Leben in Bayern

Mirjam Einwag (r.) mit Andrea Liebig, Leiterin der Selbsthilfegruppe, auf dem Heimweg. (Foto: Pat Christ)

09.03.2018

Wenn plötzlich alles zusammenbricht

Auch junge Menschen wie Mirjam Einwag können durch eine Hirnblutung aus dem gewohnten Leben herausgerissen werden – doch ihr Beispiel zeigt: Kämpfen lohnt sich!

Vor sieben Jahren war für Mirjam Einwag schlagartig nichts mehr, wie es war: Nach einer Gehirnblutung konnte sie kaum mehr sprechen, ihre rechte Seite war gelähmt. Doch die Aphasikerin kämpfte – gegen das Leiden und die soziale Isolation. Geholfen hat ihr dabei auch der Austausch mit anderen Betroffenen. Bei den Würzburger Aphasietagen ab dem 15. März gibt es dazu wieder jede Menge Gelegenheit.

Endlich mal wieder in den Urlaub fahren! Nach Spanien sollte es gehen. Die Reise war so gestaltet, wusste Mirjam Einwag, dass sie trotz ihrer Gehbehinderung gut würde mithalten können. Denn sie war speziell für Menschen mit Aphasie organisiert. Es klappte denn auch alles wunderbar. Doch nicht die Eindrücke aus Spanien machten die Reise für die 36-Jährige zu einem unvergesslichen Erlebnis: Die junge Frau aus der unterfränkischen Ortschaft Reichenberg fand dadurch eine neue Beziehung.

Kampfgeist und Optimismus

„Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben ...“ Mirjam Einwag kann den etwas abgegriffenen Song von Jürgen Markus voll unterschreiben. Denn durch ihren neuen Freund, mit dem sie in Kontakt kam, weil er während der Busfahrt durch Spanien neben ihr saß, tauchte sie vor einem halben Jahr endlich wieder im Leben auf. Wegen einer Hirnblutung war sie vor sieben Jahren aus allem herausgerissen worden, was bis dahin ihr Leben ausgemacht hatte. Seitdem kann sie nicht mehr ohne Hilfe gehen. Als gravierend hatte die zweifache Mutter vor allem den Verlust der Sprache erlebt.

Der Vorfall selbst ereignete sich an einem unspektakulären Tag. „Gegen drei Uhr nachmittags, als ich meine fünf Monate alte Tochter stillte, merkte ich, dass etwas in meinem Gesicht nicht stimmte“, erzählt die blonde Frau. Im Spiegel sah sie, dass ihr linker Mundwinkel herabhing. Nun hatte die gelernte Zahnarzthelferin mit 14 Jahren schon einmal eine, damals zum Glück folgenlose, Hirnblutung gehabt. Sie wusste sofort, was los war. Kurzerhand alarmierte sie ihre Mutter und ihren damaligen Mann.
Danach versagten ihre Kräfte: „Ich war nicht mehr ansprechbar, als die Ersthelfer eintrafen.“ Einwag kam in die Würzburger Uniklinik, wo sie sogleich operiert wurde. Als die damals 30-Jährige nach zwei Wochen im künstlichen Koma wieder zu sich kam, war die Welt auf den Kopf gestellt.

Die rechte Seite ist seither gelähmt. Einwag konnte anfangs kaum sprechen. Ihr Umfeld deutete an, dass sie ein Pflegefall bleiben würde. Nach der Entlassung aus der Klinik erfolgten innerhalb von zwei Jahren 20 Wochen Reha. Einwag wollte nicht glauben, dass sie nie mehr selbstständig würde leben können. Couragiert begann sie, gegen ihre Handicaps anzukämpfen.

Arbeiten ist für Mirjam Einwag noch immer nicht möglich. Auch leben ihre Kinder nicht mehr bei ihr. Von ihrem Mann hat sie sich getrennt. Gleichzeitig gelang es ihr in den letzten Jahren mit Therapien, Optimismus, Kampfgeist und einem starken Willen, sich viele verlorene Fähigkeiten zurückzuerobern. Einwag wohnt heute in einer eigenen Wohnung, wo sie versucht, den Alltag mit der linken Hand zu bewältigen. „Anfangs war es schwierig, mir mit links die Zähne zu putzen“, sagt sie und lacht. Sich selbst etwas zu kochen, ist noch immer nicht möglich. Die Mutter bringt ihr oft ein warmes Mittagessen vorbei. Um den Haushalt kümmern sich Mitarbeiterinnen einer Sozialstation.

Zugute kommt Einwag, dass sich in Reichenberg 2014 eine Nachbarschaftshilfe gegründet hat. Die Ehrenamtlichen bieten der Aphasikerin mehrmals in der Woche Begleitdienste an. Inzwischen kann die junge Frau fast wieder fehlerfrei sprechen. Gern erzählt sie von ihrem Alltag. Ihrem früheren Leben. Und ihrer neuen Liebe zu einem Mann, der ebenfalls an Aphasie leidet – weshalb er sie mit ihren Problemen ganz und gar versteht.

Hilfe durch Selbsthilfe

Dass es ihr heute wieder gut geht, hat Einwag nicht zuletzt dem vor knapp 30 Jahren gegründeten Zentrum für Aphasie und Schlaganfall in Würzburg zu verdanken. Das bietet nicht nur Reisen für Betroffene an. Es gibt auch verschiedene Selbsthilfegruppen für Aphasiker in ganz Unterfranken.  Diesen Gruppen kommt im Genesungsprozess eine große Bedeutung zu. Denn viele Aphasiker ziehen sich zurück. Manchmal kommt es gar zur sozialen Isolation. Denn irgendwann können die Erkrankten die oft unangemessenen Reaktionen ihrer Mitmenschen auf ihre Sprachstörungen nicht mehr ertragen.

