Politik

Jens Spahn nahm es mit der Wahrheit nicht so genau und ließ zudem Fingerspitzengefühl vermissen. Beides zusammen war zu viel. (Foto: dpa/photothek.de, Dominik Butzmann)

24.07.2026

Das Glaubwürdigkeitsproblem

Causa Spahn: Das eine sagen, das Gegenteil davon tun – das geschieht häufig, hat aber nicht immer Folgen

Anfang des Jahres ergab eine Ipsos-Umfrage Bestürzendes: Nur 17 Prozent der Befragten attestierten Kanzler Friedrich Merz (CDU) Glaubwürdigkeit. Kein Wunder: Merz startete als Regierungschef mit einem Riesenwortbruch. Vor der Bundestagswahl hatte er neue Schulden kategorisch ausgeschlossen. Sobald er Kanzler war, winkte er neue Kredite in Höhe einer knappen Billion durch.

Merz ist immer noch Kanzler. Ohnehin ist das Brechen von Wahlversprechen der Klassiker. Würden alle Politikerinnen und Politiker, die täuschen oder lügen, aufgeben, müssten ständig Posten nachbesetzt werden.

Dass Jens Spahn (CDU) zurücktreten musste, fanden fast alle richtig. Und klar ist es dreist, als Unionspolitiker Leihmutterschaft offiziell abzulehnen, andererseits aber kühl genau das zu planen. Der Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuter nennt noch einen anderen Aspekt: Spahn habe sich auf sein „privates Glück“ herausreden wollen, um seinen politischen Fauxpas zu rechtfertigen. Laut Oberreuter ein Paradebeispiel dafür, dass Spahn „keine soziale Kompetenz“ besitze. Sprich abgehoben sei.

Glaubwürdigkeit und Fingerspitzengefühl wiegen oft schwerer als Sachverstand


Mangelndes Gespür war auch im Fall anderer Rücktritte häufig im Spiel. Der damalige Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) musste zwar offiziell wegen dubioser PR-Honorare zurücktreten. Dem war aber der Swimmingpool-Eklat vorausgegangen: Scharping planschend mit seiner Freundin, während die ihm unterstellte Bundeswehr vor wichtigen Auslandseinsätzen stand.

Tatsächlich wiegen Glaubwürdigkeit und Fingerspitzengefühl oft schwerer als Sachverstand. Das ergab einst eine Bertelsmann-Studie: 72 Prozent der Befragten fanden Glaubwürdigkeit bei Politikern am wichtigsten. Nur 53 Prozent achteten vorwiegend auf Sachverstand.
(Waltraud Taschner)
 

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