Politik

Mit diesen Spielfiguren stellen Flüchtlingskinder traumatische Erlebnisse nach und verarbeiten diese so. (Foto: dpa)

25.04.2017

Alpträume, Horrorbilder und große Angst

Tausende Kilometer haben sie auf sich genommen, alles für ein Leben in Frieden. Die Terrorerlebnisse lassen viele Flüchtlinge aber nicht los. Sie sind traumatisiert und brauchen Hilfe. Doch das ist gar nicht so einfach, wie ein Besuch bei Refugio in München zeigt

Das Grauen hat Platz in einer Sandkiste. Eine Spielfigur liegt in einer Grube, der Körper halb vergraben im Sand. Ringsum strecken Männchen die Plastikarme steif in die Höhe, hilflos und verzweifelt. So muss sich das Mädchen gefühlt haben, dass diese Szenerie geschaffen hat. In der Flüchtlingshilfeorganisation Refugio in München hat sie die schlimmsten Momente ihrer Flucht nachgestellt. "Sie ist unterwegs in eine Schlucht gefallen", erklärt Shqipe Krasniqi, Leiterin des Fachbereichs Kinderberatung und -therapie. Ein traumatisches Erlebnis, bis die Therapeutin dem Kind half, einen Ausweg zu finden: "Jetzt holen wir die Figur da raus und bringen sie zum Arzt." Ab da wurde es einfacher.

Fast 3000 geflohene Menschen begleitete der Verein im vergangenen Jahr in München und in den Außenstellen Landshut, Augsburg und Rosenheim, davon rund 500 Kinder und Jugendliche. Refugio München zähle zu den größten Therapiezentren in Deutschland, die psychologische Hilfen für Flüchtlinge anbieten, erklärt Geschäftsführer Jürgen Soyer. Es gibt Einzel- und Gruppentherapie, eine Kunstwerkstatt, Beratungen etwa zur Kindererziehung oder allerlei Angebote für Jugendliche.

Heike Baumann-Conford ist Fachärztin für Psychotherapie. In ihrem Therapie-Raum bei Refugio hängt eine große Weltkarte. Hier können Patienten ihren Fluchtweg nachvollziehen. "Es ist gut, das mal auf einer Karte zu sehen. Dass es wirklich so weit war, nicht nur gefühlt", erklärt sie. Viele seien schwerst traumatisiert, von Krieg und Verfolgung zuhause ebenso wie von den Erlebnissen auf der Flucht.

Der Vater wurde vor den Augen des Sohnes erschossen

Was sie und ihre Kollegen täglich hören, ist erschütternd. Da war etwa der junge Afghane, dessen Vater vor seinen Augen im Innenhof ihres Hauses erschossen wurde. "Es war Winter und der Schnee war rot vom Blut des Vaters", erinnert sich die Medizinerin. "Immer, wenn Schnee fällt, kommen diese Bilder wieder." Andere wurden auf ihrem beschwerlichen Weg nach Europa in Libyen in unterirdischen Gefängnissen eingesperrt und gefoltert. "Was wir von Libyen hören, übersteigt an Grausamkeiten alles, was ich bisher mitbekommen habe", sagt Baumann-Conford. "Und dann kommt ja erst noch die Fahrt übers Meer." Mütter, die hilflos zusehen mussten, wie ihre Kinder im Mittelmeer ertranken.

In ihren Therapiesitzungen vermittelt Baumann-Conford den Patienten Struktur. "Das Gefühl von Sicherheit ist essenziell wichtig, damit eine Therapie erfolgreich ist." Doch genau daran hapert es momentan. Und das liegt nicht an den Therapeuten. Es sind die von Bundesländern wie Bayern praktizierten Abschiebungen etwa nach Afghanistan. Nach Ansicht von Refugio machen sie sämtliche Bemühungen um psychische Stabilisierung zunichte, weil sie ganze Familien und Freundeskreise in Panik versetzen. "Auch Menschen, die ein Aufenthaltsrecht haben und keine Angst haben müssten, sind trotzdem so verunsichert, dass sie nicht mehr in der Lage sind, in die Schule zu gehen oder ihre Ausbildung zu machen", sagt Baumann-Conford. "Das destabilisiert ungeheuer und gefährdet die Erfolge der Therapie."

Viele Flüchtlinge denken an Selbstmord

Viele Flüchtlinge spielten mit dem Gedanken an Selbstmord, um den fürchterlichen Gedanken und Ängsten zu entkommen. Doch Hilfe gibt es längst nicht für alle. Gerade auf dem Land gebe es viel zu wenig Angebote, sagt Soyer. Er kennt Patienten, die für die Therapiesitzung in München jede Woche 300 Kilometer weit anreisen, weil sich anderswo kein Dolmetscher findet. Eine Therapie mit bruchstückhaften Sprachkenntnissen? Schwierig. "Da geht es sehr viel um Emotionen, die drückt man viel besser in seiner Muttersprache aus." Dass Therapiebedürftige erst mal Deutsch lernen, hält Soyer für schwierig. "Gerade wenn sie so stark belastet sind, sitzen sie im Deutschkurs und die Worte gehen zum einen Ohr rein und zum anderen raus."

Wer aber psychische Unterstützung erhält und wieder Selbstvertrauen, Zuversicht und positive Gefühle lernt, hat nach Ansicht der Therapeuten beste Aussichten auf gute Integration: Deutsch lernen, die Kinder liebevoll erziehen und eine Arbeit finden, alles möglich. Eine Freude, auch für die Therapeuten, die viele erschütternde Geschichten aushalten müssen. "Es ist beglückend, zu sehen, wenn einer wieder lächeln kann", sagt Baumann-Conford. (Cordula Dieckmann, dpa)

Foto (dpa): Shqipe Krasniqi, Leiterin des Fachbereichs Kinderberatung und -therapie der Flüchtlingshilfeorganisation "Refugio" in München.

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