Politik

Notaufnahme der Rottal-Inn Kliniken. (Foto: dpa/Armin Weigel)

24.11.2021

"Das ist ein kollektives Versagen der Politik"

Die Kapazitäten an den Rottal-Inn Kliniken in Niederbayern sind ausgeschöpft. Hätte es nicht eine große Patienten-Verlegungsaktion gegeben, dann "wären wir jetzt schon abgesoffen", sagt der Leiter

Ärzte der Rottal-Inn Kliniken im niederbayerischen Eggenfelden sehen ihre Corona-Intensivstation nicht mehr weit vom Kollaps entfernt. "Wir stehen ja erst am Anfang der vierten Welle", sagte Vorsitzender Bernd Hirtreiter. Er geht davon aus, dass sich die Zahl der Corona-Patienten binnen der nächsten zwei bis vier Wochen verdoppeln wird, und übt scharfe Kritik an der Corona-Politik.

Die zehn Intensivbetten in der Klinik seien belegt. "Es ist alles voll, wir haben keine Kapazitäten mehr." Die Ressourcen in anderen Krankenhäusern seien ähnlich eng. "Das macht uns große Sorge." Vor knapp zwei Wochen seien in einer großen Verlegeaktion zahlreiche Patienten in andere Kliniken gebracht worden, berichtete Hirtreiter. "Das hat uns sehr geholfen. Sonst wären wir jetzt schon abgesoffen."

Wenn sich die Patientenzahlen verdoppelten, wäre ein Verlegen von Schwerkranken nicht mehr möglich, sagte der Ärztliche Direktor Klaus Kienle. Aktuell sei Triage noch kein Thema, es zeichne sich aber ab.

Hirtreiter findet deutliche Worte: "Das ist ein kollektives Versagen der Politik." Im Sommer hätten sich die Politiker auf die Wahlen vorbereitet, da sei in Bezug auf Corona nicht viel passiert. Dabei hätte man Geimpfte schon nach vier bis fünf Monaten "durchboostern" müssen, ärgert sich Hirtreiter. "Stattdessen haben die die Fußballstadien voll gemacht, den Karneval begrüßt und über einen "Freedom Day" und die Beendigung der pandemischen Notlage diskutiert."

Mitarbeitende sind erschöpft und wütend

Klaus Kienle verweist auf Prognosen der Universitätskliniken München und Freiburg, nach denen in der vierten Welle zwei Höhepunkte zu erwarten seien - und zwar Mitte Dezember und Anfang Februar. "Wenn die Kliniken schon Alarm schlagen, und sagen, sie seien am Limit, dann würde ich von der Politik ein ganz klares Konzept erwarten, was eigentlich passiert, wenn es tatsächlich zu einer Verdoppelung der Patientenzahlen kommt." Den Kliniken fehlten konkrete Ansagen, kritisiert er. "Was ist im Worst-Case-Szenario? Wer hilft aus? Wie wird die Bundeswehr eingebunden?"

Den Pflegekräften, die nun schon zum vierten Mal an der Corona-Front Dienst täten, sei all das nur noch schwer zu erklären, so Kienle. Die Mitarbeiter seien zunehmend erschöpft, ergänzt Hirtreiter. "Und auch wütend, weil so viele Patienten da sind, wo es nicht notwendig gewesen wäre, wenn es mehr Impfbereitschaft und Booster-Angebote gegeben hätte."

Erschwert werde die Arbeit, wenn Angehörige versuchen, eine Patientenverlegung zu verhindern. "Das ist eine wahnsinnige Kraftanstrengung. Wir haben nicht für jeden Patienten 30 Minuten Zeit, mit den Angehörigen zu telefonieren, um ihn zu verlegen."

Probleme mit wenig verständnisvollen Corona-Leugnern gebe es seltener, sagt Kienle. Er berichtet von einem Fall, in dem sich ein schwer an Corona erkrankter Leugner der Krankheit gegen den ausdrücklichen ärztlichen Rat selbst entlassen habe. Zuhause habe sich sein Zustand dann derart verschlechtert, dass er schließlich den Notarzt gerufen habe. "Dieser Mann hat es nicht mehr lebend ins Krankenhaus geschafft."

Der Landkreis Rottal-Inn gehört zu den Corona-Hotspots in Bayern. Die Zahl der Neuinfektionen binnen sieben Tagen je 100 000 Menschen lag am Dienstag laut Robert Koch-Institut bei 1426,1 und damit weit über dem bundesweiten Durchschnitt.
(dpa)

Überlastete Kliniken: Größere Verlegungen aus Bayern in Vorbereitung
Angesichts der sich zuspitzenden Corona-Lage in den Kliniken bereitet sich Bayern auf den Transport einer größeren Zahl von Intensivpatienten in andere Bundesländer vor. Für den Freistaat sei dazu inzwischen das sogenannte Kleeblatt-Konzept zur strategischen Verlegung von Intensivpatienten innerhalb Deutschlands aktiviert, teilte die Deutsche interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) in der Nacht zum Mittwoch mit.

