familie reißen. „Das könnten wir uns einfach nicht leisten“, sagt Tanja H.

Zum Glück sind ihre beiden Mädels nicht wählerisch. Sie begnügen sich mit dem, was im Luftschloss zu finden ist. Wobei es dort wirklich schicke Sachen gibt. Allerdings: Um die richtig coolen Klamotten zu ergattern, muss man sehr früh dran sein. Tanja H. steht an diesem Tag mit einer ihrer beiden Töchter bereits eine Stunde, bevor das Luftschloss öffnet, vor der Türe. Die Jugendliche hat schnieke Turnschuhe im Schaufenster entdeckt: „Die will ich unbedingt haben.“ Wären sie nicht die Ersten im Laden, wären die bestimmt weg.

Von der Medizinstudentin bis zum Rentner engagieren sich nun seit genau zehn Jahren Menschen dafür, dass gut erhaltene Sachen neue Besitzerinnen und Besitzer finden. Von der Luftschloss-Philosophie her geht es eigentlich gar nicht in erster Linie darum, Not zu lindern. Im Mittelpunkt steht die ökologische Frage: Wie können wir es schaffen, den Ressourcenverbrauch zu minimieren? Diese Frage zu verankern, war allerdings von Anfang an schwierig. Zwar gibt es Anhänger der Postwachstumsbewegung, die sich ganz bewusst erst im Luftschloss umgucken, bevor sie sich etwas Neues kaufen. Doch das Gros der Kund*innen hat einfach wenig Geld.

Aber auch Leute, die auf der Jagd nach Kuriositäten sind, werden im Luftschloss fündig. Denn abgegeben wird allerhand. „Vor Kurzem hat uns jemand ein paar Päckchen mit Wandfliesen gebracht“, erzählt Vorstandsfrau Erika Wedrich. Kurios sind etwa auch mehrere Tapetenrollen mit Motiven aus der Sendung mit der Maus. Zu den besonders begehrten Artikeln, die man nirgendwo sonst findet, gehören ultraleichte Tragetaschen, die Elisabeth Staab aus dem Stoff alter Regenschirme kreiert. Die 77-Jährige gehört derzeit zu den besonders engagierten Ehrenamtlichen im Umsonstladen. Sie hilft nicht nur bei der Annahme und der Sortierung der Waren, sondern bringt sich auch als Upcyclerin ein.

Das eigentliche Ziel: Ressourcen schonen

Inzwischen hat die Rentnerin nahezu 500 Tragetaschen aus alten Regenschirmen genäht. Grün und hellgelb leuchten sie aus einem Karton. Und sie gehen weg wie warme Semmeln. Staab kennt das Luftschloss von Anfang an: „Vor zehn Jahren, als der Umsonstladen noch in der Nähe vom Hauptbahnhof war, habe ich oft Klamotten meiner Tochter, die ihr nicht mehr passten, vorbeigebracht.“ Die Würzburgerin, die im Krieg geboren wurde, gehört zu jenen Menschen, die nichts wegwerfen können, was noch zu gebrauchen ist: „Neulich habe ich bei uns im Haus aus der Mülltonne richtig tolle Jacken gefischt.“ Wie die nur jemand einfach entsorgen konnte?, fragt sie sich.

Die Corona-Maßnahmen wirkten sich allerdings auch aufs Luftschloss äußerst ungünstig aus. Längere Zeit war der Umsonstladen dicht. Die Miete jedoch lief weiter. Weil niemand etwas abholte, kam auch nichts in die Spendenbox, die im Laden steht. Der Vermieter zeigte sich uneinsichtig: Die Miete wurde trotz Krise nicht reduziert. Zum Glück gibt die Stadt Würzburg heuer eine etwas höhere Förderung als sonst – insgesamt 700 Euro. Bereits seit 2015 fließen monatlich 50 Euro von der Würzburger Umwelt- und Naturstiftung als Mietzuschuss aufs Konto des Vereins.

