Politik

465.000 Jugendliche in Deutschland sind von Spielsucht betroffen – das führt nicht nur zur Selbstisolation, sondern geht auch richtig ins Geld. (Foto: dpa/Jens Kalaene)

18.04.2019

Casino im Kinderzimmer

Sollen sogenannte Lootboxen in Computerspielen für unter 18-Jährige verboten werden? Die Koalition in Bayern ist gespalten

In Deutschland gibt es immer mehr Risiko-Gamer. Das sind Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren, die fünf Stunden und mehr am Computer spielen. Laut Deutschem Zentrum für Suchtfragen sind 465 000 Jugendliche dieser Altersgruppe von Spielsucht betroffen, das sind über 15 Prozent. Zahlen für Bayern liegen trotz des erschreckenden Ausmaßes weder der Staatsregierung noch den Suchthilfeeinrichtungen vor. Spielsucht führt nicht nur zur Selbstisolation, psychischen Problemen und schlechten Schulnoten, sondern geht auch richtig ins Geld. Schuld daran sind vor allem Lootboxen.

Bei Lootboxen handelt es sich um virtuelle Gegenstände wie etwa Waffen oder Charaktereigenschaften für die Spielfigur. Gamer erlangen sie, indem sie bestimmte Level erreichen – oder sie kaufen. Das Problem ist: Der Spieler weiß nicht, was er bekommt – vergleichbar mit einer Lotterie. Laut der Studie „Geld für Games“ der DAK-Krankenkasse gibt mehr als die Hälfte der regelmäßigen Spieler pro Monat im Durchschnitt 110 Euro aus – manche aber auch bis zu 1000 Euro.

Ob Lootboxen Glücksspiel sind, darüber sind Juristen in Deutschland wegen der relativ geringen Beträge und der unterschiedlichen Gewinnchancen uneins. DAK-Vorstandschef Andreas Storm fordert ein Verbot wie in Belgien und den Niederlanden. „Durch die Tricks der Industrie finden viele Jugendliche kein Ende und verzocken Zeit und Geld“, warnt er. Außerdem sollten für Gamer Warnhinweise eingeblendet werden, wenn bestimmte Spielzeiten überschritten sind.

Auch die Freien Wähler sehen Lootboxen als Form des Glücksspiels. „Sie sollten daher erst ab 18 Jahren erlaubt sein“, verlangt deren Landtagsabgeordneter Manfred Eibl. Ein entsprechender Antrag wurde 2017 von der CSU-Landtagsfraktion abgeschmettert. „Ein generelles Verbot lehnen wir nach wie vor ab“, sagt Sandro Kirchner (CSU), Chef des Digitalausschusses im Landtag. Es müsse bei Einzelfallbetrachtungen bleiben. So sehen das auch die Landtags-Grünen.

Die FW wollen ein Verbot, die CSU setzt auf Freiwilligkeit

Das Digitalministerium betont, aktuell lägen in Bayern keine Beschwerden bei der Landeszentrale für neue Medien vor. Um junge Gamer dennoch besser zu schützen, soll die Medienkompetenz von Jugendlichen gestärkt werden. Ansonsten setzt das Ministerium auf Freiwilligkeit. Die Spieleindustrie könnte zum Beispiel Bezahlschranken entwickeln, die Eltern auf Geräten ihrer Kinder einrichten können. Ob sich die boomende Spielebranche in Bayern selbst einschränkt, darf bezweifelt werden.

„Jugendschutz geht vor Profitgier“, meint Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD). Sie hat jetzt angekündigt, die Altersfreigabe bei Spielen mit Lootboxen anzuheben und die Gewinnchancen wie beim Lotto offenzulegen. Konkreter will sie auf BSZ-Anfrage nicht werden. „Ein wirkungsvoller Jugendmedienschutz kann nur in enger Abstimmung zwischen Bund und Ländern funktionieren“, erklärt Giffey. Im Laufe des Jahres sollen Ergebnisse präsentiert werden. Man darf gespannt sein, welcher Koalitionspartner sich beim Votum Bayerns am Ende durchsetzen wird. (David Lohmann)

Kommentare (1)

  1. Neuland am 02.05.2019
    "Laut der Studie „Geld für Games“ der DAK-Krankenkasse gibt mehr als die Hälfte der regelmäßigen Spieler pro Monat im Durchschnitt 110 Euro aus – manche aber auch bis zu 1000 Euro."

    Möglicherweise monatlich im Münchner Raum. Die Studie spricht aber von Werten für 6 Monate, nicht von einem Monat.

    "Freiwilligkeit" ist natürlich eine bahnbrechende Idee. Erfahrungsgemäß halten sich viele Unternehmen freiwillig an ethische und moralische Standards. Komisch dass sich verschiedene Mechanismen der Glücksspielindustrie in Videospielen ausbreiten. Muss Zufall sein.

    Vielleicht ist es auch Zufall dass große Publisher mehr Geld in die Entwicklung von Monetarisierungsmodellen stecken als in die eigentliche Spieleentwicklung.

    Mit Jugendschutz hat diese Einstellung nichts zu tun.

    Aber was kann man 2019 schon erwarten, ist ja offensichtlich immer noch Neuland.
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