Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU) hat gefordert, dass auch die Gesundheitssysteme möglichst „rasch auf die veränderte Sicherheitslage in Europa vorbereitet werden“ müssten. Doch wie schaut die Resilienz tatsächlich aus, sollte - was nicht mehr auszuschließen ist - auch in Deutschland beziehungsweise Bayern der Verteidigungsfall eintreten? Die Staatszeitung hat im Ministerium nachgefragt. Das Fazit vorneweg: Auch wenn es seit letztem Jahr einen Expertenrat Gesundheitssicherheit gibt: So richtig gut vorbereitet ist das Land nicht.
In Bayerns Krankenhäusern stehen aktuell insgesamt 73.211 Betten und 4858 teilstationäre Plätze zur Verfügung. Die durchschnittliche Auslastung lag bei 72 Prozent. Damit sind grundsätzlich Puffer für erhöhte Bedarfslagen vorhanden. In einer Krise kommt es jedoch entscheidend darauf an, ob das für den Betrieb dieser Betten erforderliche Personal auch tatsächlich zur Verfügung steht. Und zusätzlich zu einem möglichen Krieg besteht auch immer die Gefahr von Naturkatastrophen und neuen Pandemien wie beispielsweise Corona.
Kommunalpolitiker wie Bayerns Landkreistagspräsident Thomas Karmasin (CSU) warnen, im Kriegsfall könnten Deutschland und damit auch Bayern, weil zentral gelegen, zum Lazarett Europas werden. Die Ukraine und auch Aussagen von Bundeswehroffizieren belegen, dass mit rund 1000 Verletzten pro Tag zu rechnen sein muss. Doch für die Thematik einer effektiven Patientensteuerung fehlen derzeit noch die notwendigen einheitlichen Regelungen auf Bundesebene. Folge: Jedes Land in Deutschland würde da nach eigenen Prämissen vor sich hin wursteln.
Pilotprojekt für ein zivil-militärisches digitales Gesundheitslagebild
Auch den Gesamtüberblick zu behalten dürfte für die Staatsregierung nicht leicht werden - auch wenn man derzeit ein Pilotprojekt für ein zivil-militärisches digitales Gesundheitslagebild durchführt. Dadurch sollen belastbare und aktuelle Daten wie zum Beispiel zur Verfügbarkeit und Auslastung verschiedener Einrichtungen (Krankenhäuser, Rehakliniken und Praxen) generiert werden können, um eine effektive Patientenversorgung zu gewährleisten. Hoffnungen, die Gesundheitsversorgung im Kriegsfall zu professionalisieren, ruhen auch auf dem neuen Landesamt für Bevölkerungsschutz.
Auf manche Fragen verwickelt sich das Gesundheitsministerium auch in Widersprüche. Einerseits heißt es, die Krankenhäuser seien „in Bezug auf die Regelversorgung sowohl in baulicher als auch in technischer Hinsicht zeitgemäß ausgestattet“. Andererseits gibt das Haus zu, dass „eine Stärkung der Resilienz des Gesundheitswesens und damit auch der Krankenhäuser dennoch dringend notwendig ist“. Welche Punkte damit konkret gemeint sind, wird nicht mitgeteilt. Unklar ist unter anderem, was mit der Energieversorgung der Kliniken im Falle eines erfolgreichen feindlichen Angriffs aufs Stromnetz passiert.
Klar ist, dass auch in einem Kriegsfall die medizinische und pflegerische Versorgung der normalen Bevölkerung aufrechterhalten werden muss. „Der Fachkräftemangel ist wahrscheinlich das größte strukturelle Risiko für die Resilienz unseres Gesundheitssystems“, gibt das Ministerium zu. Für eine „strukturierte Bewältigung der Krisenlage ist gegebenenfalls unter anderem auch eine Bündelung und Fokussierung von Personalressourcen erforderlich“. Was heißt: Aus einigen Kliniken werden dann Ärzte und Schwestern abgezogen.
Problem: Weiterbildung des medizinischen Personals
Nun hatten wir über 80 Jahre Frieden hierzulande, die Behandlung und Versorgung von Kriegsopfern stand nicht auf dem Programm. Es stellt sich die Frage: Wo kann das medizinische Personal sich hier entsprechend weiterbilden? Das Ministerium verweist hierbei auf die Sanitätsakademie der Bundeswehr und die Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie. Ob deren Kapazitäten für Tausende Ärzte und Schwestern ausreichen muss allerdings noch zu klären sein. Die Staatsregierung stellt seit 2025 für gemeinsame Krisenübungen von Krankenhäusern 2 Millionen Euro bereit.
Ein weiteres Problem ist die ausreichende Versorgung mit Medikamenten. Penicillin beispielsweise wird in Europa nur noch von einer einzigen Fabrik in Österreich produziert - weit unter dem Bedarf, der Rest wird vor allem aus China importiert. Was, wenn die Lieferkette stockt? Eine „zentrale Notreserve“ gäbe es nicht, gibt das Ministerium zu - lediglich „Bevorratungspflichten von Apotheken und dem pharmazeutischen Großhandel. Doch woher sollen die das nehmen, wenn nichts produziert und geliefert wird?
Ein Kriegsfall, aber auch eine neue Pandemie bedeutet immer den Bedarf an mehr Kliniken. Gleichzeitig sollen viele kleine Krankenhäuser in Bayern geschlossen werden. Niemand weiß, woher die zusätzlichen Kapazitäten genommen werden sollen und wer die Kosten für die Vorhaltung dieser zusätzlichen Kapazitäten trägt. „Das ist jedenfalls keine Aufgabe der regulären Krankenhausversorgung“, heißt es aus dem bayerischen Gesundheitsministerium. Was Deutschland obendrein fehle: ein nationales Gesundheitslagebild, das nicht an Ländergrenzen halt macht.
(André Paul)
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