Leben in Bayern

Ob sich das Riesenrad auch 2020 auf der Münchner Theresienwiese dreht, ist sehr ungewiss. (Foto: Robert B. Fishman, dpa)

06.04.2020

Wackelt die Wiesn wegen Corona?

Das Münchner Filmfest und die Bayreuther Festspiele hat es bereits erwischt: Bis in den Hochsommer wird die Corona-Lähmung sicher dauern. Kann da das Münchner Oktoberfest im September beginnen? Und was würde eine Absage bedeuten?

Die Wirte haben Reservierungswünsche aus aller Welt entgegengenommen, die Brauereien stehen in den Startlöchern, um das auch im Ausland begehrte Wiesnbier zu brauen. Doch noch ist alles auf Hold: Bisher ist nicht entschieden, ob München in diesem Jahr trotz der Corona-Krise das größte Volksfest der Welt feiern kann. Die Vorbereitungen laufen planmäßig. Noch hofft man. "Natürlich wünsche ich mir als Veranstalter der Wiesn zusammen mit allen unseren Partnern sehr, dass es keine Absage geben muss", sagt der Münchner Wirtschaftsreferent und Wiesnchef Clemens Baumgärtner (CSU).

Heute wurde bekannt, dass neben den Bayreuther Festspielen auch das Filmfest München ausfällt. Es sei derzeit nicht möglich, ein Festival zu planen, das essenziell auf die Begegnung von Filmschaffenden aus aller Welt angewiesen sei, teilten die Organisatoren am Montag in München mit. Filmfestleiterin Diana Iljine sprach von einer schweren Entscheidung. Eine Verschiebung in den Herbst war im Gespräch, wurde aber dann doch verworfen. Es gebe in dieser Zeit viele andere Filmfestivals. Auch logistisch und finanziell wäre das nur mit immensem Aufwand möglich. "Und es bliebe trotzdem unsicher, ob wir stattfinden könnten", sagte Iljine.

Eine Absage hätte des Oktoberfests hätte ungleich größere wirtschaftliche Folgen mit Millionen-Einbußen, aber auch ideelle. Die bunten Bilder fröhlich feiernder Menschen in Tracht, das bierselige, aber friedliche Miteinander vieler Nationen, und über allem der im Herbst oft bildbuchblau strahlende Himmel - das prägt das Image Münchens und Bayerns.

"Ich kann mir das emotional noch nicht vorstellen", sagt Peter Inselkammer, Sprecher der Wiesnwirte, über eine mögliche Absage. "Die Wiesn gehört zum ganz normalen Jahresrhythmus. Wir freuen uns alle darauf. Aber wir müssen abwarten, ob es möglich ist."

Anstich wäre am 16. September

Bis in den Juli hinein sind Veranstaltungen weltweit bereits abgesagt oder verschoben: Theateraufführungen, Fußballspiele, das Tennisturnier von Wimbledon, die Bayreuther Festspiele, die Oberammergauer Passion - und sogar die Olympischen Spiele. Allerdings ist es bis zum Oktoberfest noch etwas länger hin: Am 16. September ist der Anstich geplant, bis zum 4. Oktober soll das Fest dauern. Und so schieben die Verantwortlichen die Entscheidung noch hinaus.

Die Entscheidung solle zum spätestmöglichen Zeitpunkt erfolgen, hieß es. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), der das Fest eröffnen würde, sprach zuletzt von "spätestens Ende Mai, Anfang Juni" - vor Beginn der Aufbauarbeiten auf der Theresienwiese.

Festleiter Baumgärtner sagt: "Derzeit blicken wir gespannt auf das Ende der Osterferien und die dann mögliche Abschätzung, ob es gelungen sein wird, die Ausbreitung des Virus zu bremsen. Für eine verbindliche Einschätzung ist es daher heute noch zu früh." Eine Entscheidung werde wesentlich davon abhängen, was medizinische Experten raten und welche gesundheitspolitischen und sicherheitsrechtlichen Vorgaben Bund und Freistaat erlassen. "Wir werden in enger Abstimmung mit dem Freistaat unter Berücksichtigung der aktuellen Situation eine verantwortungsvolle Entscheidung treffen", sagte kürzlich auch Reiter.

Jede Menge Gäste aus Italien und den USA

Sechs Millionen Besucher aus aller Welt kommen alljährlich während der zwei Festwochen auf das 34 Hektar große Festgelände. Bis zu 250 000 können es an sehr gut besuchten Tagen sein - Abstand halten ausgeschlossen. Schon zu normalen Zeiten registrieren Arztpraxen in und um München ab dem mittleren Wiesn-Wochenende mehr Patienten mit Erkältungskrankheiten: die sogenannte Wiesngrippe. In der Enge der Zelte kommt man sich - gewollt oder ungewollt - nahe. Die Erreger haben leichtes Spiel, zumal Alkohol das Immunsystem schwächt.

Zwar stammt die Mehrzahl der Gäste aus München und Bayern. Die meisten ausländischen Gästen kamen aber zuletzt ausgerechnet aus den Ländern, die derzeit am schlimmsten von der Corona-Pandemie betroffen sind: US-Amerikaner und Italiener waren 2019 neben den Schweizern die größte Besuchergruppe, gefolgt von den Briten.

Für die Wirtschaft wäre eine Absage ein schwerer Schlag. Nicht nur Schausteller, Wirte und Budenbesitzer auf dem Volksfest selbst, sondern auch Hotels, Gaststätten, Taxifahrer und Einzelhändler profitieren. Rund 1,23 Milliarden Euro nahm die Wirtschaft laut Stadt mit der Wiesn im vergangenen Jahr ein.

Allein für die Übernachtungen werden 505 Millionen Euro verbucht

Allein für Übernachtungen gaben auswärtige Gäste rund 505 Millionen Euro aus. Für Taxifahrten, die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, Verpflegung und Einkäufe ließen sie weitere 285 Millionen Euro da. Sie besuchten Biergärten und Gaststätten und shoppten Lederhosen und Dirndl, Sepplhüte und München-Souvenirs wie FC-Bayern-Trikots.

Direkt auf der Wiesn gaben die Besucher 2019 rund 442 Millionen Euro aus: Für die Fahrt mit Mega-Fahrgeschäften und historischen Karussells, für Zuckerwatte, Lebkuchenherzl und gebrannte Mandeln. Der Appetit der Gäste war beachtlich. Sie verzehrten 124 Ochsen sowie 29 Kälber sowie geschätzt mehrere hunderttausend Würste und Hendl. Dazu tranken sie 7,3 Millionen Liter Bier.

Wirtesprecher Inselkammer hofft noch, dass das Volksfest stattfinden kann - vielleicht auch als Schritt zurück ins Leben nach Überwindung der Krise. "Das wäre dann ein wichtiges Signal: Wir wollen wieder feiern, wir wollen wieder raus gehen und das Leben genießen."
(Sabine Dobel, dpa)

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