Leben in Bayern

Gesundheitsmediatorin Raghad Zitouni bespricht mit MiMi-Koordinatorin Kadriye Akdeniz ihren nächsten Vortrag. (Foto: Pat Christ)

10.01.2020

Wozu braucht es denn Vollkornbrot?

Interkulturelles Gesundheitsprojekt: Migranten klären Landsleute über Themen wie Impfschutz, Pflege und gesunde Ernährung auf

Das deutsche Gesundheitssystem zu verstehen, ist nicht einfach – schon gar nicht für Migranten. Raghad Zitouni aus Syrien engagiert sich deshalb in Würzburg als Gesundheitsmediatorin im Projekt „Mit Migranten für Migranten“. Die Gesundheitskurse, die es mittlerweile an 15 Standorten in Bayern gibt, sind so erfolgreich, dass sie laufend ausgebaut werden.

Der Kurs ließ Raghad Zitouni in vielerlei Hinsicht selbst Neuland entdecken: Aha, so funktioniert also das deutsche Gesundheitssystem! Fast alles ist völlig anders als in ihrem Heimatland, sagt die Syrerin, die soeben eine 60-stündige Schulung zur interkulturellen Gesundheitsmediatorin im Projekt „Mit Migranten für Migranten“ (MiMi) absolviert hat. Raghad Zitouni ist nun eine von 28 „MiMis“ aus verschiedenen Ländern, die in Würzburg lebende Landsleute über gesundheitliche Themen wie Impfschutz, Kindergesundheit oder Alter und Pflege aufklären. Die Mediatoren weisen auch auf die Bedeutung von gesunder Ernährung, Bewegung und Früherkennungsuntersuchungen hin.

Bayernweit gibt es an 15 Projektstandorten inzwischen mehr als 630 solcher Mediatoren. Laut bayerischem Gesundheitsministerium haben seit der Einführung 2008 an über 2780 Informationsveranstaltungen in 45 Sprachen mehr als 35 150 Menschen teilgenommen. „Für das Jahr 2020 sind weitere 270 Informationsveranstaltungen geplant. Außerdem wird der mehrsprachige Wegweiser Gesundheit und Pflege im Alter auf Arabisch, Deutsch, Englisch, Russisch und Türkisch veröffentlicht“, erklärt Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). Bayern habe bislang mehr als 1,6 Millionen Euro für das Projekt bereitgestellt.

Zitouni opfert gern ein wenig ihrer Freizeit, um sich bei MiMi zu engagieren, weiß sie doch, wie schwer es für jemanden, der nur wenig Deutsch versteht, hierzulande ist, das Gesundheitssystem zu durchblicken. Die 44-Jährige kam vor vier Jahren von Syrien nach Deutschland. Nach und nach erfuhr sie, dass es in ihrem neuen Heimatland einen „Hausarzt“ gibt, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. Hält er es für notwendig, überweist er zu einem Facharzt. Viele Medikamente gibt es nur, wenn ein Arzt ein entsprechendes Rezept ausschreibt. Auch das, sagt die Zahntechnikerin, sei in Syrien anders. „Bei uns kann man sogar Antibiotika frei in der Apotheke kaufen.“

Ebenfalls ein großer Unterschied zu Syrien: In Deutschland haben auch Menschen in einer prekären finanziellen Situation die Möglichkeit, einen Arzt frei zu wählen und sich behandeln zu lassen. „Das ist bei uns nicht so“, sagt Zitouni. „Wir müssen fast alles privat bezahlen.“ Krankenversicherungen sind in Syrien und vielen anderen Ländern unbekannt. Der Staat bietet allenfalls eine Basisversorgung an. Durch den Krieg war die Gesundheitsversorgung in Syrien besonders desolat. Viele Hundert Mitarbeiter von Krankenhäusern und Hilfseinrichtungen wurden bei Angriffen getötet, Kliniken systematisch zerstört, Tausende Ärzte vertrieben.

