Mit dem eigenen Auto fahren, ohne die Umwelt zu belasten? Bei einem Taxiunternehmen aus dem schwäbischen Öhringen funktioniert das. Dort gibt es eine Tankstelle, die synthetischen Diesel von einer Raffinerie aus Hamburg importiert, sogenannten Synfuel. „Mein Mann ist darauf aufmerksam geworden und tankt seitdem regelmäßig dort“, erzählt Taxi-Team-Chefin Erika Schöpfle begeistert. Das vertrage das Auto sehr gut – ganz ohne Umbau. Ist der Verbrennungsmotor gerettet?
Die Vorteile von Synfuels liegen auf der Hand: Synthetische Kraftstoffe können in einem chemischen Verfahren ohne fossile Rohstoffe hergestellt und so designt werden, dass sie nahezu rußfrei verbrennen. Es gibt sie für Benzin- und Dieselmotoren, also muss kein neues Auto her. Und: Synfuel kann einfach im bestehenden Tankstellennetz genutzt werden, es braucht keine neue Infrastruktur wie bei den Ladesäulen für Elektroautos. Audi betreibt bereits eine Pilotanlage zur Produktion von E-Diesel in der Schweiz.
In Bayern gibt es laut Staatsregierung noch keine Möglichkeit, Synfuel zu tanken. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat aber angekündigt, Bayern – natürlich – zum Vorreiter bei den synthetischen Kraftstoffen zu machen. Diese könnten mittelfristig fossile Kraftstoffe ersetzen und die Treibhausgasemissionen des Verkehrs mindern. Daher investiert der Freistaat jetzt 40 Millionen Euro in ein Forschungszentrum für synthetische Kraftstoffe in Straubing.
Dort soll vor allem an der Energieeffizienz gearbeitet werden. Denn noch ist viel Strom für die Herstellung nötig, was den Preis in die Höhe treibt. Aktuell kostet der Liter E-Benzin noch zwei- bis dreimal, der Liter E-Diesel sogar drei- bis viermal mehr als der fossile Bruder. Um die Preise zu senken, fordert Grünen-Verkehrsexperte Markus Büchler, E-Fuels bei Strompreis-Umlagen zu begünstigen und von Netzentgelten zu befreien. Die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft verlangt, „preisgünstigen Erneuerbare-Energien-Strom in großen Mengen“.
Nicht alle Synfuels sind gleich. Manche werden aus Pflanzen hergestellt, was die Flächen für den Anbau von Nahrungsmitteln reduziert. Andere werden gar aus Erdgas oder Kohle erzeugt. Der Synfuel der Zukunft wird nach Meinung vieler Experten aus Wasserstoff und CO2 beziehungsweise Methanol hergestellt – und lässt sich dann gut speichern und transportieren. TU-Professor Georg Wachtmeister warnt aber: Um wirklich CO2-neutral zu fahren, müsse auch der Strom für die E-Fuel-Erzeugung aus nachhaltigen Energiequellen stammen. Alles andere sei Augenwischerei. Großes Potenzial erkennt der Motorenexperte vor allem für kommunale Fuhrparks, also Busse oder Müllfahrzeuge.
Die Bundesregierung sieht ebenfalls Potenzial. Sie will die Lausitz daher zum Zentrum für die Erforschung CO2-freier Treibstoffe machen. Empfehlungen zur Markteinführung soll es 2022 geben. Bei der Forschung geht es zwar auch darum, den Automobilbereich durch synthetische Kraftstoffe klimafreundlicher zu machen.
Synfuels sind enorm teuer
„Langfristig haben Elektro- und Wasserstoffautos aber bessere Zukunftsaussichten als Verbrennungsmotoren“, ist der bayerische Bundestagsabgeordnete Martin Burkert (SPD) überzeugt. Synfuels sind seiner Meinung nach vor allem für Verkehrsmittel interessant, für die es erst mal keine Alternative zum Verbrennungsmotor geben wird.
Diese Meinung vertreten auch Umweltschützer. „E-Fuels suggerieren, dass ein Weiter-wie-bisher mit den Klimazielen vereinbar ist, da der technologische Fortschritt die nötige Emissionsminderung bringt“, erklärt NABU-Verkehrsexperte Daniel Rieger. Das sei aber bei Weitem nicht der Fall. Ähnlich argumentieren Greenpeace oder die Deutsche Umwelthilfe. Für die Umweltverbände haben Synfuels höchstens für Schiffe, den Flugverkehr oder einige Spezialanwendungen an Land eine Berechtigung.
Tatsächlich fahren die Schiffe der Hansestadt Hamburg inzwischen fast alle mit Synfuel. Shell hat wegen der steigenden Nachfrage von Marine-Kunden 2018 das erste Tanklager für synthetische Kraftstoffe in Deutschland in Betrieb genommen. "Vor zwei Jahren war Synfuel noch ein totales Nischenthema, heute sprechen alle davon", sagt auch der Chef des Stuttgarter Brennstofflieferanten Scharr, Rainer Scharr. Und seit August können Lufthansa-Kunden mit synthetischem Kerosin fliegen, sogenanntem Sustainable Aviation Fuel. Dies werde aus nachhaltigen Quellen gewonnen, versichert das Unternehmen. Passagiere könnten dadurch 80 Prozent des Kohlendioxids kompensieren. Da synthetisches Kerosin aber viermal teurer als normales Kerosin ist, fällt der Aufschlag derzeit noch happig aus.
Ob Synfuels eine Zukunft haben, liegt in den Händen der Wissenschaftler. Die Frage ist, ob es ihnen gelingt, das Herstellungsverfahren effizienter und günstiger zu machen. „Mit entsprechender Förderung könnten wir in den ersten Städten in fünf Jahren serienreif sein“, versichert TU-Professor Wachtmeister. „Wenn es die Politik nur will.“ (David Lohmann)
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