Immer nur verpflichtet sein, Aufgaben erfüllen, Probleme lösen – für die meisten Menschen ist das auf Dauer kein Leben. Essenzielles fehlt, bringt man die Tage nur damit hin, zu funktionieren. Viele würden das, was dann fehlt, wohl als „Glücksmomente“ bezeichnen. Doch was ist Glück? Wo kann man es finden? Und kann man eigentlich glücklich sein in einer Welt, in der so viel Unfriede und so viel Unglück existieren? Der Weltglückstag am 20. März inspiriert, über diese Fragen einmal nachzudenken.
Der Ehrenamtliche: Bringt euch ein!
Joachim Schmitt (Foto: privat), der sich für die Organisation „sozial & gerecht“ der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) Aschaffenburg einsetzt, findet ein Stück seines Glücks in eben diesem Engagement. „Wenn ich mir die Weltgeschichte anschaue, stelle ich fest, dass immer alles in Bewegung ist“, sagt er. Dauer wird nicht gewährt. Was im Umkehrschluss bedeutet: „Immer ist alles möglich.“ So bestehe auch für ihn die reale Möglichkeit, sich einzubringen und einen kleinen Beitrag für ein gutes Zusammenleben zu leisten. Das Gefühl, die Gesellschaft zumindest etwas beeinflussen zu können, schützt ihn vor Resignation: „Und manchmal erlebe ich dabei echte Glücksmomente.“ Dass dieser Tage so viele Menschen depressiv wirken, liegt nach Joachim Schmitts Ansicht an den politischen und gesellschaftlichen Umständen. „Ich erlebe, dass uns eine positive und zugleich mehrheitsfähige Zukunftsidee fehlt“, sagt der Bildungsreferent der KAB. Doch die könne es in einer pluralen Gesellschaft mit ganz unterschiedlichen Sicht- und Lebensweisen kaum geben. Er selbst sei glücklich, in einer pluralen, freiheitlichen Gesellschaft, „in der mit Leidenschaft gestritten wird“, zu leben. Dies könne man aber wohl nur dann als Glück empfinden, wenn man aktiv mitmischt. Viele Menschen sind nicht engagiert. „Darum die verbreitete depressive Grundstimmung“, vermutet der KABler.
Die Kirchenfrau: Gott wird’s schon richten!
Dass das aktuelle politische Geschehen ängstigen und unglücklich machen kann, findet auch Monika Weber (Foto: privat), Prädikantin in der evangelischen Korneliuskirche in Karlsfeld bei München. Gläubige Menschen, meint sie, hätten jedoch nicht so viel Angst: „Ich jedenfalls denke, dass mein Glaube eine gewisse Grundlage für mein Glücklichsein ist.“ Monika Weber hält sich an ein Lebensmotto ihres Großvaters. Der sagte immer: „Der Herrgott wird’s schon richten.“ Sie ist gewiss, dass es jemanden gibt, der immer eine schützende Hand über sie hält. „Bisher bin ich damit sehr gut gefahren, und ich würde sagen, ich bin ein glücklicher, positiver Mensch, trotz einiger Schicksalsschläge.“ Auch wenn die Atmosphäre „draußen“ nicht dazu angetan ist, glücklich zu machen: Im eigenen Mikrokosmos kann man auch in einer bedrohlich wirkenden Welt Glück finden. Und das tut Monika Weber. „Es macht mich glücklich und zufrieden, dass es meinem Mann und mir gesundheitlich gut geht, und es macht mich glücklich und zufrieden, dass ich drei tolle Kinder und zwei gesunde Enkelkinder habe“, sagt sie. Monika Weber plädiert für Bescheidenheit bei der Suche nach Glück. Um glücklich zu sein, sollte man nicht ständig nach Höherem streben. „Ich glaube, wenn man zufrieden ist mit dem, was man hat, ist man auch glücklich“, erklärt die Christin.
Der Heimatforscher: Denkt an eure Wurzeln!
Markus Naumann (Foto: privat), Vorsitzender des Heimatvereins Kempten, sieht es als seinen Auftrag und als seine Verantwortung an, Wissen über die NS-Zeit zu vermitteln. Damit taucht er tief in ein Thema ein, das mit extremem Unglück verbunden ist. „Meine Herangehensweise an die NS-Geschichte ist jedoch keine emotionale, sonst würde ich meines Lebens nicht mehr froh“, sagt der Historiker. Er tut, was er tut, weil er verstehen möchte, wie und warum die Menschen sich damals so oder so verhalten haben: „Und welche Handlungsalternativen sie hatten.“ Aber natürlich berühren ihn einige Schicksale, von denen er mitbekommt: „Und manche sind schwer erträglich.“ Wer mit dem, was er in seiner Freizeit tut, glücklich werden möchte, muss sich definitiv eine andere Liebhaberei suchen. „Glück hat ja wesentlich mit Wohlbefinden zu tun, und das kann es inhaltlich bei der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus kaum geben“, sagt Markus Naumann.
