Leben in Bayern

Spitzenreiter bei der Inzidenz in Bayern ist der niederbayerische Landkreis Freyung-Grafenau, sie liegt dort bei über 1600. (Foto: dpa/Armin Weigel)

23.11.2021

"Wie kann denn das sein?"

Niederbayern gehört zu den Corona-Hotspots. Wieder einmal. Das Personal in den Kliniken arbeitet am Anschlag. Ein Besuch in Freyung

Der Himmel über Freyung ist so trüb wie die Stimmung vieler Menschen in der niederbayerischen Stadt. Die Zahl der Corona-Infektionen steigt hier auf Rekordwerte, die Intensivstation des Krankenhauses ist am Limit. Der Landkreis Freyung-Grafenau gilt mit einer Inzidenz von über 1600 als Hotspot, ab Mittwoch sollen neue Regelungen zur Pandemiebekämpfung greifen.

Landrat Sebastian Gruber (CSU) hatte strenge Maßnahmen am Wochenende als zwingend notwendig bezeichnet und von einem nahenden Kollaps auf der Intensivstation gesprochen.

Viele Menschen könnten diese extreme Entwicklung der Zahlen nicht nachvollziehen, sagt Norbert Kremsreiter, Inhaber eines Modeladens. Als Vorsitzender der Werbegemeinschaft Freyung kriegt er die Stimmung von Bürgern und Geschäftsleuten in der Stadt mit. "Es herrscht große Verwunderung", erzählt er. "Die Leute sagen: "Wie kann denn das sein? Da stimmt doch was nicht"". Vor einem Jahr mit einer Impfquote von null sei die Inzidenz deutlich niedriger gewesen. Und jetzt, bei einer Impfquote von um die 60 Prozent, explodierten die Zahlen.

Die Intensivstation ist voll

Die Auswirkungen der hohen Inzidenzwerte bekommt das Klinikum in der 7000-Einwohner-Stadt direkt zu spüren. Die Lage sei "mehr als angespannt", sagt der Pandemiebeauftragte und stellvertretende ärztliche Direktor, Thomas Motzek-Noé. Die Intensivstation sei voll. "Wir versuchen, immer ein Notfallbett freizuhalten." Weniger dringende Operationen hätten bereits abgesagt und Patienten verlegt werden müssen. Manche Angehörige hätten dafür kein Verständnis.

Unter den schwerkranken Covid-19-Patienten fänden sich zunehmend Geimpfte - das seien vor allem Über-75-Jährige, die noch keinen Booster bekommen hätten. Unter den jüngeren Patienten überwiege der Anteil der Ungeimpften, sagt Motzek-Noé.

Zwar steige die Nachfrage nach Erstimpfungen, bis der Effekt bei den jetzt erstmals Geimpften eintrete, dauere es aber fünf bis sechs Wochen. Insofern: "Wir rechnen damit, dass dieses Jahr überhaupt keine Entspannung mehr kommt." Nur Kontaktbeschränkungen könnten jetzt noch die Ausbreitung des Virus verhindern.

Wenig förderlich sei auch die Debatte um den Corona-Impfstoff von Moderna und eine Biontech-Rationierung, findet der Arzt. Dadurch würden die Menschen verunsichert. Nun dauerten Aufklärungsgespräche wieder länger, es kämen viele Nachfragen, man müsse die Menschen wieder neu ins Boot holen.

Maskenverweigerer im Edeka

Froh ist Motzek-Noé darüber, dass am Klinikum das Personal noch nicht abgewandert sei - obwohl die physische und psychische Belastung nach der langen Zeit und angesichts der vielen Schwerkranken enorm sei.

Anders ist die Situation in der Gastronomie. Ab Mittwoch müssen Wirtshäuser und Cafés voraussichtlich schließen. Nach der letzten Schließung hätten die Betreiber endlich ihr Personal zurückgewonnen und nun werde wieder zugemacht, sagt Kremsreiter. Das Vertrauen der Mitarbeiter gehe verloren. Kritik übt er auch an der Kurzfristigkeit der Maßnahmen. Die Gastronomen hätten schließlich Lebensmittel gekauft. Und Wissenschaftler hätten schon seit Langem eine vierte Corona-Welle vorhergesagt. Das habe nichts mit Coronaleugnen zu tun, sagt er. Die Entscheidungen der Politik seien einfach schwer nachzuvollziehen. "Im Wahlkampf hat man nicht viel davon gehört."

Den Unmut vieler Menschen bekommen in Freyung zum Beispiel die Mitarbeiterinnen im Edeka-Backshop am Stadtplatz zu spüren. "Die Stimmung ist sehr angespannt", sagt Anja Krems. Viele Kunden wollten freiwillig ihren Impfnachweis nicht zeigen und die Maske nicht aufsetzen. "Da müssen wir uns so einiges anhören."
(Ute Wessels, dpa)

8624 Corona-Neuinfektionen in Bayern - Inzidenz weiter steigend
Die Sieben-Tage-Inzidenz ist in Bayern erneut gestiegen. Das Robert Koch-Institut (RKI) gab die Zahl der Corona-Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner und Woche am Dienstagmorgen mit 644,9 an. Am Vortag hatte der Wert bei 640 gelegen, vor einer Woche bei 554,2.

Die Gesundheitsämter in Bayern meldeten dem RKI binnen eines Tages 8624 Corona-Neuinfektionen. Das geht aus Zahlen hervor, die den Stand des RKI-Dashboards von 07.15 Uhr wiedergeben. Vor genau einer Woche waren es 9015 Corona-Neuinfektion gewesen.

Bundesweit lag die Sieben-Tage-Inzidenz bei 399,8 - erneut ein Höchstwert seit Pandemie-Beginn. Deutschlandweit wurden den neuen Angaben zufolge binnen 24 Stunden 45 326 Corona-Neuinfektionen und 309 Todesfälle verzeichnet - 81 davon in Bayern.

Die Zahl der in Kliniken aufgenommenen Corona-Patienten je 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen lag nach Angaben des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) in Bayern zuletzt bei 8,7 (Stand: 22. November, 8.00 Uhr).

Der Wert spielt eine wesentliche Rolle für die Beurteilung des Infektionsgeschehens. Bei Überschreitung der Grenzwerte 3, 6 und 9 können die Bundesländer jeweils schärfere Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie verhängen.
(dpa)

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