Politik

Blutdruck messen mit der App: praktisch – wenn die Datensicherheit gewährleistet wird. (Foto: dpa/Fabian Strauch)

14.02.2020

App statt Wartezimmer

Die Digitalisierung in der Medizin ist eine große Chance für Ärzte und Patienten – sie birgt aber auch Gefahren

Apps gegen Bluthochdruck und Angststörungen oder ein Live-Stream zum Telenotarzt – künstliche Intelligenz und Telemedizin halten zunehmend Einzug in den Gesundheitsbereich. Doch wer die Wahl hat, hat auch die Qual – bei rund 300 000 Gesundheitsapps verliert man schnell den Überblick. „Wir haben in dem Bereich einen Wildwuchs“, kritisiert Alena Buyx, Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der TU München. Die Bandbreite reiche von Apps, die einige Dinge übernehmen, die bisher nur Ärzte konnten, bis hin zu denen, die in den Wellnessbereich übergehen.

Bald soll es Gesundheitsapps auf Rezept geben – so sieht es das „Digitale-Versorgung-Gesetz“ vor, das am 19. Dezember 2019 in Kraft getreten ist. Buyx begrüßt das ausdrücklich. So könne man bald die Spreu vom Weizen trennen, glaubt sie. Denn Apps, die Ärzte bald verschreiben können, werden zuvor vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte geprüft. „Eine solche Zulassung von Gesundheitsapps auf Rezept ist eine Pionierleistung“, lobt Buyx, die auch Mitglied des deutschen Ethikrats ist. „Meines Wissens gibt es bisher kein anderes Land, das eine solche gesetzliche Regelung vorgelegt hat.“

Grundvoraussetzung für eine Zulassung: Die Anbieter müssen nachweisen, dass die Apps einen medizinischen Nutzen haben und die Daten sicher sind. Bei vielen Angeboten in den Appstores sei das nicht der Fall, so Buyx. „Gesundheitsapps auf Rezept werden deshalb voraussichtlich einen sehr kleinen Teil der Apps ausmachen“, so die Prognose der Expertin. Auch weil das Zulassungsverfahren für viele Entwickler zu aufwendig sei.

Vor knapp zwei Jahren untersuchte Buyx mit einem Team der TU erstmals systematisch, wie „verkörperte KI“ schon heute hilft, psychische Erkrankungen zu behandeln. Sie wertet es als einen großen Vorteil, „dass es in manchen Bereichen neue Therapieangebote gibt und die Patienten dadurch selbstverantwortlich ihre eigene Behandlung mit übernehmen“.

Themen, die einem peinlich sind, vertraut man lieber dem Computer an

Wer zum Beispiel eine chronische Erkrankung hat, müsse nicht jedes Mal in die Praxis laufen, sondern kann am Handy seine Medikation und Symptome überwachen. Diabetes oder Herzerkrankungen seien hier Beispiele. „Studien haben auch gezeigt, dass Menschen bei Themen, die ihnen peinlich sind, dem Computer teils mehr anvertrauen als anderen Menschen“, so Buyx.

In den USA zeigen erste Studien, dass auch sogenannte Entlassungsavatare in Kliniken hilfreich sein können. Ein Computerprogramm erklärt Patienten im Entlassungsgespräch mit viel Zeit und Geduld, wie sie zum Beispiel zu Hause ihre Tabletten nehmen sollen. „Die Frage wird sein, ob die Patienten damit umgehen können“, gibt Buyx zu bedenken. Solche Gesundheitsapps funktionieren im Grunde wie die Telemedizin – „nur, dass da am anderen Ende eben kein Arzt oder eine Ärztin sitzt“, so Buyx. „Genau das verstehen Patienten bei manchen Angeboten aber nicht.“ Da sei insgesamt noch viel Aufklärung und Transparenz nötig.

Eine weitere Gefahr: Patienten verlassen sich so stark auf die Angebote, dass sie auch in Notsituationen nicht mehr zum Arzt gehen – etwa bei Suizidgedanken oder einem drohenden Herzinfarkt. „Da müsste es Warnsysteme und Weiterbehandlungspfade geben“, fordert Buyx. „Ich kenne aber noch kein Angebot, das das gelöst hätte.“

Der Goldstandard ist daher, dass Gesundheitsapps parallel zur klassischen Behandlung eingesetzt werden. Gerade bei schweren Depressionserkrankungen hält auch Psychiater Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, die Verwendung einer App ohne Begleitung durch einen Arzt oder Psychotherapeuten „für nicht angemessen“. Hegerl, Inhaber einer Senckenberg-Professur an der Goethe-Universität Frankfurt, betont: „Auch eine leichte Depression ist eine ernsthafte Erkrankung und keine Befindlichkeitsstörung.“ Es gebe zu wenig Studien zu den Risiken. Dass Angebote gegen Depressionen auf Rezept vom Bundesinstitut freigeschaltet werden, hält er deshalb für fraglich. „Die Metaanalysen sind bisher ganz eindeutig“, sagt Hegerl. Programme ohne professionelle Begleitung funktionieren schlechter oder überhaupt nicht.

Eine Begleitung muss nicht face to face, sondern kann auch per Telefon erfolgen. Die Depressionshilfe hat mit iFightDepression ein kostenloses Selbstmanagementprogramm entwickelt, das etwa ein vorher geschulter Hausarzt im Rahmen einer Behandlung anbieten kann. Dieses vom Arzt begleitete Online-Training gibt es in mehreren Sprachen – neuerdings sogar auf Arabisch. Es soll auch dabei helfen, Versorgungsdefizite zu lindern. „Menschen mit schweren Erkrankungen haben lange Wartezeiten, bis sie beim Facharzt einen Termin bekommen“, erklärt Hegerl. Und beim Psychotherapeuten dauert es oft noch länger.

Wie mit moderner Technik Entfernungen überwunden werden können, zeigt das Beispiel Video-Sprechstunden. Sie wurden im vergangenen Jahr für alle Indikationen geöffnet. Ähnlich funktioniert auch der Telenotarzt, der in ganz Bayern eingeführt werden soll, wie die Staatsregierung im Juli 2019 beschloss. Dabei werden direkt vom Einsatzort oder aus dem Rettungswagen Videos, Fotos und Vitaldaten in Echtzeit an den Telenotarzt übertragen. Dieser kann dann zum Beispiel den Sanitäter beauftragen, lebenswichtige Medikamente zu geben, noch bevor ein Notarzt beim Patienten eintrifft. „Der Mangel an Notärztinnen und -ärzten verschärft sich, wir müssen hier gegensteuern“, erklärt Christina Haubrich, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, die eine zügige Umsetzung des Beschlusses fordert. In vielen lebensbedrohlichen Situationen sei zwar weiterhin ein Notarzt vor Ort nötig, so Haubrich. „Der Telenotarzt kann aber den Druck rausnehmen – und das ist derzeit mehr als wichtig.“
(Lucia Glahn)

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