Und doch erlebt auch er bei seinem Engagement Glücksmomente. Vor Kurzem war dies bei der Vorstellung eines Buches mit Häftlingszeichnungen aus dem KZ-Außenlager Kempten vor Schülern der Fall. Die jungen Leute seien nach der Vorstellung nicht schnell zum Bus gerannt. Sie blieben. Und stellten viele Fragen. Aus der Geschichte lernt man, dass man nicht jeden Befehl ausführen darf. Und man lernt, dass man Verantwortung hat für das, was um einen herum geschieht.
Erlebt Markus Naumann durch seine Arbeit, dass junge Menschen erkennen, welche Bedeutung die Geschichte für sie hat, dann, so der Kemptener, sei er glücklich. Wobei auch sein eigentliches Glück im Privaten liegt: „Mein größtes Lebensglück ist zweifellos meine Frau, und dass unsere Kinder ihren Weg gehen, ohne ihre familiäre Verwurzelung zu vergessen.“ Letzteres freue sowohl den Vater als auch den Historiker. Manche Leute macht es glücklich, sich mit Macht ausstatten zu lassen. Dass so viele Menschen auf der Welt unglücklich sind, sinniert Markus Naumann, liegt nicht zuletzt an krankhaften Machtmenschen, deren Glück sich nicht mit dem Glück der Allgemeinheit verträgt. Werde Macht jedoch verantwortungsbewusst eingesetzt, könne dies für viele ein Glück sein. „Wenn mehr Machthaber und Machthaberinnen ihre Macht verantwortungsvoll und zum Wohl möglichst vieler einsetzen würden, hätten wir mehr glückliche Menschen“, ist der Historiker überzeugt.
Der Künstler: Bleibt bei euch!
Immer bei sich selbst zu bleiben und sich nicht von anderen konfus machen zu lassen, das ist für Stefan Röll (Foto: privat) von der Aichacher Künstlergruppe „AIC-Creativ“ eine Grundvoraussetzung dafür, glücklich sein zu können. „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“, ist er überzeugt. Es jedem recht zu machen, sei einfach unmöglich: „Wichtig ist das, was einen selber glücklich macht, und nicht, was die anderen darüber denken.“ Während es manche Leute glücklich macht, wenn sie mit ihrem Unternehmen hohe Gewinne erzielen, berichten Engagierte wie Stefan Röll davon, in welchem Maße ehrenamtliches Engagement beglücken kann. Im Augenblick ist der Fotograf mit den Vorbereitungen für den Hobby-Künstlermarkt seiner Künstlergruppe beschäftigt. Der wird zwei Tage nach dem Weltglückstag eröffnet. „Kreativ zu sein, macht auf jeden Fall glücklich“, betont er. Im künstlerischen Bereich entstünden in vielerlei Hinsicht Glücksgefühle. Sowohl, während ein Projekt entsteht, als auch dann, wenn es präsentiert wird und auf positive Resonanz stößt.
Der Wissenschaftler: Lernt aus dem Spiel!
In der kapitalistischen Wirtschaftswelt ist der Mensch, ähnlich wie Maschinen, als „Humankapital“ zur produktiven Verwendung bestimmt. Oder anders ausgedrückt: Er wird „verzweckt“. Dieses Verzwecktwerden raubt Glück. Im zweckfreien Spiel ist es möglich, dem zu entrinnen, sagt Klaas Huizing (Foto: dpa), Schriftsteller und Würzburger Professor für Systematische Theologie. „Spielen, namentlich Gesellschaftsspiele, keine Ballerspiele, kein monetäres Glücksspiel, bieten einen Safe Space“, sagt er. Die Spielregeln forderten, sich zurückzunehmen. Nur so hätten alle Lust, noch eine weitere Runde zu spielen. Und die zweite Runde verläuft garantiert anders als die erste. Letztlich ist das Spielen nach Ansicht von Klaas Huizing deshalb eine probate Maßnahme zur Förderung des Glücks, weil man spielend leben lernt. Besonders positiv sei, dass das Spiel im Unterschied zum Alltag durch seine Regeln Stabilität bietet: „Wir alle halten uns an das Regelwerk,
Spielverderber müssen draußen bleiben.“ Die zwischenmenschlichen Erfahrungen beim Spielen könnten dazu ermuntern, sich auch im Alltag dafür einzusetzen, echte Begegnungen zu erleben, die nicht verzwecken. „Spiele sind Trainingsorte für glückliche Beziehungserfahrungen im Alltag“, so der Literat. (Pat Christ)
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