Politik

Sehnsuchtsort Strand: Reisen ist derzeit nur unter sehr erschwerten Bedingungen möglich. (Foto: dpa/Frank May)

09.04.2021

Aufs Meer gucken: das Nonplusultra

Nach öden Pandemiemonaten wächst die Lust aufs Reisen – wie geht das, wohin darf man, was ist zu beachten?

Auf den ersten Blick haben Island, Mauritius und Thailand kaum etwas gemeinsam. Eine Tatsache eint sie jedoch: Sie zählen zu den rund drei Dutzend Ländern weltweit, für die momentan keine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes wegen der Corona-Pandemie gilt.

Wer jetzt sofort seine Koffer packen möchte, den muss Sabine Unertl allerdings bremsen. Solche Touren seien derzeit nur unter erschwerten Bedingungen oder gar nicht möglich, sagt die Inhaberin dreier Reisebüros in Vilshofen, Passau und Deggendorf. In Island und Thailand müssen deutsche Touristen nämlich erst mal in Quarantäne, während Mauritius derzeit gar keine Einreise erlaubt.

An diesen drei Beispielen lässt sich erahnen, wie schwierig Unertls Job seit gut einem Jahr ist. Auf der einen Seite die Kunden, die von den monatelangen Beschränkungen die Nase so gründlich voll haben, dass sie sich am liebsten sofort ins Auto oder in den Flieger setzen würden. Auf der anderen Seite die Warnungen von Politiker*innen und Fachleuten, daheim zu bleiben. Wen es dennoch in die Ferne zieht, der hat mit etlichen Hindernissen zu kämpfen: erschwerte Einreise, geschlossene Hotels, Quarantänepflicht – entweder im Urlaubsland oder nach der Rückkehr zu Hause.

Die Folgen spiegeln sich in den Bilanzen der Reisewirtschaft wider: Der Deutsche Reiseverband (DRV) spricht von einem „noch nie da gewesenen Einbruch“ im vergangenen Jahr. 2019 hätten die Deutschen noch 69,5 Milliarden Euro für Reisen ausgegeben, 2020 waren es hingegen nur noch knapp 32 Milliarden Euro – ein Rückgang um 54 Prozent. Und Sabine Unertl erzählt davon, dass die Umsätze deutscher Reisebüros im ersten Halbjahr 2020 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sogar um mehr als 90 Prozent gesunken seien. Das habe eine Umfrage unter rund 400 deutschen Reisebüros ergeben. Sie selbst hält ihr Unternehmen noch einigermaßen über Wasser, dank staatlicher Überbrückungshilfen und Kurzarbeit. Andere Büros haben bereits aufgegeben.

Nur mit Versicherung reisen

Dabei nimmt die Zahl der Reisebuchungen seit Mitte Februar allmählich wieder zu, informiert der DRV. Mit der Aussicht auf Impfungen und mehr Möglichkeiten für Tests steigt die Zuversicht. Dennoch werde das Jahr wohl weiter von Verlusten geprägt sein, räumt der Verband ein.

Das befürchtet auch Sabine Unertl. Zwar trudeln bei ihr immer wieder Anfragen ein, sogar Buchungen werden abgeschlossen. Etwa für Touren in den Oman und nach Abu Dhabi im April und Mai. Doch dann schnellten dort die Inzidenzen in die Höhe. Die Folge: Stornierungen. Und die Arbeit der Unternehmerin war praktisch umsonst, denn Provisionen fließen erst bei tatsächlichem Antritt der Reise. Immer wieder sei das in den vergangenen Monaten passiert, sagt sie resigniert. Ganz zu schweigen vom erhöhten Beratungsaufwand wegen der zusätzlichen Formalitäten.

Andreas Giller, Geschäftsführer von Lufthansa City Center/Giller Reisen in Deisenhofen bei München, erlebt Ähnliches. Die Nachfrage sei durchaus da, sagt er. Aber auch ihm machten Stornierungen wegen steigender Inzidenzen oder geänderter Richtlinien oft einen Strich durch die Rechnung: „Letztlich wissen wir nicht, ob unsere Kosten gedeckt werden.“

Darüber hinaus machen der Reisebranche Vorgaben zu schaffen, deren Sinn sich kaum jemandem erschließen dürfte. Giller erzählt von zwei Kunden, beide Ärzte, beide bereits geimpft, die vor einigen Wochen auf den Seychellen Urlaub gemacht hätten. Dass sie vor der Abreise und vor dem Rückflug einen negativen Corona-Test brauchten, sei vielleicht noch einzusehen, sagt er. Aber dass beide trotz Impfung und negativem Test-Ergebnis nach der Rückkehr mehrere Tage in Quarantäne mussten – wie übrigens alle, die aus einem Risikogebiet einreisen –, das kann er nicht nachvollziehen: „Diese angstgetriebene Situation macht unserer Branche das Leben schwer und zieht uns die wirtschaftliche Grundlage weg.“

Und der angebliche Mallorca-Boom, von dem in den vergangenen Wochen oft die Rede war, als die Reisewarnung für die spanische Insel aufgehoben wurde? Da winken beide Reisefachleute nur ab. Ja, es habe Anfragen und auch Buchungen gegeben, aber nur vereinzelt. Gerade mal rund 90 Hotels auf der Balearen-Insel seien geöffnet, weniger als ein Zehntel. Aus ganz Deutschland seien höchstens ein paar Hundert Menschen dorthin geflogen, sagt Andreas Giller: „Die Befürchtungen, dass da ein zweites Ischgl entstehen könnte, waren völlig übertrieben.“ Zumal auch auf den Balearen strenge Abstands- und Hygienevorschriften gelten. Zwar gibt es an Strand und Pool keine Maskenpflicht, wohl aber auf den Straßen. Und Lokale dürfen nur bis 17 Uhr geöffnet sein. Dennoch: „Draußen sitzen, in Richtung Meer schauen, im Restaurant essen – das ist für viele schon das Nonplusultra“, sagt Sabine Unertl.

Jetzt hoffen die Touristikfachleute darauf, dass ihre Kundschaft zumindest ab Sommer wieder in den Urlaub starten kann. Viele strebten dann in den Mittelmeerraum – nach Griechenland und Kroatien, aber auch auf die Kanarischen Inseln und nach Nordafrika. Für Herbst und Winter dagegen würden eher Pläne für Fernreisen geschmiedet: auf die Malediven, nach Dubai oder für eine Karibik-Kreuzfahrt.

Was bei den Buchungen fast nie fehlt: eine Corona-Versicherung, um beispielsweise zusätzliche Kosten zu decken, wenn der Urlaub bei einem positiven Test unfreiwillig verlängert werden muss. Kaum jemand verzichte derzeit auf diese Möglichkeit, berichten Giller und Unertl. Dass die Lust aufs Reisen trotz Corona ungebrochen ist, vielleicht sogar größer als je zuvor, davon sind beide überzeugt. „Der Nachholbedarf wird kommen“, sagt Andreas Giller. Und Sabine Unertl beschwört das Beispiel Großbritannien. Als dessen Premier Boris Johnson Mitte Februar eine Aufhebung der Corona-Reisebeschränkungen ab Juni in Aussicht stellte, seien die Buchungszahlen in britischen Reisebüros explodiert, erinnert sie sich. „Irgendwann wird es auch bei uns so kommen.“
(Brigitte Degelmann)

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