Es ist ein schlichtes Flugblatt, das einem beim Ausbreiten der Neubürgermappe trotzdem irgendwann ins Auge fällt: „Alle Wege in und zwischen den Ortsteilen der Gemeinde Weßling lassen sich in wenigen Minuten mit dem Fahrrad oder Pedelec bewältigen“, erfährt man dann beim Lesen. Von dieser guten Fahrradinfrastruktur kann man sich auch persönlich überzeugen, und zwar – wie es auf dem Flugblatt heißt – in Begleitung „alteingesessener Radlfreunde“. Darunter auch Bürgermeister Michael Sturm.
„Da lernt man Ort und Bürgermeister kennen“, sagt Gerhard Hippmann, der Mobilitätsreferent der 6000-Einwohner-Gemeinde im Landkreis Starnberg. Ein- bis zweimal im Jahr finden diese Willkommenstouren für Neubürgerinnen und Neubürger auf Anfrage statt.
Ungewöhnlich viel los in der kleinen Gemeinde
In der Gemeinde gibt es noch mehr Angebote rund ums Fahrrad, angestoßen von der Bürgerinitiative Mobilitätswende Weßling. Einmal im Jahr findet der Radltag statt. Höhepunkt ist dabei jedes Mal ein Radlflohmarkt. Ebenfalls jährlich kann man sich beim Mobilitätstag darüber informieren, welche Mobilitätsprojekte es im Ort gibt – etwa ein Lastenrad, das man relativ günstig leihen kann. Jeden Donnerstagabend helfen einem in der Radlwerkstatt Ehrenamtliche, defekte Fahrräder zu reparieren. Ungewöhnlich viele Angebote für eine Kommune dieser Größe.
Kein Wunder, dass sich die Gemeinde auch als fahrradfreundliche Kommune beworben hat. Dieser Titel wird vom bayerischen Verkehrsministerium verliehen, das bei der Beratung, der Vernetzung mit anderen Kommunen und der Frage, welche Fördermöglichkeiten es gibt, hilft. Im November sieht sich eine Kommission den Ort an und entscheidet, ob Weßling Teil des Netzwerks wird.
Ausgangspunkt des Ganzen war das Jahr 2011. Damals beteiligte sich Weßling erstmals am Stadtradeln, einem Wettbewerb, bei dem es darum geht, 21 Tage lang möglichst viele Wege im Alltag mit dem Rad zurückzulegen. Kommunen und mittlerweile auch Schulen wetteifern bundesweit um die meisten Kilometer und Fahrten mit dem klimafreundlichen Fahrrad. Gefördert wird das Projekt mit öffentlichen Mitteln. Der Freistaat Bayern unterstützt etwa die Teilnahme in diesem Jahr mit 400.000 Euro. Im vergangenen Jahr beteiligten sich rund 200.000 Bürgerinnen und Bürger aus 549 Kommunen am bayerischen Stadt- und Schulradeln. „Die geradelte Gesamtstrecke entspricht circa 965 Erdumrundungen oder 50 Mal der Entfernung zum Mond und wieder zurück“, teilt das Verkehrsministerium mit.
Wenn eine Kommune sich anmeldet, legt sie den Zeitraum fest, in dem gezählt wird. Einzige Bedingung: Die 21 Tage müssen zwischen dem 1. Mai und dem 30. September absolviert werden. Nach der Anmeldung können sich Interessierte aus den jeweiligen Kommunen registrieren. Sie haben dabei die Möglichkeit, eigene Teams zu gründen oder sich bestehenden Teams anzuschließen. Und dann wird fleißig gestrampelt und gezählt. Die erradelten Kilometer kann man dann auf der Stadtradeln-Website oder inzwischen auch in einer App eintragen.
Der Wettbewerb läuft auf Vertrauensbasis: Inwieweit die eingetragenen Fahrten auch wirklich stattgefunden haben, wird nicht kontrolliert. So kann man nur hoffen, dass die gesponserten Preise – etwa Fahrradtaschen, Radlständer oder Gutscheine – auch tatsächlich den Richtigen zugekommen sind. Immerhin: Wer die Stadtradeln-App benutzt, kann seine Fahrten tracken.
„Es heißt oft, das ist sinnlos, weil man da bescheißen kann“, sagt Gerhard Hippmann. „Aber bei uns hat das die Leute zusammengebracht.“ Ohne die Anmeldung, davon ist Hippmann überzeugt, hätte sich keine Bürgerinitiative gegründet. Und dann hätte sich auch keine solche Fahrradkultur im Ort entwickelt. Dass der ganze Landkreis Starnberg beim Stadtradeln dabei ist, liegt auch am Engagement Weßlings, das vor zehn Jahren in der Wertung Kilometer pro Einwohner sogar deutschlandweit die Nummer eins war.
Drei Wochen sind überschaubar
Immer noch wird in Weßling fleißig fürs Stadtradeln gestrampelt. Ob an der Grundschule oder am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und am Sonderflughafen im Ortsteil Oberpfaffenhofen. „Der Drei-Wochen-Zeitraum ist geschickt gewählt“, sagt Hippmann. „Das ist überschaubar und macht Spaß.“
Doch die Begeisterung hält auch noch an, wenn der Wettbewerb längst beendet ist, hat Hippmann beobachtet: „Ich kenne viele, die dadurch insgesamt weniger mit dem Auto fahren. Das Stadtradeln kann das Verhalten tatsächlich verändern.“ (Thorsten Stark)
Inzwischen kann man sich unter www.stadtradeln.de für den Wettbewerb registrieren. Privatpersonen zahlen nichts. Die Beiträge der Kommunen werden vom Freistaat bis maximal je 2675 Euro übernommen – bis das Gesamtbudget erschöpft ist.
Kommentare (0)
Es sind noch keine Kommentare vorhanden!