Politik

Die Corona-Krise hat oftmals Risse in Beziehungen offenbart, die der Alltag vorher überdeckt hat. (Foto: dpa/Rose)

26.06.2020

Beziehungen in der (Corona)-Krise

Der Lockdown wirkte wie ein Brennglas für Eheprobleme: Die Scheidungsrate dürfte massiv steigen

Während der Corona-Krise war es lange ruhig in den Praxisräumen der Familien- und Paartherapeutin Eva-Maria Hesse. Einige Paare, die sie schon vor Corona betreute, hat sie mithilfe von Videositzungen beraten. Neue Anfragen aber, sagt die Nürnbergerin, hätte es in der Zeit des Lockdowns kaum gegeben.

Seit zwei Wochen aber hat sich das geändert. Täglich melden sich nun Paare bei der Therapeutin, die bei ihr Hilfe und Unterstützung suchen. „Es ist, als wäre eine Schleuse aufgegangen“, sagt Hesse. Viele der Gespräche, die sie jetzt mit ihren Klienten führt, beginnen mit Erzählungen der eigenen Überforderung. „Homeoffice, Homeschooling, Haushalt, dazu oftmals die Sorge um die Finanzen und ältere Familienmitglieder haben Väter und Mütter physisch und psychisch an ihre Grenzen gebracht“, sagt Hesse. „Umso deutlicher wurde den Partnern in dieser Zeit aber auch, wie es um ihre Beziehung bestellt ist.“

Einige Paare hat diese Zeit zusammengeschweißt. Bei anderen hingegen wurden die Risse offenbar, die der Alltag vor Corona noch verdeckte. Weil man sich dank der Arbeit aus dem Weg gehen konnte. Weil man viel mit seinen Freunden unternahm, ins Fitnessstudio ging oder in den Tennisverein. Diese „Inseln“, wie Hesse das nennt, sind während der Ausgangsbeschränkungen allesamt und wochenlang weggefallen. Es gab keine Ablenkungen mehr. „Deshalb wirkte Corona wie ein Brennglas für Beziehungen“, sagt Hesse. Und für Familien, in denen es ohnehin schon Probleme gab, wie ein Brandbeschleuniger.

Babyboom oder erhöhte Scheidungsrate? Das war eine der Fragen, die sich am Anfang der Ausgangsbeschränkungen stellte und die sich jetzt mit einer ersten Tendenz beantworten lässt. „Die Zeichen stehen leider auf Trennung“, sagt Paartherapeutin Hesse. Laut einer aktuellen Umfrage wird sich infolge von Corona die Scheidungsrate in Deutschland um das Fünffache erhöhen. Diesen Wert würde Meltem Kolper-Deveci, Fachanwältin für Familienrecht bei der Kanzlei Rose und Partner in München, zwar nicht unterschreiben, aber auch sie sagt: „Seit April haben wir sehr viel mehr Anfragen als üblich.“

Vor allem jüngere Paare, so ihre Beobachtung, seien durch die Corona-Zeit so sehr in die Krise geraten, dass sie sich jetzt scheiden lassen wollten, sagt Kolper-Deveci. „Alt-Ehepaare haben das offenbar besser geschafft, aber die hatten auch nicht mehr die Belastung der Kinderbetreuung.“ Wie stark sich Corona auf die Scheidungsrate tatsächlich auswirkt, lässt sich nach Einschätzung der Anwältin erst gegen Ende des Jahres sagen. „Viele Paare, die sich jetzt für die Scheidung entschieden haben, wissen, dass sie zuvor ein Trennungsjahr nachweisen müssen“, sagt Kolper-Deveci. „Die warten jetzt noch einige Monate ab, bevor sie zum Anwalt gehen.“ Sie rechnet dann mit einem weiteren Anstieg.

