Leben in Bayern

Ein Birkhahn: Die Vögel haben es in der Rhön sehr schwer. (Foto: dpa)

25.05.2022

Kampf fürs Birkhuhn: Wer das Flaggschiff rettet, rettet die Rhön

Schneeschuh-Wandern, E-Biken, Campen: In der Rhön vergnügen sich alljährlich Hunderttausende Menschen. Für die Tiere des Biosphärenreservats bedeutet das vor allem eines: Stress, teils mit unumkehrbaren Folgen

"Ein Auto voller Hühner." Torsten Kirchner ist glücklich, als er aus Schweden zurück in der Rhön ist. "Wir waren sehr erfolgreich", erzählt der Biologe und Gebietsbetreuer des Hochplateaus namens Lange Rhön. 10 Birkhähne und 14 Birkhennen haben Kirchner und sein fast 10-köpfiges Team im Frühjahr in der etwa 2000 Kilometer entfernten schwedischen Wildnis eingefangen.

In der Rhön, einem Mittelgebirge zwischen Bayern, Hessen und Thüringen, sollen sich die Tiere nun mit den heimischen Exemplaren paaren. Denn im Biosphärenreservat ist es um den Bestand seit Jahrzehnten schlecht bestellt. Der Auerhahn etwa oder der Kiebitz sind bereits verschwunden.

"Das Birkhuhn ist eine sehr attraktive und auffällige Art", sagt Kirchner. Vor allem die Hähne besitzen ein charakteristisches Äußeres: Hingucker sind die beiden roten Balzrosen am Kopf und das krumme Gefieder am Hinterteil. Birkhühner sind etwa so groß wie Haushühner, wiegen rund 1,2 Kilogramm. Die Hennen tragen ein bräunliches Federkleid, die Hähne sind dunkel. Birkhühner gehören zur Familie der Raufußhühner.

Dass ihre Zahl in der Rhön seit Ende der 1970er Jahre immer weiter schrumpft, ist nach Worten des 49-Jährigen alarmierend - und zwar auch für viele andere Tiere und Pflanzen des rund 3000 Hektar großen, offenen Hochplateaus. "Das Birkhuhn ist das Flaggschiff, eine sehr empfindliche Art." Die Vögel bräuchten einen "sehr großen, intakten Lebensraum. Und wenn sich irgendwas negativ verändert, dann ist das Birkhuhn ein Tier, was als erstes reagiert. Es ist der Prüfstein, wie es um die Qualität des Gebiets bestellt ist", erklärt Kirchner. "Wenn es im Großen anfängt zu bröseln, sehen wir das ruckzuck bei den anderen Arten auch."

Besorgniserregend: Der Lebensraum wird für viele Tiere kleiner

Ob Vögel wie Raubwürger, Bekassine oder Braunkehlchen, aber auch viele Insekten: Die Wildland-Stiftung Bayern des Bayerischen Jagdverbandes, die Kirchner beschäftigt, ist um die Tiere des etwa 3300 Hektar großen Naturschutzgebietes im Reservat mehr als besorgt. Ihr Lebensraum wird immer kleiner, es gibt immer mehr Fressfeinde, der Mensch ist omnipräsent.

Im vergangenen Jahr kamen nach Angaben der Rhön GmbH-Gesellschaft für Tourismus und Markenmanagement mehr als 900 000 Menschen in der Rhön an. "Vor der Corona-Pandemie wurden 2018 und 2019 über 1,6 Millionen Ankünfte erfasst", heißt es im aktuellen Bericht der Jahre 2018 bis 2021.

Artenerhalt ist nach Einschätzung von Jörg Müller, Professor für Tierökologie am Lehrstuhl für Zoologie III der Universität Würzburg, oft ein schwieriges Unterfangen. "Das klappt mal, mal klappt es nicht." Global gesehen sei das Birkhuhn nicht bedroht. "Also gibt es keine Notwendigkeit, dass in der Rhön unbedingt Birkhühner sind."

Allerdings gehe es beim Naturschutz zumeist darum, Artenvielfalt vor Ort und für die Menschen vor Ort zu erhalten. "Es ist eine legitime Sache, eine lebenswertere Umwelt zu erhalten", sagt Müller. Die einen kämpften um die Bäume in ihrer Nachbarschaft, andere für den Feldhamster auf Bauland. Ob die Arbeit für das Birkhuhn in der Rhön erfolgreich sein wird, ist Müller zufolge unsicher, da die heute noch geeignete Lebensraumfläche sehr stark eingeschränkt ist.

Ein großes Problem: die vielen Touristen

Biologe Kirchner bittet Touristen daher, den Lebensraum der Tiere, vor allem nachts, zu respektieren und nicht zu stören. "Der Mensch als Mensch, der Fahrrad fährt, wandert, Ski läuft - er ist einfach immer präsent." Die Corona-Pandemie habe alles nur noch verschlimmert. "Jetzt stehen Zelte in der Landschaft, es wird der Grill mitgebracht, es wurde in Corona-Zeiten sogar die Stereoanlage ausgepackt. Es wurde der Ballermann auf die Hochrhön verlegt."

Aus seiner Sicht sollte es Übernachtungsverbote auf den Parkplätzen geben für zumindest stundenweise Ruhe im Reservat. Schneeschuh-Wandern würde Kirchner ebenfalls untersagen. "Schneeschuhe sind dafür gemacht, um den jungfräulichen Schnee zu betreten. Da möchte man nicht auf einer präparierten Piste laufen." Und so seien viele Touristen jenseits der markierten Wege unterwegs - angesichts der schieren Masse eine Katastrophe für die Tiere, die mit ihrer Energie haushalten müssten.

"Grundsätzlich den Menschen auszusperren, halte ich für Quatsch", sagt der Vater zweier Kinder, aber Aufklärung über die Folgen etwa durch freilaufende Hunde sei wichtig. Die Steuerzahler zahlten für den Erhalt des Naturschutzgebiets. "Und dann muss man den Menschen eigentlich auch die Möglichkeit geben, es zu genießen." Schließlich sei die Lange Rhön das größte Naturschutzgebiet Bayerns außerhalb der Alpen. "Es geht ja nicht nur um die paar Hühner, die wir hier unbedingt erhalten wollen."
(Angelika Resenhoeft, dpa)

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