Leben in Bayern

Die 65-jährige Anche Angelova aus Bulgarien bei einem Arzt, der ehrenamtlich bei Ärzte der Welt in München arbeitet. (Foto: Peter Kneffel/dpa)

12.05.2020

Wenn der Arztbesuch keine Selbstverständlichkeit ist

Für Anche Angelova ist das Coronavirus besonders gefährlich: Sie ist chronisch krank und nicht versichert. Die Bulgarin ist durch das Raster des Gesundheitssystems gefallen - wie Hunderttausende andere Menschen in Deutschland

Fragt man Anche Angelova, wie es ihr geht, dann knöpft sie ihre Bluse auf und zieht das Oberteil herunter. Die 65-Jährige zeigt ihre Schulter, auf der eine handtellergroße, rote Wunde klafft. Sie streckt die Zunge heraus - der Mund ist entzündet, Essen bereitet ihr Schmerzen. Ihre Haut ist übersät mit Wunden, Körperfunktionen versagen, "und morgens spucke ich 10 bis 15 Minuten Blut".

Wie die Krankheit heißt, die ihren Körper angreift, weiß sie nicht. Angelova ist Bulgarin, spricht kein Deutsch. Viele Dinge versteht sie nicht: Warum sie nicht einfach zu einem Arzt oder ins Krankenhaus gehen kann wie die Deutschen. Wieso sie, die EU-Bürgerin, keinen Anspruch auf eine Krankenversicherung hat. Klar ist ihr aber: Zur Zeit der Corona-Pandemie ist sie in großer Gefahr.

Viele Menschen wie Angelova suchen derzeit Rat bei der Hilfsorganisation Ärzte der Welt in München. Der Verein betreut Menschen, die durch das Raster der Krankenversicherung in Deutschland gefallen sind. Hier kennt man auch den Namen von Angelovas Leiden: Pemphigus vulgaris, eine Erkrankung, bei der das Immunsystem die Haut angreift. Hinzu kommt ein Diabetes. "Sie ist multimorbid. Die Risiken wachsen mit jeder Erkrankung exponentiell", sagt Cevat Kara, der die offene Praxis von Ärzte der Welt leitet.

Die Lage zwingt Angelova zur Vorsicht. "Ich gehe nirgends hin", sagt sie. Sie macht höchstens ein paar Schritte in den Hof des Hauses, in dem sie bei einer Freundin untergekommen ist. Die wäscht sie und cremt sie mit Salben ein. Angelova verhält sich unauffällig, denn eigentlich darf sie in der Wohnung nicht leben, die Hausverwaltung hat der Hauptmieterin schon gekündigt. Im schlimmsten Fall landet eine chronisch kranke Seniorin auf der Straße. "Das kann für sie den Tod bedeuten", sagt Kara.

Zur Armut kamen Schicksalsschläge

Ihre Geschichte im Schatten des Sozialsystems beginnt in einem Dorf im Osten Bulgariens. Auf der Suche nach einem besseren Leben mit Arbeit bricht die Witwe vor rund acht Jahren in Richtung München auf - mit Sohn, Schwiegertochter und zwei Enkeln. Doch Deutschland hat nicht auf sie gewartet. Angelova findet weder Job noch Wohnung. Sie schläft bei Bekannten, manchmal auch im Auto oder auf der Straße. Sie sammelt Flaschen und bettelt. Dass man sich beim Einwohnermeldeamt melden muss, weiß sie nicht. Das Formular könnte die Analphabetin auch nicht ausfüllen.

Zur Armut kommen Schicksalsschläge. Nach zwei Jahren erkrankt ihr Sohn an Krebs. Zwei Monate später stirbt er. Wenn es Angelova schlecht geht, stellt sie sich in der kostenlosen Praxis von Ärzte der Welt vor. Dorthin geht sie auch, als sie Mitte 2019 einen starken Husten bekommt und ihr Mund sich entzündet. Es ist der Beginn ihrer Krankheit.

Es ist auch der Zeitpunkt, als Angelova klar wird, dass sie Teil einer großen Schicksalsgemeinschaft ist. Knapp 80 000 Menschen in Deutschland waren 2016 laut Erhebung des Statistischen Bundesamts nicht krankenversichert. Um ein Vielfaches höher liegt nach Einschätzung von Experten die Dunkelziffer: Der Professor für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen, Jürgen Wasem, geht von einer sechsstelligen Zahl von Betroffenen wie etwa Obdachlosen aus. Hinzu kämen zwischen einer halben und einer Million Menschen ohne legalen Aufenthaltsstatus.

Ärzte behandeln in München ehrenamtlich

An der Stelle kommt Ärzte der Welt ins Spiel. Die Organisation bezahlt die sechs verschiedenen Medikamente, die Angelova täglich schlucken muss. Sie organisiert Ärzte, die sie ehrenamtlich behandeln, und verhandelt mit Krankenhäusern. Vor allem aber versuchen Kara und seine Kollegen, die Patientin in der Sozialversicherung unterzubringen.

Damit sind sie bislang gescheitert. Denn mit dem System Deutschland ist Angelova schlicht überfordert. "Es gab niemanden, der sie führt und berät", sagt Kara. Die Patientin müsste eine Krankenversicherung aus ihrem Heimatland vorweisen, um hierzulande aufgenommen zu werden. Doch das kann sie nicht. Eine Aufnahme in die Altersgrundsicherung lehnte das Amt für Wohnen und Migration ab. Eigentlich haben arbeitslose EU-Ausländer nach fünf Jahren Aufenthalt ein Recht auf gesundheitliche Leistungen - doch Angelova hat sich ja nicht gemeldet.

Mit den vielen Besonderheiten ihres Falls ist sie an allen Zugängen zur Versicherung gescheitert, die das Bundesgesundheitsministerium definiert. "In den konkreten Fällen sollten einzelfallbezogene Lösungen angestrebt werden", teilt das Ministerium auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. Zudem verweist es auf die sogenannten Clearingstellen, die einige Bundesländer als Unterstützung für Einwanderer eingerichtet haben. In Bayern gibt es so etwas nicht.

Mitte März wurde Angelova in einer Münchner Klinik operiert - eine Gefälligkeitsleistung, für die das Krankenhaus in Vorleistung ging. Ärzte hatten den Eingriff schon Wochen zuvor empfohlen. Eigentlich sind akute Behandlungen dieser Art von einer Zusage zur Kostenübernahme des Münchner Sozialreferats gedeckt. Kurz nach der Operation wurde die 65-Jährige entlassen, obwohl sie weitere Behandlungen braucht. Doch für Krankenhäuser sind Fälle wie ihrer nicht nur ein finanzielles Risiko, die Kliniken mussten auch Kapazitäten für Corona-Kranke schaffen.

Nun führt Angelova ein Leben in der Warteschleife. Ist weiter vorsichtig. Versucht es mit neuen Anträgen. Und hält an einer simplen Hoffnung fest: "Ich wünsche mir, dass jeder zum Arzt kann."
(Tom Sundermann, dpa)

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