Der Vorsitzende des Arbeitskreises der Innenministerkonferenz für Feuerwehrangelegenheiten, Rettungswesen, Katastrophenschutz und zivile Verteidigung, Hermann Schröder, erläuterte, über das Kleeblatt-Verfahren seien am Mittwoch Anträge auf Verlegung für rund 80 Patienten aus Bayern und dem Osten Deutschlands - dem Kleeblatt-Ost - geprüft worden.

Zunächst war aber offen, welche bayerischen Kliniken betroffen sein könnten. Das LMU Klinikum, das nach eigener Aussage die meisten Covid-19-Intensivpatienten in der Landeshauptstadt behandelt, erweitere gerade seine Intensivkapazitäten deutlich und plane nicht, Patienten zur Behandlung in andere Bundesländer zu verlegen, teilte der ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende, Markus Lerch, auf Anfrage mit. "Das LMU Klinikum hat in den letzten Tagen und Wochen wiederholt mit Covid-19-infizierte Intensivpatienten aus anderen bayerischen Krankenhäusern übernommen, wann immer diese die Behandlung in einem Maximalversorger benötigten und soweit es die Intensivkapazitäten am LMU Klinikum erlaubt haben."

Der Pandemie-Beauftragte des Klinikums rechts der Isar der TU München, Christoph Spinner teilte mit, die Situation sei zwar angespannt. "Durch Verschiebung planbarer Operationen und Eingriffe kann die Akutversorgung von Covid-19 und Nicht-Covid-19 Patienten und Patientinnen derzeit jedoch weiter gewährleistet werden. Derzeit prüfen wir aufgrund der Aktivierung des Kleeblatt-Systems, welche Patienten und Patientinnen von den Intensivstationen verlegbar sind."

Die Zahl der Covid-19-Intensivpatienten in Bayerns Krankenhäusern stieg unterdessen erstmals auf über tausend. Am Mittwochmittag meldete das bundesweite Intensivregister 41 zusätzliche Covid-19-Intensivpatienten, die Gesamtzahl stieg von 965 auf 1006. Auch die Zahl der Todesopfer wächst schnell: In den vergangenen sieben Tagen starben in Bayern nach Daten der Münchner Ludwig-Maximilians Universität 432 Corona-Patienten - und damit innerhalb einer Woche mehr als im gesamten Oktober.

Die Intensivstationen sind mit einer höheren Zahl von Corona-Patienten konfrontiert als auf dem Scheitelpunkt der zweiten Corona-Welle Anfang des Jahres. Damals waren etwas über 900 Corona-Intensivpatienten in Behandlung. Am Mittwoch waren in exakt der Hälfte der 96 bayerischen Landkreise und kreisfreien Städte weniger als zehn Prozent der Intensivbetten frei, in zwanzig Kommunen gab es kein einziges freies Intensivbett.

In dieser Lage befinden sich viele Kliniken seit Wochen. Dabei ist der Anteil der Corona-Patienten in vielen Krankenhäusern immer weiter gestiegen, unter anderem weil planbare Operationen verschoben werden. Bayernweit ist nun mehr als ein Drittel der derzeit verfügbaren Intensivbetten mit Covid-19-Patienten belegt, den Großteil stellen nach wie vor die Ungeimpften. In manchen Kommunen ist die Lage extrem: So waren am Mittwoch 9 der 11 Intensivpatienten im Landkreis Augsburg Covid-Fälle, ein Bett war noch frei.

Damit Covid-19-Patienten trotz sich abzeichnender Engpässe in einigen Regionen weiterhin intensivmedizinisch behandelt werden können, hatte das strategische Steuerungsgremium von Bund und Ländern die Kleeblatt-Konferenz aktiviert. Zweck dieser Konferenz, die sich täglich oder im Zwei-Tages-Rhythmus austauscht, ist es, eine bundesweite Verlegung von Patienten zu organisieren. Dabei geht es darum, freie Plätze und geeignete Transportmittel zu finden.

Auch die ebenfalls besonders von Corona betroffenen Länder Thüringen, Sachsen, Berlin und Brandenburg haben nach Divi-Angaben das Konzept aktiviert, sie gehören zum Kleeblatt Ost. Aktuell gab es zuletzt im Norden und in Hessen noch freie Kapazitäten.
(dpa)

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