Leben in Bayern

Für Anwohner oft kein Spaß: Motorradfahrer auf ihren lauten Maschinen. (Foto: Karl-Josef Hildenbrand)

22.06.2020

Wenn es am "Paradies" zu laut wird

Härtere Strafen, Grenzwerte und Fahrverbote: Der Bundesrat will mit einer Reihe von Vorschlägen Motorradlärm reduzieren. Fahrer und Hersteller protestieren. Doch Polizei, Anwohner und Gemeinden setzen längst auf andere Strategien

Wenn die Sonne scheint, wird es laut am "Paradies". Nahe dem Gebiet mit malerischer Aussicht bei Oberstaufen (Landkreis Oberallgäu) verläuft die Bundesstraße 308, die zu den beliebtesten Motorradstrecken in Südbayern zählt. Auch Michael Laugwitz steht dort an einem sonnigen Nachmittag mit seiner Maschine auf einem Parkplatz. Um den eigenen Fahrspaß geht es ihm aber nicht: Laugwitz ist Leiter der Kontrollgruppe Motorrad des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West.

Es ist 14.15 Uhr, als er einen Harley-Fahrer aus Österreich zum Anhalten auffordert. An diesen Motorrädern würden oft Komponenten ausgetauscht, sagt Laugwitz. "Es gibt da einen riesigen Markt für Teile." Der Österreicher hat Luftfilter und Auspuff gewechselt. Das kann dazu führen, dass die mit 97 Dezibel Standgeräusch ohnehin laute Maschine noch mehr Lärm verursacht.

Nur wenige Kilometer entfernt ist der Ärger über solche Veränderungen groß. "Keiner will den Motorradfahrern den Spaß nehmen", sagt Gaston Höpfl, der in Oberstaufen nahe der B308 wohnt. "Aber wenn man daran nur Freude hat, wenn es richtig laut ist, kann ich das nicht nachvollziehen." Anwohner Jürgen Keller vergleicht die Geräuschkulisse an Wochenenden und Feiertagen mit der einer Maschinenhalle: "Der Talkessel verstärkt das noch."

In der Debatte: Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen

Inzwischen hat die Debatte die Bundespolitik erreicht. Der Bundesrat setzt sich laut Beschluss vom 15. Mai unter anderem dafür ein, dass die Lärmpegel aller neuen Motorräder pauschal auf 80 Dezibel begrenzt werden. Strafen für technische Manipulationen sollen verschärft und Fahrverbote an Sonn- und Feiertagen leichter ermöglicht werden.

Beim Bundesverband Deutscher Motorradfahrer (BVDM) stößt das auf Kritik. Die Debatte über Lärmbelastung sei von der Politik jahrelang vernachlässigt worden und jetzt eskaliert, sagt der Vorsitzende Michael Lenzen. Statt Fahrverbote zu fordern, sollten "schwarze Schafe" mit technisch veränderten Maschinen konsequent von der Straße geholt werden. Dafür müsse die Polizei aber mehr Personal bekommen.

Die vom Bundesrat geforderte Lärmgrenze von 80 Dezibel in allen Fahrzuständen sei dagegen "wirklichkeitsfremd", sagt Lenzen. Zwar verstehe er Anwohner, die sich durch Motorradlärm belästigt fühlen. Er sehe aber nicht nur die Fahrer in der Verantwortung: Auch die Hersteller sollten auf "sozialverträglich leise" Maschinen setzen.

Lärmgrenze von 80 Dezibel: "wirklichkeitsfremd"

"Wenn es dafür eine Mehrheit gibt, werden sich die Hersteller danach richten", heißt es dazu vom Industrie-Verband Motorrad Deutschland. Bisher sei beim Kaufverhalten aber kein solcher Trend zu beobachten. Die Forderungen des Bundesrats bezeichnet ein Sprecher als "unfachlich, unspezifisch und populistisch". Viele Maßnahmen seien schon jetzt umsetzbar oder - wie der Grenzwert von 80 Dezibel - fernab der Realität: "Die meisten Rasenmäher und Laubbläser sind lauter."

Doch obwohl sich Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) bereits gegen weitere Verbote für Motorradfahrer ausgesprochen hat, steigt der Druck auf Fahrer und Hersteller: In Österreich dürfen Motorräder mit einem Standgeräusch von mehr als 95 Dezibel seit 10. Juni auf fünf Streckenabschnitten in Tirol nicht mehr fahren - egal, wie laut sie während der Fahrt wirklich sind.

Unabhängig von Dezibel-Werten waren in Deutschland nach Angaben des BVDM zudem schon Ende Februar 157 Strecken für Motorradfahrer in der Nacht, an Sonn- und Feiertagen oder komplett gesperrt. Am 4. Juli wollen mehrere Veranstalter nun mit Protestfahrten gegen weitere Verbote demonstrieren, unter anderem am Bodensee und auf dem Mittleren Ring in München.

90 Euro Strafe, wenn die Maschine technisch lauter gemacht wurde

Dass es an beliebten Biker-Strecken auch anders gehen kann, zeigt ein Beispiel aus Niederbayern. Dort stellt die Polizei in Sankt Englmar (Landkreis Straubing-Bogen) jedes Jahr Lärmdisplays auf, die zu laute Motorradfahrer auffordern, leiser zu fahren. In einem Modellversuch 2017 sank der durchschnittliche Schalldruckpegel dadurch nach Angaben des Bayerischen Polizeiverwaltungsamts von knapp 81 auf 76,2 Dezibel. "Das ist spürbar", sagt Bürgermeister Anton Piermeier (CSU). "Fahrverbote brauchen wir nicht, weil wir damit auch die vernünftigen Fahrer bestrafen würden." Entscheidend seien regelmäßige Kontrollen.

Verkehrspolizist Laugwitz und seine Kollegen sind von April bis Oktober ausschließlich damit beschäftigt. Erwischen sie jemanden, der seine Maschine durch technische Veränderungen lauter gemacht hat, kostet das den Fahrer 90 Euro. Außerdem muss das Bike auf direktem Weg in die Werkstatt und zur Zulassungsstelle, bevor es wieder gefahren werden darf. "Das tut den Fahrern weh", sagt Laugwitz. "Gegen die wenigen, denen das egal ist, kommen wir auch mit Kontrollen nicht an."

Der österreichische Harley-Besitzer wird am "Paradies" ebenfalls angezeigt. Er hat zwar eine Zulassung für Auspuff und Lüftungsanlage als Teile, aber nicht für die dadurch veränderte Maschine. "Diese Typisierung zu bekommen, kostet noch mal 250 Euro", sagt er. "Den Spaß am Fahren trüben diese Vorschriften schon."

Wenige Kilometer entfernt freuen sich Höpfl und Keller dagegen über jede Kontrolle. Die Anwohner haben mit einer Unterschriftenaktion zudem Tempo 50 statt 70 und das Aufstellen von Hinweisschildern an der B308 durchgesetzt. Ein Fahrverbot wollten aber selbst sie nicht, sagt Keller: "So ein Hobby sollte man nicht grundsätzlich verbieten. Es gibt leider nur viele Ausreißer, die uns das Leben versauen."
(Frederick Mersi, dpa)

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