Politik

Der 26-jährige Youtuber Rezo bringt mit seinem Video „Die Zerstörung der CDU“ die etablierten Parteien in Bedrängnis. (Foto: Getty/Sean Gallup)

07.06.2019

"Das verändert die politische Landschaft erheblich"

Der Münchner Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger über das Rezo-Video, die Macht von Youtubern und notwendige Konsequenzen für die Parteien

Das viel diskutierte Anti-CDU-Video von Rezo hat kurz vor der Europawahl Millionen von Menschen – vor allem junge – erreicht. Ein Phänomen, das Christoph Neuberger eine Zäsur nennt. Er warnt: Wenn es Parteien künftig nicht schaffen, schnell und angemessen auf Kritik von Influencern zu reagieren, sehen sie bald alt aus. Was sie dazu brauchen: Mehr Politiker mit Social-Media-Begabung.

BSZ: Herr Neuberger, angesichts über 14 Millionen Klicks und dem riesigen Echo auf das Rezo-Video im Europawahlkampf wird schon von einer neuen Kommunikationskultur in der Politik gesprochen. Sehen Sie die auch?
Christoph Neuberger: Das ist tatsächlich eine Zäsur. Die Politisierung der sozialen Medien ist zwar kein völlig neues Phänomen. Neu ist aber, dass jemand, der zuvor gar nicht als politischer Akteur wahrgenommen wurde, quasi als Stimme der jungen Leute zu einer Generalabrechnung mit etablierten Parteien ansetzt und damit eine so enorme Resonanz erzielt – und manche ungeschickte Reaktion provoziert.

BSZ: Vermutlich meinen Sie die von Annegret Kramp-Karrenbauer. Die CDU-Chefin hat Regeln für Meinungsmache im Netz gefordert.
Neuberger: Man kann schon nachvollziehen, dass Politikerinnen und Politiker, wenn ihnen die Felle davonschwimmen, überlegen, was man tun könnte. Aber nachzudenken über rechtliche Einschränkungen, das halte ich für eine völlig falsche Reaktion. Es gibt das Recht auf Meinungsfreiheit. Und auch wenn Rezo drastische Formulierungen und Simplifizierungen nutzt und in den Details nicht alles stimmt, sehe ich in diesem Video nichts, wo man eingreifen müsste.

BSZ: Also war diese Reaktion vielleicht einfach einer gewissen Hilflosigkeit geschuldet?
Neuberger: Auf jeden Fall ist das Internet kein rechtsfreier Raum. Für strafrechtlich relevante Dinge wie Hass und Hetze gibt es Gesetze. Ich sehe deshalb gar keine Notwendigkeit, weshalb man für Youtuber nun Sonderregelungen erlassen müsste. Ja, diese neuen Akteure können eine enorme Meinungsmacht erringen, zumindest punktuell. Ich würde da aber erst einmal auf die Mechanismen der Öffentlichkeit setzen. Mit dem Fact-Checking hat der Journalismus das getan, was er soll. Fakten überprüfen. Herausgekommen ist eine gemischte Bilanz, die besagt, dass Rezo in vielen Dingen vom Grundsatz her recht hat, im Detail aber manches unscharf ist. Die große Frage ist natürlich, inwieweit das auch von den jungen Leuten wahrgenommen wird, die das Video gesehen haben.

BSZ: Wenn aber wie im Folgevideo mehr als 70 Youtuber und Rezo-Unterstützer kurz vor der Wahl explizit zur Nichtwahl bestimmter Parteien aufrufen, ist das nicht problematisch?
Neuberger: Nein, wieso? Auch Journalisten dürfen Wahlempfehlungen geben. Und Youtuber sind noch nicht einmal Journalisten, sie bewegen sich in einem Graubereich. Natürlich war das ein massiver Angriff auf CDU und SPD. Aber dass Leute ihre Meinung äußern, gehört zur Demokratie. Das Entscheidende für die Parteien wäre nun, sich zu überlegen, wie sie sich in diesen Diskurs angemessen einschalten können, um ihn in die für sie richtigen Bahnen zu lenken.

