Politik

Die Landtagsabgeordnete Tessa Ganserer (Grüne) will nach Berlin. (Foto: dpa/Daniel Karmann)

15.09.2021

"Das ist die Spitze der täglichen Demütigungen"

Tessa Ganserer ist die erste Politikerin in Deutschland, die sich während ihrer Amtszeit als transgeschlechtlich geoutet hat. Nun will sie im Bundestag für rechtliche Gleichstellung kämpfen - und muss dabei auch persönliche Hürden überwinden

"Wer Tessa will, muss Ganserer wählen" - steht in dicker weißer Schrift auf den grünen Wahlplakaten. Darauf zu sehen ist eine Frau mit langen blonden Haaren, die sie auf einer Seite lässig hinters Ohr geschoben hat. Fröhlich lächelt sie in die Kamera.

Trotzdem ist die Nürnberger Bundestagskandidatin Tessa Ganserer alles andere als glücklich über die Plakate. Diese sind nur eine Notlösung. Denn auf dem Wahlzettel steht Ganserer mit einem anderen Vornamen - einem männlichen Vornamen, den die 44-Jährige vor fast drei Jahren abgelegt hat und mit dem sie sich nicht identifiziert. "Das ist für mich sehr schmerzvoll und erniedrigend", sagt sie.

Ganserer sitzt seit 2013 für die Grünen im bayerischen Landtag, in den ersten Jahren noch als Abgeordneter unter männlichen Vornamen. Im November 2018 outete Ganserer sich dann als erste Politikerin in einem deutschen Parlament als transgeschlechtlich. Fortan trat sie auch öffentlich als Tessa Ganserer auf - als die Frau, die sie schon immer war, wie sie sagt.

Tessa Ganserer ist: studierte Wald- und Forstwirtin aus dem bayerischen Wald, lebt in ihrer Wahlheimat Nürnberg mit ihrer Frau und den zwei Kindern und ist "Vollblutpolitikerin, Grüne durch und durch", sagt sie. Seit 1998 ist sie bei den Grünen, weil sie nach 16 Jahren unter Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) zum politischen Wandel beitragen wollte.

Im bayerischen Landtag kämpft Ganserer als queerpolitische Sprecherin für die rechtliche Gleichstellung und gesellschaftliche Akzeptanz von transgeschlechtlichen Menschen - ein Kampf, der auch ein persönlicher ist und den sie nun im Bundestag fortsetzen will - "in der Hoffnung etwas bewirken zu können, damit es andere nach mir leichter haben", sagt sie.

Auf den Wahlzetteln steht Ganserers abgelegter Vorname

Denn wie viele andere Menschen in ihrer Situation lehnt Ganserer es ab, ihren Vornamen und ihr Geschlecht nach dem Transsexuellengesetz offiziell ändern zu lassen. Das 40 Jahre alte Gesetz sieht vor, dass Betroffene das erst nach einem psychologischen Gutachten und einer gerichtlichen Entscheidung dürfen - dabei müssen sie sich oft sehr intime Fragen gefallen lassen.

Daher steht in Ganserers Personalausweis immer noch ihr abgelegter Vorname. Im Alltag bedeute das für sie, ihre Identität ständig aufs Neue erklären, sich immer wieder rechtfertigen zu müssen: beim Corona-Test, wenn sie einen Mietwagen abholen wolle oder bei der Fahrscheinkontrolle in der Bahn, erläutert sie.

Es ist heiß an jenem Nachmittag. Ganserer sitzt in einem Biergarten im Nürnberger Szene-Viertel Gostenhof, ein Radler vor sich. Sie spricht langsam und konzentriert. Man merkt, dass es sie Kraft kostet, von ihrem Alltag zu erzählen. "Das ist emotionale Schwerstarbeit", sagt sie.