Geldsorgen und Quarantäne begünstigen Gewalt

Eine zutiefst beunruhigende Beobachtung aber hat die Familienanwältin jetzt schon gemacht. Es geht um häusliche Gewalt. „Vor Corona kam dieses Thema bei meinen Gesprächen mit Mandanten kaum vor“, sagt Kolper-Deveci. „Jetzt aber erzählen sie mir vermehrt davon, dass es Grenzüberschreitungen gegeben habe.“ Ähnliches beschreibt auch die Paar-therapeutin Eva-Maria Hesse. „Neben verbalen Entgleisungen wurde mir von Ohrfeigen berichtet und davon, dass der eine Partner den anderen an die Wand gedrückt oder geschubst hat“, sagt sie. Bezogen auf ihre Klientel betreffe das zwar nur wenige Paare, dennoch ist die Therapeutin alarmiert. „In diesem Ausmaß habe ich das bisher nicht erlebt.“

Hat häusliche Gewalt infolge der Ausgangsbeschränkungen tatsächlich zugenommen? Sozial- und Hilfsverbände hatten bereits früh vor dieser Entwicklung gewarnt. Nun scheint es, als würden sich ihre Befürchtungen bestätigen. Eine aktuelle und repräsentative Studie der TU München in Zusammenarbeit mit dem RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, die während des Lockdowns entstand und an der online 3800 Frauen teilnahmen, zeichnet ein düsteres Bild. 3,1 Prozent der Frauen gaben an, dass sie in der Zeit der strengen Kontaktbeschränkungen mindestens eine körperliche Auseinandersetzung erlebt haben, zum Beispiel Schläge. 3,6 Prozent der Frauen wurden von ihrem Partner vergewaltigt. In 6,5 Prozent der Haushalte wurden Kinder von einem Haushaltsmitglied körperlich bestraft.

Noch schlimmer traf es laut Studie Frauen und Kinder, wenn sich einer der Partner aufgrund der Pandemie in Kurzarbeit befand oder den Arbeitsplatz verloren hatte. Dann machten 5,6 Prozent der Frauen und 9,3 Prozent der Kinder Gewalterfahrungen. Gab es akute finanzielle Sorgen oder stand die Familie unter Quarantäne, nahm die Gewalt sogar noch weiter zu.

Diese Zahlen stehen nur scheinbar in Widerspruch zu den Erfahrungen, die in den vergangenen Wochen viele Mitarbeiter*innen an den Sorgen- und Notrufstellen, in den bayerischen Jugendämtern und bei der Polizei machten. Nicht alle, aber viele Stellen berichten, dass die Zahl der Anrufe und Anzeigen zu häuslicher Gewalt während des Lockdowns entweder gleich geblieben oder zurückgegangen sei. Teilweise sogar um bis zu 50 Prozent.

Auch hier liefert die Studie einen ersten Hinweis. Viele Frauen kannten die Hilfsangebote zwar, sahen sich aber nicht in der Lage, zum Telefon zu greifen. Weil sie die Kraft hierzu nicht fanden. Oder weil sie keine Gelegenheit dazu bekamen, da der gewalttätige Partner ebenfalls zu Hause war. „Wenn Frauen durch ihre Partner intensiv kontrolliert werden, können sie telefonische Beratungsangebote nur schwer nutzen“ sagt die wissenschaftliche Co-Leiterin der Studie, Cara Ebert. Ihre dringende Empfehlung ist deshalb, die Hilfsangebote künftig auch online oder per Chat anzubieten.

„Wir sind sicher, dass häusliche Gewalt gegenüber Kindern in den vergangenen Wochen zugenommen hat“, sagt Franz Schlund, Caritas-Fachreferent für Kinder- und Jugendhilfe. „Aber noch ist diese Zunahme in unseren Beratungsstellen nicht sichtbar.“ Das liegt laut Schlund vor allem daran, dass Vernachlässigungen und Kindesmisshandlungen vor allem von Kindergärtner*innen, Lehrer*innen und Ärzt*innen entdeckt werden. Zu diesen aber hatten die Kinder über viele Wochen hinweg kaum Kontakt. Seit aber Schulen und Kindergärten wieder öffnen, so das Ergebnis einer BR-Umfrage unter 20 Jugendämtern im Freistaat, steigen die Kindeswohl-Gefährdungsmeldungen wieder an.
(Beatrice Oßberger)

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Kommentare (1)

  1. Martin vor 2 Wochen
    "Eine aktuelle und repräsentative Studie [...] an der online 3800 Frauen teilnahmen"

    Eine Umfrage an der ausschließlich Frauen teilnahmen kann nicht repräsentativ sein. Außerdem wird das Thema "Gewalt gegen Männer" abermals ignoriert. Auch Gewalt an Kindern durch Mütter wird so wieder unter den Teppich gekehrt.

    Für mich gilt: Keine Gewalt von niemandem gegen niemanden.

    Leider sieht das unsere Gesellschaft und der Scheuklappenjournalisms dieser Tage anders.

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