Es ist wieder so weit: Eine Stadt trägt Tracht. Jetzt, auf der Münchner Wiesn, zeigen sich nicht nur Einheimische zünftig und fesch in Dirndl und Lederhosn. Ob Berliner, Amerikaner, Finne oder Spanier – rein optisch sind auswärtige Wiesn-Gäste in ihrem Gwand von Bayern kaum zu unterscheiden. Nur bei der Sprache wird hörbar, wer woher stammt. Doch entgegen der Trachten-Flut ist der bairische Dialekt auf dem größten Volksfest der Welt eher Mangelware. Dabei ist Mundart viel mehr als nur Sprache: Bairisch ist ein Lebensgefühl, Vielfalt und schlicht Kult.
Der Münchner Kabarettist Moses Wolff, eifriger Verfechter des Dialekterhalts, bietet seit drei Jahren über das Evangelische Bildungswerk (EBW) in der Landeshauptstadt einen passenden Kurs an. Der Titel „Bairische Sprache, Wirtshausphilosophie und Humor“ ist dabei nicht zufällig gewählt. Der Gebrauch und Umgang mit landestypischen Idiomen wird mit einem Augenzwinkern gelernt, geübt und vertieft. Ob mit bairischen Grußformeln, den richtigen Sätzen in der Gastronomie, am Stammtisch oder beim „Anbandeln“. Erklärt wird, warum die Weißwurst gezuzelt wird oder was der „Watschnbaum“ ist. Wann man „du Depp“ oder „du Hund“ sagt. Oder besser: ruhig bleibt. Auch das frühere Leben in Bayern kommt nicht zu kurz. Moses Wolff hofft, dass dann nicht nur seine Kursbesucher traditionelle Ausdrücke wie „fei“ oder „mei“ vermehrt nutzen. Oder dass man sich mit „Servus“ statt „Hallo“ begrüßt, mit „Pfiat di“ statt dem norddeutschen „Tschüss“ verabschiedet.
Dialekt und Bayern gehören zusammen
Sein Kollege, der Mundartkünstler, Musiker und Autor Thomas Mayer, besser bekannt als „Da Vogelmayer“, lehrt quer durchs südlichste Bundesland alle, die sie lernen wollen, die bairische Sprache. Für den gebürtigen Straubinger gehören Dialekt und Bayern einfach zusammen. Bei ihm werden über die Volkshochschule (VHS) unter dem Programmtitel „Bairisch für Zuagroaste und Bayern, deren Herz für die Heimat schlägt“ humorvoll und unterhaltsam Einblicke in Dialekt, Sprache und Traditionen gewährt. Ob nun privat gebucht oder über VHS-Standorte wie in Olching, Landshut oder Tirschenreuth, vermittelt der Urbayer wissenswerte wie spannende Fakten rund um den Freistaat und seine Geschichte. Zusätzlich erhalten seine Kursteilnehmer ein Bairisch-Zertifikat.
Bequemer macht es die virtuelle Volkshochschule denjenigen Interessenten, die nicht so mobil sind: Da kommt der Onlinekurs auf den Computerbildschirm, direkt ins Haus. Unter dem Motto „Sprachliche Vielfalt in Bayern entdecken und verstehen“ gibt es unterschiedliches Videomaterial zum bairischen Dialektgebrauch. Sogar das Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst hat einen kleinen Bairisch-Sprachlehrgang im Netz parat. Allerdings richtet sich der speziell an Studierende aus dem Ausland, die sich um einen Studienplatz an einer bayerischen Hochschule bewerben wollen und sich vorab auf die bairische Sprache einlassen wollen.
In vielen Städten ist eine Stadtführung im Dialekt, über das örtliche Tourismus-Büro gebucht, sogar im Trend. So heißt es in Regensburg „Gell da schugst – Stadtgeschichte in Mundart!“ oder „Wie ma halt so schwätzt“ in Memmingen im Allgäu. Hier werden Geschichte, Kultur, Kunst, besondere lokale Begebenheiten und Mundart idealerweise mit einer schnellen Sprachschulung verknüpft. In der Landeshauptstadt München gibt es diese stundenweise auch über Agenturen wie Stadtvogel oder Stattreisen. Und wer es bei aller Sprachhistorie ganz modern mag, kann sich die Dialekt-App „DaBay“ des Wissenschaftlers Philip Vergeiner aufs Handy laden, so offiziell am Forschungsprojekt der Ludwig-Maximilians-Universität München teilnehmen und mehr über die Heimatsprache der Bayern erfahren.
Tatsache ist, dass im Alltag immer weniger Einheimische laut Erhebungen Mundart sprechen, beklagt der Förderverein Bairische Sprache und Dialekte (FBSD). Hochdeutsch sei heute nicht nur Amts-, sondern als Landessprache im Freistaat verbreitet. Doch bei allen Bairisch-Kursangeboten: Der FBSD mit seinen über 3000 Mitgliedern möchte mehr.
Antrag im Landtag gestellt
2024 hat er im Bayerischen Landtag einen Antrag gestellt, Ende 2025 eine Petition mit über 22 000 Unterschriften im Deutschen Bundestag eingereicht. Darin wird der Wunsch, dass Bairisch, aber auch der alemannisch-schwäbischen und fränkischen Mundart, wieder mehr Bedeutung zugemessen wird, schriftlich festgehalten. So soll der Dialekt als Regionalsprache gemäß Vertrag Nummer 148 der Charta des Europäischen Rates anerkannt werden.
Da die Unesco, so FBSD-Sprecherin Claudia Geisweid zur Staatszeitung, die bairischen Dialekte bereits 2009 als potenziell gefährdet eingestuft habe, steuert der FBSD dem aktiv entgegen. Auf dem Oktoberfest wirbt er auf der „Oidn Wiesn“ etwa mit einem Sprachrätsel, einem“‚Bairisch-Quiz“. Nicht nur, weil die heimische Mundart „nett“ sei.
Es sei erforscht, dass Menschen, die Hochsprache wie Dialekt beherrschen, allgemein über eine sogenannte innere Mehrsprachigkeit verfügten. Daher würde der Verein es begrüßen, wenn Bairisch im Schulunterricht berücksichtigt werden könne, etwa in Schulbüchern. Bairisch müsse wieder im Alltag präsent sein, damit es nicht verloren geht, sondern selbstverständlich tradiert, so Geisweid. Kurse können ein Anfang sein. (Marie-Julie Hlawica)
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