Und nun das mit den Wahlzetteln. "Das ist die Spitze der täglichen Demütigungen", sagt Ganserer. Denn es bringe noch einmal zum Ausdruck, dass der Staat sie nicht als den Menschen akzeptiere, der sie sei. Und nicht nur das. "Es ist für mich ein echtes Problem im Wahlkampf, weil es Menschen irritiert."

Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität schätzt den Anteil der transgeschlechtlichen Menschen in Deutschland auf 0,3 bis 0,6 Prozent. Repräsentative Erhebungen für Deutschland gibt es nicht - und nicht alle leben dem Bundesverband Trans* e.V. zufolge ihre Transgeschlechtlichkeit in allen Lebensbereichen offen. Studien gehen demnach davon aus, dass im Berufsleben je nach Branche 50 bis 70 Prozent geoutet sind.

Historische Wahlen: Vier Transmenschen stehen auf den Listen

Im Bundestag gab es bisher nur eine Transperson, die sich aber erst nach ihrer Amtszeit outete. "Die Bundestagswahlen 2021 sind in dieser Hinsicht ein historischer Moment", sagt Gabriel_Nox Koenig vom Bundesverband Trans* e.V. Denn mit Tessa Ganserer, ihren Parteikolleginnen Victoria Broßart (Bayern) und Nyke Slawik (NRW) sowie der SPD-Politikerin Ria Cybill Geyer (Brandenburg) sind zum ersten Mal offen lebende Transmenschen auf den Wahllisten vertreten. Zumindest bei Ganserer und Slawik gilt der Einzug in den Bundestag als wahrscheinlich, aber auch Broßart könnte noch Chancen haben.

Der Klimawandel, aber auch ihre persönliche Geschichte haben die 27-jährige Nyke Slawik aus Leverkusen dazu bewogen, bei der Bundestagswahl für die Grünen anzutreten. "Nach meiner Transition habe ich viele Erfahrungen durchgemacht, die ich als diskriminierend empfunden habe", schreibt sie in einer E-Mail. "Wie den entwürdigenden, langwierigen und teuren Prozess der Namensänderung."

Dazu kommt, dass sie selbst ohne Vorbilder aufgewachsen sei, weil transgeschlechtliche Menschen in der Politik bisher nicht präsent gewesen seien. "Das will ich ändern", sagt Slawik und fügt hinzu: "Aktuell sind im Bundestag gar keine Menschen vertreten, die nicht den klassischen Vorstellungen von zwei Geschlechtern entsprechen, immer noch wird Politik größtenteils von Männern gemacht. Ich hoffe, dass es schwieriger wird, uns als geschlechtliche Minderheit zu diskriminieren, wenn wir endlich mit am Tisch sitzen."

Die Kandidatur und der Einzug von Transpersonen in den Bundestag sei ein wichtiger Schritt, meint Gabriel_Nox Koenig. Ob sich daraus auch Änderungen auf der rechtlichen Ebene ergeben, hänge aber von anderen Faktoren ab: davon, wie sich die nächste Regierung zusammensetze. Und davon, ob und wie Selbstbestimmung und Menschenrechte von transgeschlechtlichen Menschen im Koalitionsvertrag platziert sein werden.

Erst im Mai hatten die Grünen und die FDP im Bundestag einen Anlauf unternommen, das Transsexuellengesetz abzuschaffen und durch ein Gesetz für geschlechtliche Selbstbestimmung zu ersetzen. Die beiden Gesetzentwürfe scheiterten aber. Die Regierungsfraktionen und die AfD stimmten dagegen.

"Die rechtliche Gleichstellung ist die Grundvoraussetzung", sagt Ganserer. Ihr gehe es aber um mehr. Sie selbst erfahre viel Zuspruch, sagt sie. Aber eben auch abschätzende Blicke, Vorurteile und starke Anfeindungen vor allem im Internet. "Das ist nicht mit einem Beschluss aus der Welt", gibt Ganserer zu. "Da braucht man einen langen Atem."
(Irena Güttel, dpa)

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