Politik

03.11.2022

Braucht es in der aktuellen Energiekrise autofreie Tage?

Hanno Langfelder, Mobilitätsexperte bei Green City, ist dafür. Lutz Leif Linden, Generalsekretär des Automobilclubs von Deutschland (AvD) hält dagegen.

JA

Hanno Langfelder, Mobilitätsexperte bei Green City e.V.

Die Vorstellung, dass es in unseren Städten und Ortschaften bald autofreie Tage geben kann, beflügelt die Fantasie. Was tun mit der gewonnenen Freiheit, mit den expandierenden Möglichkeiten, sich frei und sorglos auf unseren Straßen zu bewegen? In autofreien Tagen steckt die Chance für uns alle, den Straßenraum und unsere Wohnorte neu zu entdecken. Was für eine Einladung!
Auf dieser Entdeckertour wird uns noch einiges anderes auffallen. Kaum Verkehrslärm. Kein Stress. Saubere Luft zum Atmen. Ohne Sorge mit Kindern über Straßen laufen. Mehr Bewegung. Direkte Wege von A nach B. Kein Warten an Ampeln, die sonst dem Autoverkehr Vorrang geben. Es wird deutlich sichtbar, wie viel Platz wir den Autos einräumen.

Autofreie Tage lassen noch mehr zu. Sie laden dazu ein, das eigene Viertel, das eigene Quartier, besser kennenzulernen. Was verbirgt sich in all den Straßen und Plätzen, an denen man sonst nur vorbei rauscht? In unseren Städten und Ortschaften gibt es viel zu entdecken. Im Auto gefangen bleibt uns vieles davon verborgen. Hier ist die Möglichkeit die nahe Umgebung zu Fuß und mit dem Rad zu erkunden.

Nehmen wir die autofreien Tage als Chance an. Sie kommen nicht plötzlich aus heiterem Himmel. Wir können unsere Pläne darauf ausrichten. Bus und Bahn fahren weiterhin. Viele Orte sind mit dem Fahrrad und zu Fuß leicht erreichbar und wir kommen stressfrei an. Übrigens kommen Einsatzfahrzeuge an diesen Tagen viel schneller ans Ziel.

Autofreie Tage bieten persönlich viele Chancen. Gesamtgesellschaftlich sind sie ein wichtiger Schritt in Richtung Mobilitätswende. Sie haben einen unmittelbaren Effekt auf die Luftqualität. Sie reduzieren Lärm. Sie sparen Energie. Die Emissionen sinken. Verkehrstote und Verletzte werden verhindert.

Fangen wir damit an. Dann machen wir weiter mit Tempolimits (30/80/120) und autoarmen Innenstädten. Stück für Stück krempeln wir den Verkehrssektor um. Zurück bleiben gesunde Ortschaften mit hoher Aufenthaltsqualität und einer klimaneutralen Zukunft. Das ist was wert.

NEIN

Lutz Leif Linden, Generalsekretär des Automobilclubs von Deutschland (AvD)

Die autofreien Sonntage während der Öl-Krise der 1970er Jahre haben fast nicht zum Rückgang des bundesdeutschen Energieverbrauchs beigetragen. Eine Rückbesinnung auf dieses offensichtlich stumpfe Schwert, wirkt wie der populistische Versuch, dem eigenen Tun ein grünes Mäntelchen umzuhängen und symbolhaft gesellschaftliche Verantwortung zu demonstrieren. Anders als 1972 besteht keine weltweite Energiekrise. Erdöl ist auf dem Weltmarkt in ausreichendem Umfang erhältlich. Dass sich in Deutschland eine Erdgasverknappung anbahnt, ist ein hausgemachtes Problem, auch weil sich die Bundesregierung weigert, deutsche Erdgasvorkommen zu erschließen, die für 20 Jahre den Gasbedarf decken könnten.

Der von bestimmten Kreisen bei jeder sich bietenden Gelegenheit vorgebrachte Ruf nach „Tempolimit“, in die der Audi-Chef nun einstimmt, ist ebenfalls ungeeignet. Fakt ist: Nur auf zwei Prozent der deutschen Straßen gibt es keine ausdrückliche Limitierung und Tempo 130 auf allen Autobahnen würde allenfalls 0,02 Prozent CO2 einsparen. Die Kraftstoff-Ersparnis leitet sich äquivalent ab. Bei Tempo 100 schätzen Experten das Einsparpotenzial auf zirka ein Prozent. Und auch der gerade verkündete Formel-1-Einstieg von Audi will nicht so recht ins Bild passen.

Ginge es Herrn Duesmann tatsächlich um einen Beitrag zum Energiesparen, wäre es wirksamer alle Audi-Werke für jeweils einen Tag pro Woche komplett stillstehen zu lassen. Bei vollem Lohnausgleich für die Beschäftigten. Selbstverständlich würde kein klar denkender Manager einen derartigen Vorschlag jemals erwägen. Allein schon aus dem Pflichtbewusstsein die Arbeitsplätze der Belegschaft nicht leichtfertig zu gefährden und die Position seines Unternehmens im globalen Wettbewerb nicht zu untergraben. Der Audi-Chef spricht ganz anders als er handelt. Mit seinen Aussagen ging es ihm offenbar in erster Linie um knallige Schlagzeilen. Ein ernsthafter Beitrag zur Verbesserung der Lage, lag nie in seiner Absicht.

 

Kommentare (1)

  1. Helga Hoch vor 3 Wochen
    Ich meine zwar ja, autofreie Sonntage wie in den 1970ern wären durchaus wünschenswert. Allerdings mit Ausnahmegenehmigungen, etwa für Berufstätige im Schichtdienst, für diejenigen, die aufgrund weiter, nicht ÖPNV-begünstigter Wege auf ihr Auto angewiesen sind.
    Ich sehe es nicht so verklärt wie der Mobilitätsexperte. Es ist nicht schlimm, mal an der Ampel als Fußgänger zu warten. Ich sehe es auch nicht so nutzlos wie der AvD-Vertreter. Der Unterschied zu den 1970er Jahren besteht darin, dass seither der Verkehr drastisch zugenommen hat. Gab es damals i.A. noch ein Familienauto, so sind es heute mindestens zwei, mit erwachsenen Kindern dann drei oder vier. Es stimmt auch nachdenklich, wenn selbst an Wochenenden außerhalb der Ferienzeit auf den Autobahnen Richtung Alpen dichter Verkehr herrscht. Es würde nicht schaden, sich mal wieder auf Freizeitmöglichkeiten im näheren Umfeld zu besinnen.
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