Leben in Bayern

Dialekt-Unterricht an der Schule - davon würden sich manche mehr wünschen. (Foto: Daniel Karmann, dpa)

19.02.2020

Von wegen Gaudisprache

"Pfiat Di" oder "Ade" statt "Tschüss" - Dialektforscher beklagen seit Langem den Verlust mundartlicher Sprache in Bayern. Mit zwei Projekten wollen sie gegensteuern

Mit neuen Ideen wollen Dialektförderer in Bayern die Mundart stärken. Seit Jahren bemängeln sie einen Verlust an regionaler Sprachkompetenz. Passend zum Internationalen Tag der Muttersprache (21. Februar) richten der Förderverein Bairische Sprache und Dialekte (FBSD) aus München und der in Niederbayern ansässige Bund Bairische Sprache (BBS) Forderungen an die Politik.

Der FBSD und die Universität Salzburg wollen mit einem grenzübergreifenden Schulprojekt bei Kindern eine Zweisprachigkeit von Dialekt und Hochdeutsch fördern. Das Projekt soll auch zum Abbau von Vorurteilen gegenüber anderen sprachlichen Eigenarten beitragen, wie ein ausländischer Akzent bei Migranten oder Dialektfärbungen aus Nord- oder Ostdeutschland. "Uns geht es um eine Entstigmatisierung von Varietäten", sagte Eugen Unterberger von der Uni Salzburg.

Drei Schulen im Landkreis Berchtesgadener Land, drei weitere im Landkreis Traunstein sowie sechs Schulen im Salzburger Land werden von Herbst an teilnehmen. Das Projekt sei auch deshalb grenzübergreifend angelegt, weil in der gesamten Gegend teils bis heute der gleiche Dialekt gesprochen werde. Das ganze Schuljahr über sollen Schüler spielerisch mit verschiedenen Ausdrucksarten umgehen, sich ausprobieren - und Vorurteile reflektieren.

Dialekt-Initiative für Neugeborene: Sprach-Broschüre zur Geburtsurkunde

Der Bund Bairische Sprache richtet sich auch an Kinder beziehungsweise deren Eltern. Der Bund wolle eine Dialekt-Initiative für Neugeborene starten, sagte Vorsitzender Sepp Obermeier. So sollten Eltern parallel zur Geburtsurkunde ihres Kindes eine Broschüre ausgehändigt bekommen, die "über die Vorteile der zweisprachigen Aufwachsens mit bodenständigem Dialekt und guter deutscher Literatursprache aufklärt". Die Handreichung soll die Regionen Altbayern, Franken und Schwaben berücksichtigen.

Der BBS fordert den Städte- und Gemeindetag - gegebenenfalls gemeinsam mit der Staatsregierung - auf, eine entsprechende Initiative zu starten. Weite Teile der Gesellschaft seien von Vorbehalten gegenüber Dialekten geprägt und hielten sie für "provinzielle Gaudisprachen", sagte Obermeier. Die Politik könne zu einem Bewusstseinswandel beitragen.

Auch Unterberger zufolge gelten Dialektsprecher noch immer als zwar gemütlich, aber auch etwas bäuerlich und weniger gebildet. Hochdeutschsprecher hingegen halte man eher für gebildet, dafür aber für etwas hochnäsiger. "Wir wollen das im schulischen Kontext kritisch thematisieren", sagte der Germanist. "Es ist nicht so, dass Dialekt eine minderwertige Form des Deutschen ist. Es ist eher so, dass die Standardsprache, das Hochdeutsche, etwas Konstruiertes ist. Es ist linguistisch nicht richtig, dass ein Dialekt eingeschränkt ist in seinen Ausdrucksmöglichkeiten."
(dpa)

Kommentare (1)

  1. Miiich am 21.02.2020
    Was viele nicht wahrhaben wollen:

    Die einzelnen regionalen Formen des Bairischen (Boarischen) sind Mundart oder Dialekt.
    Bairisch selbst ist eine eigene Sprache.

    Auch wenn das derzeit nicht ins "deutsche Einheitsbild" von Staatsregierung, Kultusministerium und BR passt. Echtes Bairisch, Fränkisch und Schwäbisch sind lebendig, liebenswert und schützenswert.

    [Auszug aus WIKIPEDIA: "Die bairische Dialektgruppe wird von der Internationale Organisation für Normung als eigenständige Einzelsprache klassifiziert (der Sprachcode nach der Norm ISO 639-3 ist bar) und von der UNESCO seit 2009 im Atlas der gefährdeten Sprachen aufgelistet. Mit einer bis zum älteren bairischen Stammesherzogtum zurückreichenden über 1000-jährigen Geschichte" (NB: 1500 Jahre wären wohl richtiger) "ist Bairisch also ein historisch entstandener, eigenständiger Dialektverbund der deutschen Sprache (wie Alemannisch oder Niederdeutsch), der jedoch nie standardisiert wurde. Bairisch ist kein Dialekt der standardhochdeutschen Schriftsprache, die sich erst deutlich später als künstliche Ausgleichssprache entwickelt hat und ebenfalls einen Dialekt der deutschen Sprache darstellt. Der Unterschied zwischen Bairisch und Standardhochdeutsch ist z. B. größer als der zwischen Dänisch und Norwegisch oder zwischen Tschechisch und Slowakisch. Das gleichzeitige Aufwachsen eines Menschen mit Dialekt und Standardsprache gilt in der Hirnforschung als eine Variante der Mehrsprachigkeit, welche kognitive Fähigkeiten wie Konzentration und Erinnerungsvermögen trainiert."] Der letzte Satz zeigt: Dialekt macht nicht dumm, im Gegenteil.
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