Politik

Gewerkschaftler befürchten, dass 75. Jahrestag der Urteile gegen Nazi-Ärzte missbraucht wird. (Foto: dpa/Philipp von Ditfurth)

17.08.2022

Geschichtsklitterung befürchtet

Gewerkschaft ruft zur Gegendemonstration auf

Am 75. Jahrestag der Urteile gegen Nazi-Ärzte werde es auf der Wöhrder Wiese in Nürnberg zu einer Geschichtsklitterung kommen: Das zumindest meinen Verantwortliche der Gewerkschaft ver.di in Mittelfranken und verbündete Gruppen. Deshalb laden sie für den Samstag, 20. August zu einer eigenen Kundgebung nebst „Volks-Uni“ ein, ebenfalls auf der Wöhrder Wiese.

Der Grund für die ver.di-Aktion, bei der unter anderem die gewerkschaftsnahe „Initiative Gesundheit statt Profit“ mitmacht: „Corona-Schwurbler unter Beteiligung der rechten Pseudo-Gewerkschaft „Zentrum Gesundheit und Soziales“ wollen den 75sten Jahrestag des „Nürnberger Kodex“ für ihre Zwecke missbrauchen“, sagt der Gewerkschaftssekretär Ulli Schneeweiß und ergänzt: „Wer genau diesen Kodex in einen Zusammenhang mit den heutigen Corona-Maßnahmen bringt, verhöhnt letztlich die Opfer der damaligen Zwangsmedizin.“

Das sehen offensichtlich auch hiesige Mitglieder des IPPNW, der Ärzte in sozialer Verantwortung e. V. so. Mit Prof. Hannes Wandt, einem der Organisatoren des „6. Internationaler IPPNW-Kongress Medizin & Gewissen“ im Oktober, und Alfred Estelmann, Ex-Klinikvorstand in Nürnberg, werden auch zwei IPPNW-Vertreter auf der ver.di-Veranstaltung sprechen.

Pseudogewerkschaft

Dass auf dem ersten Kodex-Flugblatt das „Zentrum Gesundheit und Soziales“ auftauchte, bringt vor allem DGB-gewerkschaftlich orientiertes Klinikpersonal auf die Palme. „Diese Pseudogewerkschaft vertritt uns nicht!“ stellt Anja Schmalzl heraus. Denn: „Die sind rechtsoffen und radikal.“

Diese Einschätzung deckt sich mit einer vom Nürnberger Bündnis Nazistopp veröffentlichten, aktuellen Analyse. So finde man unter dem Deckmantel jenes „Zentrum Gesundheit und Soziales“ auch Oliver Hilburger. Der komme aus der Neonazi-Szene, war unter anderem Gitarrist der Rechtsrockband „Noie Werte“, weiß Max Gnugesser-Mair, einer der Nürnberger Studienmacher.

Der Magdeburger Soziologie-Professor und Rechtspopulismus-Forscher Matthias Quent hat sich erst kürzlich im Handelsblatt wie folgt über Hilburger und dessen „Zentrum“ geäußert: „Wie viele andere frühere Neonazis versucht er nun, unter dem Deckmantel auf den ersten Blick unauffälliger Organisationen weiter rechtsradikale Positionen zu verbreiten. Eine solche Gruppe im Betrieb sorgt für großen Unfrieden.“ Das bemerkt inzwischen auch die Nürnberger Klinikmitarbeiterin Schmalzl.

Gegenveranstaltung geplant

Als die offiziellen „Kodex“-Organisatoren davon Wind bekamen, dass von ver.di-Seite eine Gegenveranstaltung geplant ist, die speziell das „Zentrum Gesundheit und Soziales“ im Blick hat, verschwand dessen Logo recht schnell von Kodex-Webseite. Dazu meinen Ulli Schneeweiß und Max Gnugesser-Mair: „Ein solches Verhalten kennt man zum Beispiel von der NPD: Zurückrudern, wenn es nicht mehr anders geht.“ Die beiden nennen das ganze Kodex-Bündnis weiterhin „Nazi- und Corona-Schwurbler“. Obendrein wirbt das „Zentrum“ selber weiterhin mit dem Ursprungs-Flugblatt nebst eigenem Logo für dessen „Gedenkveranstaltung“.

Walter Weber, Kodex-Web-Impressario aus Hamburg und Chef der „Stiftung Ärzte für Aufklärung“ ist übrigens nicht nur ein Mal im Zusammenhang mit Corona mit der Staatsanwaltschaft in Konflikt gekommen. Erst Anfang August wurden Webers Praxis- und Privaträume nach eigenem Bekunden wieder „von einer Hausdurchsuchung heimgesucht“. Laut Medienberichten soll ohnehin „wegen des Verdachts auf Ausstellung falscher Atteste in 47 Fällen Anklage gegen Weber erhoben werden“.

Der Arzt selber beschreibt die Schwerpunkte seiner Arbeit seine Arbeit mit „Psychosomatik und Krebsbehandlung“. Dazu zähle, dass er „auch über alternative und komplementäre Krebsbehandlung informiert“. Die Methode nennt Weber „ganzheitliche Onkologie“.

Für die meisten anderen Onkologen ist das schlichtweg Scharlatanerie. Doch bei der „Internationalen Konferenz“ auf der Wöhrder Wiese will Weber auftreten und zum Nürnberger Kodex sprechen. Nicht nur deshalb kritisiert der IPPNW diese Veranstaltung schon im Vorfeld als „Instrumentalisierung des Kodex in unzulässiger Weise für ihre Ablehnung von Corona-Schutzmaßnahmen“. Und in einer verbreiteten Erklärung stimmt die IPPNW-Regionalgruppe mit ver.di überein: „Das ist eine Verhöhnung der Opfer verbrecherischer NS-Menschenversuche.“

Einen Erfolg verbucht die Gewerkschaft ver.di übrigens bereits für sich: Die Gruppe um Walter Weber hat ihren Plan zurückgezogen, vom DGB-Haus zur Wöhrder Wiese zu marschieren. Doch ver.di und Co bleiben dabei: Am Samstag um 13 Uhr zieht ein Demonstrationszug vom Kornmarkt zum eigenen Tagungsort in der Nähe der (Zitat Schneeweiß) „Corona-Schwurbler“. Dort würden aber nicht nur Reden gehalten, sondern auch eine „Volks-Uni“ organisiert. Dabei wird es unter anderem Workshops geben über „die Entstehung des Nürnberger Kodex und seine Bedeutung für die Medizin von heute“, oder „die Entwicklung der Schwurbler-Szene von 2021 bis heute“. Und „für ein solidarisches Gesundheitssystem“.
(Heinz Wraneschitz)

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