"Es mangelt heute nicht mehr an Politiker-Präsenz in den sozialen Medien, sondern an der Fähigkeit, damit richtig umzugehen"

BSZ: Aber das ist doch das Problem: Sie wissen nicht, wie. Die CDU reagierte mit einem zwölfseitigen PDF-Papier und musste dafür jede Menge Häme einstecken.
Neuberger: Das Geniale an diesem Video ist, dass dieser Typ mit den blauen Haaren genau den richtigen Ton trifft, um die jungen Leute zu erreichen. Auf der anderen Seite aber ist das Video auch nicht so flach, dass man es einfach abtun könnte. Die Parteien müssen sich damit auseinandersetzen. Ich würde zu einer Doppelstrategie raten: Die Fakten noch einmal ganz genau überprüfen und sie dann sachlich, aber attraktiv aufbereitet richtigstellen. Und man müsste noch mal grundsätzlich erklären, dass demokratische Politik nie einfach ist, sondern immer auf Aushandlung und Kompromissen zwischen unterschiedlichen Kräften basiert. Die größte Barriere allerdings dürfte darin bestehen, in die Kreise hineinzukommen, in denen die Influencer ihren großen Einfluss haben. Aber eines ist klar, wenn Influencer mit Millionen Followern anfangen, sich zu politisieren, verändert das die politische Landschaft erheblich. Darauf müssen die etablierten Parteien und auch die Medien Antworten finden.

BSZ: CSU-Chef Markus Söder denkt jetzt über Live-Streamings von Vorstandssitzungen nach. Das bringt’s doch auch nicht, oder?
Neuberger: Nein, das ist nicht sehr erfolgversprechend. Es würde Transparenz herstellen, was gut ist. Aber das ist hier ja nicht der entscheidende Punkt. Das Erfolgsrezept der Influencer besteht darin, dass sie eine unheimliche Nähe suggerieren können. Mit ihrem ungekünstelt und authentisch wirkenden Stil gewinnen sie große Überzeugungskraft. Das sind Mittel, die in der Politik bislang nicht üblich sind – abgesehen vielleicht von Homestorys. Vielleicht führt dieses Phänomen zu einem völlig neuen Politiker-Typus. Donald Trump wäre hier ein Negativbeispiel, der das virtuos handhabt. Positive Beispiele kennen wir noch kaum. Und ich fürchte, dass viele Politiker, die das jetzt versuchen wollten, scheitern werden.

BSZ: Wären Influencer-Workshops für Politiker eine Idee?
Neuberger: Vielleicht. Wir sprechen ja immer von der „Medialisierung der Politik“. Das Fernsehen hatte ab den 1960er-Jahren einen erheblichen Einfluss auf die Politik und auch auf das politische Personal. Politiker werden heute ja durchaus auch danach ausgewählt, ob sie sich in einem Fernsehstudio bewähren. Gut möglich also, dass einmal der Erfolg eines Politikers davon abhängen wird, ob er sich in den sozialen Medien gut bewegen kann.

BSZ: Was heißt das dann aber im Umkehrschluss, wenn sich Grünen-Chef Robert Habeck komplett aus den sozialen Medien verabschiedet?
Neuberger: Es mangelt heute ja nicht mehr an Politiker-Präsenz in den sozialen Medien, sondern an der Fähigkeit, damit richtig umzugehen. Die Gefahr eines Kontrollverlustes steht immer im Raum. Jeder Tweet kann schwer zu kontrollierende Reaktionen hervorrufen. Auf die muss man mit dem richtigen Ton reagieren können. Ich glaube, man darf nicht von jedem Politiker erwarten, dass er das kann. Aus zeitlichen Gründen, aber auch weil Politikern oft einfach die Fähigkeit dazu fehlt. Trotzdem denke ich, dass es künftig in jeder Partei einen erheblichen Anteil von Leuten geben muss, die diese Fähigkeit haben. Und zwar die Politiker selbst, nicht nur ihre Referenten. Und es dürfen nicht nur Digitalspezialisten sein wie eine Dorothee Bär. Wenn es wie im Rezo-Video um Klimawandel oder soziale Gerechtigkeit geht, dann müssen auch die Experten für diese Bereiche schnell und unverzüglich Position beziehen können. Davon, ob das gelingt, wird möglicherweise auch die Zukunft einer Partei abhängen.
(Interview: Angelika Kahl)

Foto (privat): Christoph Neuberger (55) ist Professor am Institut für Kommunikations- und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität

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