Leuchtend grün kommt er daher, der „Expecto Grillus“ – jene neueste Krapfen-Kreation der Münchner Bäckerei Aumüller. Und doch ist es weniger das Äußere, das die Kundschaft wahlweise anzieht oder abschreckt, sondern eher das Innenleben des Faschingsgebäcks. Denn in dem grün glasierten Krapfen steckt eine Creme aus Nuss, Sahne und einer besonderen Zutat. Nämlich: gemahlene Grillen.
„Das Ganze war eine Gaudi-Aktion nach dem Motto: Traust du dich?“, sagt Franz Ehrnthaller, Inhaber der Bäckerei Aumüller. Anlass für ihn, mit dem Insektenmehl zu experimentieren, waren die Reaktionen vieler Bäckereibetriebe, nachdem die EU kürzlich Grillenpulver und Buffalowürmer als neuartige Lebensmittel genehmigt hatte. „Da haben sich viele panikmäßig distanziert“, sagt Franz Ehrnthaller.
Tatsächlich führten die Gerüchte, wonach Bäckereien unbemerkt Insekten ins Brot mischen könnten, auch bei ihm zu Nachfragen besorgter Kundschaft. Dabei sei die Angst unbegründet – allein aus ökonomischen Aspekten, so Ehrnthaller. Denn: „Ein Kilo von dem Grillenpulver kostet 150 Euro.“ Entsprechend wenig habe er in die Creme seiner Krapfen gerührt, zusammen mit Nussstückchen – „um den Gruselfaktor zu erhöhen“. Zu Fasching könne man sich das mal erlauben, findet der Bäcker. Wobei er betont: „Ich bin kein Freund von Insekten in Lebensmitteln. Ich finde das eklig.“
Insekten als Lebensmittel fristen noch Nischendasein
Ganz ähnlich sieht das das Gros der Deutschen, weshalb Insekten als Lebensmittel hierzulande ein Nischendasein fristen. Dabei habe vor zwei Jahren noch „eine Art Goldgräberstimmung“ geherrscht, sagt Daniela Krehl von der Verbraucherzentrale Bayern.
Damals hatte die EU im Rahmen der 2018 in Kraft getretenen Novel-Food-Verordnung erstmals ein Insekt als Lebensmittel zugelassen, nämlich den gelben Mehlwurm. Zudem durften weitere Krabbeltiere dank einer Übergangsregelung verkauft werden. Bei einem Marktcheck fand die Verbraucherzentrale seinerzeit immerhin 32 Insektenprodukte in Supermärkten, darunter Snacks und Riegel, aber auch Müsli, Nudeln und Spätzle.
Heute dagegen suche man derlei Waren im Einzelhandel vergeblich, sagt Daniela Krehl. „Offensichtlich haben sich die Insektenprodukte nicht so verkauft wie erhofft.“ Das größte Problem aber sei schlicht „der Ekelfaktor“, so Krehl. Dieser habe sich auch beim jüngsten Zulassungsverfahren für das Grillenpulver und die Larve des Getreideschimmelkäfers, den sogenannten Buffalowurm, gezeigt. Krehl sagt: Die Leute hatten Angst, „dass ihnen Insekten untergejubelt werden“.
Dabei gehören Käfer, Grille und Co. in vielen Ländern fest zum Speiseplan. Laut der Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) essen zwei Milliarden Menschen weltweit Insekten. Und das mit guten Gründen, sagt Verbraucherschützerin Krehl. „In puncto Tierwohl, Klimaschutz und Gesundheit bieten sich Insekten als alternative Proteinquelle an.“ So ist ihre Produktion umweltfreundlicher, als dies bei Rind-, Schweine- oder Hühnerfleisch der Fall ist. Zugleich hätten Insekten einen ähnlich hohen Proteinanteil und seien überdies eine exzellente Quelle von Omega-3-Fettsäuren, B-Vitaminen und Mineralstoffen, so Krehl. „Wenn der Ekelfaktor nicht wäre, würden wir das ein Superfood nennen.“
Auch in puncto Sicherheit müssten sich Verbraucher keine Sorgen machen, betont die Expertin. Da die Tiere unter die Novel-Food-Verordnung fallen, sei ein aufwendiges Zulassungsverfahren vorgeschrieben, ehe sie in der EU verkauft werden dürfen.
Dabei werde unter anderem festgelegt, in welcher Form das Speiseinsekt zum Einsatz kommt. Die Hausgrille beispielsweise darf als Pulver in bierähnlichen Getränken, Back- und Teigwaren, Soßen, Pizza und Kartoffelerzeugnissen verwendet werden, nicht aber in Chips. Zudem wird die Kennzeichnung vorgeschrieben. So muss das Insekt etwa in der Zutatenliste sowohl mit wissenschaftlichem als auch mit deutschem Namen auftauchen, beispielsweise: „Acheta domesticus (Hausgrille)“.
"Angst vieler Verbraucher ist unbegründet"
„Die Angst vieler Verbraucher ist unbegründet“, betont Krehl. Dennoch glaubt sie nicht, dass Insekten als Lebensmittel hierzulande bald eine bedeutende Rolle spielen werden.
Ähnlich klingt das bei Martin Schöffel, Vorsitzender des Arbeitskreises Ernährung der CSU-Landtagsfraktion. „Ich gehe davon aus, dass in Bayern die Ernährung der Menschen mit Insekten nur eine sehr geringe Zahl von Menschen anspricht, viele empfinden wohl eher Ekel als Freude bei der Vorstellung.“ Und auch er persönlich, ergänzt Schöffel, „möchte keine Grillensemmel essen, sondern eine klassische Grillsemmel mit bestem Rinder- oder Schweinefleisch“.
Auch Gisela Sengl, ernährungspolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion, betont: „Für mich braucht es keine Insekten. Ich esse lieber einen Linseneintopf.“
Derweil konstatiert Hans Friedl, verbraucherschutzpolitischer Sprecher der Freien Wähler im Landtag: „Insekten als Quelle alternativer Proteine neben Hülsenfrüchten könnten in der Zukunft mehr Bedeutung gewinnen.“ Er persönlich jedoch „würde keine mit Insektenmehl versetzte Semmel essen wollen“.
Ruth Müller, ernährungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, ist wichtig, „dass Lebensmittel, die Insekten enthalten, deutlich gekennzeichnet sind“. Sie selbst habe vor einigen Jahren in einer holländischen Insektenfarm Schokoladenkekse mit eingebackenen Insekten probiert. „Mein Fazit war: Kann man essen, muss man aber nicht.“
Und wie waren die Reaktionen auf den Grillen-Krapfen der Bäckerei Aumüller? „Gemischt“, sagt Franz Ehrnthaller. „Manche fanden es lustig, manche eklig.“ Nachdem Fasching nun aber vorüber sei, habe er den „Expecto Grillus“ ohnehin wieder aus dem Sortiment genommen. „Der Hype ist durch“, sagt der Münchner Bäcker. Grillen und andere Insekten seien in seiner Backstube fortan wieder tabu. (Patrik Stäbler)
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