Politik

Ein Auftritt nach seinem Geschmack: Hubert Aiwanger dirigiert auf dem Oktoberfest beim Böllerschießen. (Foto: dpa, Felix Hörhager)

05.11.2026

Der letzte Volkstribun: Hubert Aiwanger sprach den Menschen aus der Seele

Hubert Aiwanger war ein Naturereignis. Wenn er das Wort ergriff, hörten alle zu, egal, ob sie ihm zustimmten oder nicht. Der im Alter von 55 Jahren verstorbene Freie-Wähler-Chef hat polarisiert – wie alle starken Charaktere. Seine zahlreichen Gegner nannten das populistisch. Ihn ließ das kalt. Populistisch, schnaubte er mal, na und? Das Wort leite sich ab vom lateinischen „populus“, zu deutsch: Volk. Bayern hat einen streitbaren und gradlinigen Politiker verloren - bei den Freien Wählern klafft nun eine Lücke

Der Mann war ein Naturereignis. Wenn er das Wort ergriff, hörten alle zu, egal, ob sie ihm zustimmten oder nicht. Der im Alter von 55 Jahren verstorbene Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger, bayerischer Wirtschaftsminister und Vizeministerpräsident, hat polarisiert – wie alle starken Charaktere. Er war ein mitreißender Redner, blitzgescheit, und hatte ein untrügliches Gespür für die Nöte der Menschen. Seine zahlreichen Gegner nannten das populistisch. Ihn ließ das kalt. Populistisch, schnaubte er mal im Gespräch mit der Staatszeitung, na und? Das Wort leite sich ab vom lateinischen „populus“, zu deutsch: Volk.

Er war ein Volkstribun im besten Wortsinn, formulierte so, dass die Menschen ihn verstanden. Dafür liebte und hasste man ihn. Als er 2023 bei der vielkritisierten Erdinger Heizungsdemo zeterte, die „schweigende Mehrheit“ müsse sich „die Demokratie zurückholen“, stand Deutschland Kopf. Der Vorwurf: Das sei AfD-Sprech, Aiwanger stelle damit die Legitimität der demokratisch gewählten Bundesregierung und der demokratischen Institutionen infrage. Natürlich ruderte er keinen Millimeter zurück. Sondern verwies darauf, dass ihm in seiner Ablehnung des Habck’schen Heizungsgesetzes die überwiegende Mehrheit der Deutschen zustimmte. Was Umfragen belegten.

2023 überstand der populäre Aiwanger die sogenannte Flugblatt-Affäre. Ihm wurde vorgeworfen, in seiner Jugend ein antisemitisches Flugblatt verfasst zu haben, was er bestritt. 

Anders als Demagogen wie Trump oder Bolsonaro war Aiwanger stets glühender Demokrat, der sich gern mal brachial ausdrückte. Landtagspräsidentin Ilse Aigner hob hervor: „Er konnte provokant sein, aber man durfte sich seines stabilen Wertefundaments und seiner klaren und klugen freiheitlich-demokratischen Haltung sicher sein.“

Respekt vor dem Überzeugungstäter Aiwanger

In ihren Nachrufen bekunden auch seine politischen Gegner Respekt vor dem Überzeugungstäter Aiwanger. Er sei „ein streitbarer, leidenschaftlicher Politiker“ gewesen, so Holger Grießhammer, Vorsitzender der Landtags-SPD, und habe sich „mit großer Überzeugung für Bayern eingesetzt“. Es ist kein Geheimnis, dass es in der Koalition mitunter knirschte, weil Aiwanger irgendwelche CSU-Ideen nicht einfach abnicken wollte. CSU-Fraktionschef Klaus Holetschek würdigte Aiwanger nun als „Bayer mit Ecken und Kanten“, der „oft streitbar in der Sache, aber immer nah bei den Menschen“ gewesen sei. Der niederbayerische Europaabgeordnete Manfred Weber schrieb: Hubert Aiwanger „hat für Bayern und seine Menschen gebrannt“.

Und natürlich für seine Freien Wähler. Den Einzug in den Landtag 2008 verdanken die FW Hubert Aiwanger, der gegen gewaltige parteiinterne Widerstände dafür gekämpft hatte, dass die Freien Wähler überhaupt bei der Landtagswahl antreten. Seit 2018 fungiert die Aiwanger-Truppe als Juniorpartner in einer Koalitionsregierung. FWler sitzen mittlerweile auch im EU-Parlament, während es mit dem Einzug in den Bundestag nicht klappte. Was Aiwanger keineswegs entmutigte, im Gegenteil. Zielstrebig hat er an der bundespolitischen Bedeutung seiner Partei gearbeitet. Diese Woche wollte er in Berlin ein Hauptstadtbüro eröffnen. Tragischerweise hat er den Termin nicht erlebt.

Eine Lichtgestalt

Der Niederbayer hinterlässt in seiner Partei eine rieisge Lücke. Am Wochenende werden FW-Spitzengremien das weitere Vorgehen besprechen. Für den stellvertretenden Bundesvorsitzenden und EU-Abgeordneten Joachim Streit war Aiwanger „eine Lichtgestalt“. Er sagt: „Wir waren die Aiwanger-Partei.“

Mehrere von der BSZ befragte Spitzenpolitiker der Partei sagen, die Suche nach einem geeigneten Nachfolger werde extrem schwierig. Unter den möglichen Kandidaten ist Digitalminister Fabian Mehring. Auch ein profilierter Kommunalpolitiker sei denkbar, etwa Armin Kroder, Landrat in Nürnberg.

Bundesvize Joachim Streit betont, die meisten Mitglieder kämen aus Bayern und dort werde auch die Entscheidung getroffen, „wer in Zukunft die Freien Wähler in Deutschland führen wird“.

So oder so: Eine Führungspersönlichkeit mit Aiwangers Strahlkraft ist nirgends in Sicht. Er war Mr. Freie Wähler und verkörperte die Partei wie kein Zweiter.
(Tobias Lill, Waltraud Taschner)

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