Für das Projekt zahlt der Freistaat 1,6 Millionen Euro

In den MiMi-Veranstaltungen kommunizieren die Gesundheitsmediatoren aber nicht nur Fakten. Kultursensibel gehen sie auch auf die Fragen und Bedürfnisse ihrer Landsleute ein. Zitouni hat inzwischen eine erste eigene Veranstaltung durchgeführt. Dabei klärte sie Syrerinnen über das Thema Ernährung auf. Durch die MiMi-Schulung, sagt Zitouni, habe sie hierzu eine Menge gelernt – und auch begonnen, ihre eigene Ernährung umzustellen. „Wir in Syrien kennen zum Beispiel kein Vollkornbrot oder Vollkornreis, dabei ist das viel gesünder.“ Das Interesse an ihrer Veranstaltung war groß: „Ich rechnete mit 20 Teilnehmerinnen, tatsächlich kamen 30 Frauen aus Syrien und Algerien.“

Zitouni lernte in ihrer Mediatorenausbildung auch beim Thema seelische Gesundheit eine Menge hinzu. Wichtig gerade im Umgang mit Menschen, die aus Kriegs- oder Krisengebieten nach Deutschland kommen. „Viele dieser Migranten leiden unter Traumata“, so Zitouni. Auch die Flucht sowie das Fußfassen im neuen Heimatland könnten seelisch stark belasten. Die MiMis klären darüber auf, wo man sich psychosozial beraten lassen kann. Und dass die Krankenkasse eine notwendige Psychotherapie bezahlt. Ebenfalls ein wichtiges Ziel: psychische Krankheiten wie Depressionen zu entstigmatisieren.
Alle MiMis engagieren sich neben ihrem Job gegen eine Aufwandsentschädigung. Unterstützt werden sie vor Ort von lokalen Standortkoordinatoren. In Würzburg ist Kadriye Akdeniz seit Oktober 2017 für MiMi verantwortlich. „Ich helfe zum Beispiel, Räume für die Informationsveranstaltungen zu finden“, berichtet die Kurdin, die im Alter von zwei Jahren nach Deutschland kam. Seitens der Stadt Würzburg fungiert Quartiersmanagerin Hermine Seelmann als Projektpartnerin. Seelmann schätzt das Projekt sehr, weil es Menschen mit Migrationshintergrund „empowert“, wie sie sagt. „MiMi stärkt das Selbstbewusstsein und die Eigenverantwortung.“

Wer nur rudimentäre Kenntnisse über das Gesundheitswesen sowie über Krankheiten hat, nimmt das Gesundheitssystem wesentlich weniger in Anspruch. Was die Gefahr birgt, Krankheiten zu verschleppen. MiMi versucht deshalb, Zugangsbarrieren für Migranten im Sozial- und Gesundheitssektor abzubauen und damit die Gesundheitschancen von Menschen mit Migrationshintergrund zu verbessern. Das Interesse seitens der Migranten, sich bei MiMi zu engagieren, ist in Würzburg groß, sagt Kadriye Akdeniz. „Wir hätten unsere letzte Schulung doppelt besetzen können.“ 26 Bewerber durchliefen den Kurs und erhielten am Ende ein Zertifikat.

Die Mediatoren gehen in Kitas, Vereine, Moscheen

Für die Stadt Würzburg haben die interkulturellen Gesundheitsmediatoren eine große Bedeutung. Sie sind nicht nur Teil des städtischen Integrationskonzepts, das im April 2019 veröffentlicht wurde. Sie werden dort auch als Best-Practice-Beispiel im Bereich Gesundheit vorgestellt. Denn Kommunen selbst hätten nur wenig Möglichkeiten, die gesundheitliche Situation von Migrantinnen und Migranten zu verbessern, heißt es darin. Sie könnten zum Beispiel kaum etwas gegen den gravierenden Mangel an muttersprachlichen Therapeuten tun.

Die MiMis aber gehen in Schulen, Kindertageseinrichtungen, Flüchtlingsunterkünfte, Vereine und Moscheen, um Landsleute zu erreichen. Sie stellen sich den Fragen und weisen auf Angebote hin. Wo sie ihre Veranstaltungen anbieten, wie oft sie dies tun und zu welchem Thema sie informieren, bleibt jedem Mediator selbst überlassen. Jede Community, sagt Zitouni, hat eigene Bedürfnisse: „Bei uns zum Beispiel spielt das Thema Alkohol kaum eine Rolle.“ Dafür sind syrische Frauen sehr an Tipps interessiert, wie sie ihre Kinder gesund aufwachsen lassen können. (Pat Christ)

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