Leben in Bayern

Diese Seniorin kommt nur noch schwer die Treppe hoch. Isolde Guba (kleines Bild), Wohnberaterin des Landkreises Hof, berät in solchen Fällen. (Foto: Nicolas Armer/dpa)

20.11.2019

Wenn die Treppe plötzlich unüberwindbar ist

Im Juni bekam er die Diagnose: bösartiger Leberkrebs. Ein Heim kommt nicht in Frage, meint seine Frau. Also muss sie das eigene Heim pflegegerecht umbauen - eine Wohnberaterin hilft ihr dabei

Als sie aus dem Fenster blickt, kommen ihr die Tränen. "Die Aussicht ist doch so schön", sagt die 75-Jährige, während ihre Stimme immer leiser wird. Jeden Tag genieße sie das, seit 30 Jahren. Aber inzwischen komme ihr Mann kaum mehr die Treppe hoch. "Wie lange wir für jede Stufe brauchen..." Sie winkt ab. Kein Gedanke daran, als sie damals das Haus in der oberfränkischen Gemeinde Weißdorf gekauft haben. "Wir haben nur beschlossen: Hier lebt sich's gut. Hier wollen wir bleiben", erzählt die Seniorin.

Isolde Guba drückt ihre Hand. Den Wunsch hört sie ständig. Als Wohnberaterin im Landkreis Hof ist es ihre Aufgabe, ihn auch zu erfüllen. Die 52-Jährige kommt, wenn die Tür zu eng für einen Rollstuhl ist. Sie berät, wenn Familien ein barrierefreies Haus bauen wollen. Oder wenn die Treppe plötzlich unüberwindbar erscheint, wie bei dem Ehepaar aus Weißdorf.

Vor der Treppe dreht sich die 75-Jährige zur Seite. Mit beiden Händen klammert sie sich an das Geländer, das ihr zumindest auf der einen Seite ein bisschen Sicherheit verspricht. Seitlich, Schritt für Schritt, wagt sie sich schließlich mit ihren Pantoffeln die Stufen hinunter. Guba lässt die Seniorin dabei nicht aus den Augen. "Ich schaue mir immer an, wie sich die Bewohner bewegen", erklärt die Wohnberaterin. So könne sie Stolperfallen am besten erkennen.

Die Nachfrage ist enorm

Bayernweit gibt es mittlerweile mehr als 80 solcher haupt- und ehrenamtlichen Beratungsstellen. Ein flächendeckendes Netzwerk ist nach Angaben des Sozialministeriums aber noch nicht vorhanden. Dabei ist der Bedarf groß, wie die Wohnberatung im Landkreis Hof zeigt: Seit vergangenem April haben sich bei Guba mehr als 100 Familien gemeldet. Rund 180 kostenlose Beratungen hat sie seitdem durchgeführt.

"Die Wohnberatung war das Beste, was mir passieren konnte", meint die Seniorin aus Weißdorf. Denn Anfang Oktober ist sie selbst gestürzt, diesmal waren die sechs Stufen in ihrem Schlafzimmer das Problem. "Mein Gesicht war blau, mein linker Arm war blau", sagt die zierliche Frau. Aber das Schlimmste: Mit einer ausgerenkten Schulter konnte sie nicht mehr ihren krebskranken Mann pflegen. Ein Pflegedienst hat ihr dann nicht nur beim Baden geholfen, sondern auch gleich die Wohnberatung empfohlen.

Auf Anregung von Beraterin Guba soll noch diese Woche ein Schreiner kommen, um ein Geländer im Schlafzimmer anzubringen. Auch im Treppenhaus gibt es bald einen zweiten Handlauf. "Haben Sie den Hausnotruf schon beantragt?", hakt die Wohnberaterin nach. Das werde sie noch tun, verspricht die 75-Jährige. Nur das Bad im Erdgeschoss will sie erstmal nicht barrierefrei ausbauen. Mehr als 11 000 Euro veranschlagten die Handwerker, das sei ihr zu teuer.

Nicht immer koste Barrierefreiheit so viel Geld, sagt Guba. Überhaupt mache sie nur Vorschläge. Manchmal reiche es auch schon, eine Kommode zu verschieben. Oder sich von Teppichen zu trennen. "Teppiche sind klassische Stolperfallen", erklärt die Wohnberaterin. Davon will die 75-Jährige aber nichts wissen. "Jaaa... wann kommen Sie denn wieder?", fragt sie und grinst. "Dann rolle ich die Teppiche davor schnell zusammen."
(Mirjam Uhrich, dpa)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

Jahresbeilage 2020

Nächster Erscheinungstermin:
29.November 2020

Weitere Infos unter Tel. 089 / 29 01 42 54 /56
oder
per Mail an anzeigen@bsz.de

Download der aktuellen Ausgabe vom 29.11.2019 (PDF, 15 MB)

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.

Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.