Alexander Radwan (55) ist Bayer mit ägyptischem Migrationshintergrund – und CSU-Politiker. Er hofft, dass seine Partei künftig mehr Muslime ins Rennen um politische Ämter schickt. Zuletzt war es im schwäbischen Wallerstein zu einem Eklat gekommen, weil CSU-Mitglieder erfolgreich gegen einen muslimischen Bürgermeisterkandidaten opponiert hatten.
BSZ: Herr Radwan, wann sind Sie das letzte Mal auf Ihren Migrationshintergrund angesprochen worden?
Alexander Radwan: Das kann ich Ihnen gar nicht sagen. Es ist kein Geheimnis, woher mein Vater kam. Ich gehe damit aber weder hausieren, noch verstecke ich es. Ab und zu kommt mal die Frage auf, woher der Name Radwan kommt. Oft bringen ihn die Leute aber mit Osteuropa in Verbindung.
BSZ: Das heißt, Ihre Wähler wissen gar nicht, dass Ihr Vater aus Ägypten stammte?
Radwan: Keine Ahnung. Die, die sich mit den Kandidaten beschäftigen, können es auf jeden Fall wissen.
BSZ: Anfang des Jahres hat der Fall von Sener Sahin im schwäbischen Wallerstein für Aufsehen gesorgt. Der sollte für die CSU als Bürgermeisterkandidat ins Rennen gehen, dann gab es im Ortsverband aber Widerstand gegen einen Muslim als Kandidaten, und er ist nicht angetreten.
Radwan: Es ist schwer, über was zu reden, wenn man die genauen Umstände vor Ort nicht kennt. Es gibt auch Gemeinden, da ist es noch immer ein Thema, ob ein Kandidat katholisch oder evangelisch ist. Ich weiß nicht, wie sich das in diesem Fall aufgebaut hat. Das Zeichen, das gesetzt wurde, ist sicherlich unglücklich.
BSZ: Dann lassen Sie uns die Frage etwas abstrahieren: Die Begründung für die Ablehnung war, dass man auf dem Land eben noch nicht „so weit“ sei. Sie haben einen sehr ländlich geprägten Wahlkreis, sind selber im Kreistag – können Sie das bestätigen?
Radwan: Nein. Es geht doch letztlich darum, inwieweit die Person vor Ort integriert und überzeugend ist. Bürgermeisterwahlen sind hochgradig Persönlichkeitswahlen. Und wenn eine Person den entsprechenden Rückhalt vor Ort hat, sollte die Religion in den Hintergrund treten. Gerade im ländlichen Raum sind die Kandidaten in der Regel so bekannt, dass es keine Rolle spielen sollte, welche Religion ein Kandidat hat, ob er in die Kirche geht oder zur Kommunion.
BSZ: Was halten Sie von Sprüchen wie „Wir heißen CSU und nicht MSU“?
Radwan: Das wird der Thematik sicherlich in keinster Weise gerecht. Wer hat das denn gesagt?
BSZ: Markus Söder.
Radwan: Das muss aber schon einige Jahre her sein. In diesem Fall hat er sich für den muslimischen Kandidaten ausgesprochen.
BSZ: Das stimmt. Aber warum sind denn dann von den rund 300 000 bayerischen Muslimen immer noch so wenige in der CSU?
Radwan: Das weiß ich nicht. Ich finde es jedenfalls schade, denn gerade die CSU müsste für die Muslime, die Teil unserer Gesellschaft sind und sein wollen, eine sehr attraktive Partei sein. Viele dieser Menschen sind wertkonservativ, die Familie hat einen hohen Stellenwert, viele sind Mittelständler – klassisches CSU-Klientel. Wir haben ja jetzt einen muslimischen Bürgermeisterkandidaten in Neufahrn. Ich hoffe, dass solche Beispiele Schule machen und sich künftig mehr Muslime für die CSU als Partei interessieren und zu uns kommen. Es ist ja nicht so, dass wir auf diesen Personenkreis verzichten wollen.
BSZ: Wenn man sich die Listen für die Kommunalwahl ansieht, findet man aber nur wenige Namen, die einen muslimischen Hintergrund vermuten lassen – und die meist auf den aussichtslosen Plätzen.
Radwan: Da stehen wir sicherlich noch am Anfang. Bei der Listenaufstellung richtet man sich ja sehr stark danach, wer schon entsprechende politische Erfahrung hat und deshalb Stimmen bringt. Wenn wir hier im Landkreis Kandidaten aufstellen, ist es kein Kriterium, ob jemand einen Migrationshintergrund hat oder nicht, und ich habe ja einen.
BSZ: Aber müsste sich die CSU angesichts der großen Gruppe der Muslime nicht um mehr religiöse Diversität bemühen?
Radwan: Im Bereich der Programmatik haben wir diese Diversität ja bereits: Jeder ist uns willkommen, solange er sich mit unserer Grundausrichtung, zu der Toleranz und auch Nächstenliebe gehören, identifiziert. Das ist keine Frage der Religion. Ein Faschist, der zufällig römisch-katholisch getauft ist, hat bei uns nichts verloren, eine Muslima, die unsere Grundwerte teilt, dagegen schon.
BSZ: Wirkt die Debatte über eine Leitkultur, die Ihre Partei zuletzt wieder angefacht hat, da nicht eher abschreckend?
Radwan: Nein, ich halte sie für absolut notwendig. Als die Flüchtlingskrise begann, hat mein Vater noch gelebt. Und da hat er immer wieder gesagt: Wisst ihr eigentlich, was da auf euch zukommt? Er war immer der Meinung: Wer sich nicht an unsere Regeln halten will, ist hier fehl am Platz. Nichts anderes ist doch Leitkultur. Das bedeutet nicht, dass Muslime an Weihnachten in die Kirche gehen sollen oder einen Schweinsbraten mit einer Halben Bier essen müssen. Aber es bedeutet in manchen Fällen eben, dass man einen Teil seiner Herkunftskultur, der im Widerspruch zum Grundgesetz steht, ablegen muss. Zum Beispiel, wenn das Frauenbild nicht dem unseren entspricht. Sobald wir uns hierzulande ernsthaft fragen – was passiert ist –, ob es männlichen Schülern zumutbar ist, der Lehrerin die Hand zu geben, dann ist das falsch verstandene Toleranz. Die Menschen müssen bereit sein, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren; und wir müssen bereit sein, sie zu integrieren.
(Interview: Dominik Baur)
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