Leben in Bayern

Clemens Baumgärtner (CSU), neuer Wiesnchef. (Foto: Lino Mirgeler/dpa)

03.09.2019

Weg vom Bierfest-Image

Clemens Baumgärtner ist der neue Wiesnchef. Anzapfen und Achterbahnfahren sind zwar nicht seine originäre Aufgaben. Dennoch verlangt das Amt Geschick und Mut

Wiesnchef - das Amt kommt in München in der Rangordnung ganz knapp hinter dem des Oberbürgermeisters. Seit März ist Clemens Baumgärtner als neuer Wirtschaftsreferent auch Leiter des größten Volksfestes der Welt. Bisher hat er als Festleiter eher im Hintergrund agiert. Auch jetzt, im Endspurt vor dem Oktoberfest, bleibt der 43-jährige CSU-Politiker eher zurückhaltend.

"Es ist meine erste Wiesn als Festleiter und nicht als Gast. Da schau ich mir alles erst einmal genau an. Und überlege dann, ob Änderungen angezeigt sind", sagt er. "Den Volksfestcharakter zu bewahren - das ist die Überschrift über allem." Schließlich sei die Wiesn ein Aushängeschild für München und für Bayern, "aber auch für ganz Deutschland, weil sie im Ausland sehr stark wahrgenommen wird". Für ihn als gebürtigen Münchner sei es eine besondere Ehre, nun das größte Volksfest der Welt zu leiten.

Auf "gar keinen Fall" sei an dem Grundkonzept etwas zu ändern. "Aber an der oft unzutreffenden "Vertonung" muss man etwas tun", sagt er. "Die Wiesn darf nicht reduziert werden auf Essen und Trinken." Das Image als reines Trinkgelage greife zu kurz. "Es gibt einen guten Teil der Gäste, die gehen gar nicht ins Festzelt." Sondern flanierten durch die Gassen und probierten Fahrgeschäfte. Schließlich bietet die Wiesn kühnste Hightechgeräte ebenso wie hundert Jahre alte Nostalgie-Karussells. "Es gibt junge Leute, die gehen auf die Wiesn und fahren zehnmal den Fünferlooping, weil sie es schön finden."

Den Bierpreis findet er "noch akzeptabel"

Baumgärtner war vom Stadtrat Ende vergangenen Jahres zum Nachfolger von Josef Schmid (CSU) gewählt worden, der in den Landtag einzog. "Mein Ansatz als Wirtschaftsreferent wird sich von dem meines Vorgängers nicht wesentlich unterscheiden", sagte er. Die Rezeptur für das Volksfest: Brauchtum erhalten und mit Bedacht Neuerungen einführen. Erstmals sollen etwa in diesem Jahr chinesische Gäste über das Onlinebezahlsystem Alipay ihre Maß oder ihr Hendl zahlen können. Allerdings gebe es auf der Wiesn Grenzen für die Digitalisierung. Unvorstellbar sei etwa, dass im Bierzelt "alle nur noch mit dem Kopfhörer herumsitzen und jeder seine eigene Musik hört".

Wichtig sei ihm der gute Kontakt zu Wirten, Schaustellern und Standlbesitzern. "Ein Ohr für jeden haben, hören: Was treibt sie um." Besonders die Wirte der großen Zelte haben eine starke Stimme - frühere Festleiter hatten nicht immer einen leichten Stand, wenn sie ihre Vorstellungen umsetzen wollten.

Beim "Politikum" Bierpreis geht der Neue mit den Wirten nicht allzu hart ins Gericht. Drei Prozent Erhöhung sei "noch akzeptabel". Die Debatte um die angeblich zu hohen Preise auf der Wiesn ärgere ihn. Sowohl das Bier als auch das Essen sei nicht erheblich teurer als in Gastronomiebetrieben in der Innenstadt. Dafür garantiere die Wiesn höchste Qualität. Nicht zuletzt liegt die Messlatte für die Zulassung der Wirte hoch, Nachhaltigkeit bringt Punkte - und so setzen viele auf regionale Produkte, Ökostrom und Recycling. Etwa wird das Wasser nach dem Spülen der Bierkrüge wiederverwendet: für die Klospülung.

Wo der Wiesn-Chef selbst schwach wird

Baumgärtner, der bis zu seinem Amtsantritt im Rathaus hauptberuflich als Wirtschaftsanwalt tätig war, kommt aus der Lokalpolitik. Er sitzt seit 23 Jahren im Bezirksausschuss Untergiesing-Harlaching und ist seit 2012 auch dessen Vorsitzender. Dort stritt er unter anderem für Tempolimits auf Wohnstraßen und für den Erhalt der Siedlungsstruktur in dem Stadtteil. In seiner neuen Funktion als Wirtschaftsreferent setzt er nicht nur auf die Zukunftsfähigkeit des Standorts München in einem internationalen Kontext, sondern auch auf Nachbarschaftlichkeit und gutes Miteinander in der "Weltstadt mit Herz".

Die Freuden der Wiesn genießt der neue Oktoberfestchef und Vater zweier Kinder auf schlichte Art. "Am Eingang eine Tüte gebrannte Mandeln kaufen, dann Riesenrad." Danach ins Festzelt - oder zum 150 Jahre alten Illusionentheater "Schichtl", in dem die "Enthauptung einer lebenden Person auf hell erleuchteter Bühne" zelebriert wird. In rasante Fahrgeschäfte steigt er nicht. "Da hebt's mir den Magen."

Baumgärtner wirbt dieses Jahr besonders für die gemütliche Oide Wiesn im Südteil des Festgeländes, die nächstes Jahr wegen des  Zentral-Landwirtschaftsfestes der Bauern ausfällt. Auf der Oidn Wiesn hat er sein persönliches Lieblingsstandl: Die Bonbonmanufaktur mit einem Verkaufswagen aus dem Jahr 1938, einer hundert Jahre alten Bonbonwalze und einer Lutschermaschine. "Da werd' ich schwach."
(Sabine Dobel, dpa)

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