Wer an Aphasie leidet, kann ganz normal denken und sich erinnern. Doch vor allem in den ersten Monaten und Jahren nach der Erkrankung ist es den Betroffenen kaum möglich, verbal zu äußern, was ihnen durch den Kopf geht. Auch können sie Gesprochenes oft nicht verstehen. Sich an einem lebhaften Gespräch zu beteiligen, ist unmöglich. Als Erwachsene müssen sie, wie ein Kind, neu das Sprechen lernen. Was eine krasse Erfahrung und ein äußerst mühsamer Prozess ist. Einige Aphasiker können auch nach zwei Jahren nur im Telegrammstil reden. Manchmal braucht ein einziges Wort Monate, bis es wieder beherrscht wird.

Die Selbsthilfe- und Kommunikationsgruppen des Würzburger Aphasiker-Zentrums bieten gute Möglichkeiten, die Sprache einzuüben. In den Räumen des Zentrums kommen Menschen zusammen, die geduldig miteinander umgehen und sich Zeit lassen beim Zuhören und Erzählen. „Am Anfang habe ich es dennoch abgelehnt, in die Gruppe zu gehen“, gibt Mirjam Einwag zu. Sie hatte sich vorgestellt, dass sich dort nur alte Leute treffen. Was sollte sie in so einer Runde? Doch diese Vorstellung war ein Vorurteil. Die Reichenbergerin ist zwar tatsächlich das Nesthäkchen. Ihr neuer Freund jedoch, der ebenfalls an der Gruppe teilnimmt, ist nur wenige Jahre älter als sie.

In der Gruppe lernte Einwag Menschen jeden Alters kennen, die, wie sie selbst, Tag für Tag darum kämpfen, trotz Erkrankung so normal wie möglich zu leben. Jeder hat ein schlimmes Schicksal hinter sich. Viele verloren ihren Beruf, nach kürzester Zeit schon gab es keinen Kontakt mehr zu den früheren Kollegen. So mancher stürzte nach dem Schlaganfall oder der Hirnblutung auch in eine Phase der Depression.

„Immerhin lebe ich!“

Die meisten in der Gruppe denken heute jedoch wie Einwag: „Ich bin so froh, dass ich noch lebe!“ Kleinste Fortschritte werden gefeiert, neue Ziele gesteckt. „Ich möchte meinen Rollstuhl in drei Jahren nicht mehr brauchen“, sagt Einwag. Auch bei längeren Strecken soll dann der Stock genügen. Irgendwann will sie auch diesen im Schrank stehen lassen.

Mirjam Einwag hat es als wichtig erlebt, sich mit gleichfalls Betroffenen auszutauschen, um Informationen, mehr noch aber, um Verständnis und Mut zu erhalten für den schwierigen Weg zurück ins Leben. Durch die Reisen lernte sie Schicksalsgenossen aus ganz Unterfranken kennen. Durch die Würzburger Aphasie-Tage kommt sie sogar mit Männern und Frauen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum in Kontakt. Über 600 Betroffene, Angehörige und Fachleute nehmen jedes Jahr zu Beginn des Frühjahrs an dieser Tagung teil.

„Wir machen unser Ding“ ist der diesjährige Kongress überschrieben, der vom 15. bis 17. März stattfindet. Viele spannende Themen, mit denen sich gerade auch junge Erwachsene mit Aphasie beschäftigen, stehen auf dem Programm. „Wie kann Sexualität neu belebt werden?“ lautet der Titel eines Workshops für Betroffene mit Partnern sowie Singles. Bereits lange vor Kongressbeginn war ein Workshop mit dem Titel „Kann Aphasie zum ‚Freund’ werden?“ ausgebucht. Diese Frage wird der Neurolinguist und Aphasiologe Andreas Winnecken mit den Teilnehmern besprechen. Der Leiter der Logopäden-Ausbildung an der Medizinischen Akademie Hamburg forscht seit Jahren zu den psychosozialen Veränderungen von Menschen nach einer hirnorganischen Erkrankung.

Ob Mirjam Einwag ihre Aphasie als „Freund“ bezeichnet? Nun, das ist vielleicht zu viel gesagt. Tatsache bleibt jedoch: Den neuen Mann an ihrer Seite, den sie so sehr liebt, hätte sie ohne ihre Erkrankung niemals kennengelernt. Zu Freunden wurden auch die Menschen, die sie im Aphasiker-Zentrum kennengelernt hat. Nicht zuletzt Andrea Liebig, Leiterin der monatlichen Gruppentreffen.

Wobei sich Mirjam Einwag aber nicht nur in Betroffenenkreisen bewegt. 2015 wagte es die junge Frau, dem Reichenberger Gospelchor beizutreten. Damit knüpft sie an eine frühere Leidenschaft an: „Ich sang im Schulchor und später als Frontfrau einer Band.“ Den Mut, sich dem Chor anzuschließen, erhielt sie durch ihre Ergotherapeutin. Erst hatte Einwag Angst, deren Vorschlag anzunehmen: „Ich spreche doch noch immer nicht gut.“ Irgendwann aber ging sie zu einer Probe. Heute singt sie stimmkräftig bei den Auftritten mit.
(Pat Christ)

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