Nur sehr wenige Menschen, die es offensichtlich nicht nötig haben, in einem Umsonstladen „einzukaufen“, tummeln sich an diesem Tag zusammen mit Tanja H. vor dem Laden. Auf Einlass warten vor allem Männer und Frauen, denen man ihre materielle Not ansieht. „Ich hätte niemals gedacht, welche Mengen an Waren bei uns abgegeben, und noch weniger, welche Mengen an Waren mitgenommen werden“, sagt Susanna Schäfer, die sich seit Jahresbeginn im Luftschloss engagiert. Ein großes Anliegen der neuen Freiwilligen ist es, mehr Menschen dafür zu gewinnen, rein aus „Ökogründen“ mal im Luftschloss vorbeizuschauen.

Natürlich ist es gut, dass Menschen, bei denen das Geld knapp ist, durch das Luftschloss die Chance erhalten, sich mit Büchern, Geschirr, Klamotten oder Schuhen einzudecken, meint die 25-Jährige. Das soll auch weiter so bleiben. Schäfer möchte aber gleichzeitig für neues Publikum sorgen. Sie, die vor Kurzem ihr Jurastudium abschloss, versucht gerade, Studierende über Instagram zu einem Besuch im Luftschloss zu animieren. „Es wäre super gewesen, hätte ich am Anfang vom Studium gewusst, dass es in Würzburg einen Umsonstladen gibt“, sagt sie. Weil ihr das nicht bekannt war, musste sie sich alles Mögliche für die WG neu anschaffen.

Vor der Corona-Krise stand intensive Öffentlichkeitsarbeit auf dem Programm des Umsonstladens. Das Team stellte sich, seine Arbeit und seine Philosophie zum Beispiel jedes Jahr beim Würzburger Stadtfest vor. Das jedoch fällt heuer schon zum zweiten Mal aus. Sehr groß war das Interesse bisher immer auch, wenn man sich beim Festival „msonst & Draußen“ präsentierte. Auch das fiel 2020 flach. Und heuer waren keine Stände erlaubt. Die Grundidee zu verbreiten, dass Menschen erst mal nachschauen sollen, ob es das, was sie brauchen, vielleicht im Luftschloss gibt, wird immer schwerer. Und damit einen Teil dazu beizutragen, das Klima zu schützen.

Corona beutelte auch das Luftschloss durch

Die Sachen im Luftschloss beweisen, dass Gebrauchtes oft noch sehr schön sein kann. Auf einem der Ständer im Laden hängen T-Shirts, an denen man kein Fleckchen sieht. Auch die Hemden, Hosen und Jacken wirken überhaupt nicht vergammelt. Gleiches gilt für die Bücher. Die Nippsachen. Die Gläser, Tassen und Töpfe.

Es gehört ein ziemliches Quantum Gelassenheit dazu, sich im Umsonstladen zu engagieren: In den vergangenen Jahren hat das Luftschloss viele Aufs, aber auch viele Abs erlebt. So wurde vor sechs Jahren plötzlich ein Umzug nötig, nachdem die damaligen Räumlichkeiten in der Nähe des Würzburger Hauptbahnhofs gekündigt worden waren. Und im Sommer 2020 stand der Laden fünf Zentimeter unter Wasser. Alles musste ausgeräumt werden, viele beschädigte Waren landeten auf dem Müll. Die Renovierung zog sich über Wochen hin. Nun wurde vor Kurzem ein neuer Wasserfleck entdeckt.

Zehn Jahre durchgehalten zu haben, ist da eine Leistung. Wie es weitergeht, wissen die Freiwilligen aber noch nicht so recht. Inzwischen strömt zwar die Kundschaft wieder. Doch es bleibt das Problem mit der Miete. Aber davon wollen sich die Ehrenamtlichen im Moment nicht lähmen lassen. Bisher sei es ja immer irgendwie weitergegangen.
(Pat Christ)

Foto (Christ): Erika Wedrich und Elisabeth Staab gehören zu den besonders stark engagierten Freiwilligen im Luftschloss. 

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