Politik

Ist der Wirtschaftsstandort Deutschland in Gefahr? Wer sich an den Hochschulen umhört, merkt: Das Thema ist differenziert. (Foto: dpa)

10.02.2017

Die Geschichte hinter den Zahlen

Immer mehr junge Leute brechen angeblich ihr Studium ab – wie valide sind derlei Schreckensmeldungen?

Die Zahlen, mit denen eine aufgebrachte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) Ende vergangenen Jahres an die Öffentlichkeit ging, klingen zunächst tatsächlich beängstigend: Rund ein Drittel der deutschen Bachelorstudenten bricht das Studium vorzeitig ab. Neuer Rekord! Der Wirtschaftsstandort Deutschland ist in Gefahr! Doch ist das tatsächlich so? Wer sich an den Hochschulen umhört, merkt: Das Thema ist differenzierter.

Es spricht natürlich nichts dagegen, dass Staatsregierung und bayerische Arbeitgeberverbände rechtzeitig auf das Problem reagiert haben. Das bayerische Arbeits- und das Kultusministerium initiierten 2015 gemeinsam das Projekt „Unterstützung von Studienabbrechern an den bayerischen Hochschulen – erfolgreicher Übergang in die Berufsausbildung“. Laut Arbeitsstaatssekretär Johannes Hintersberger (CSU) konnte man mehr als die Hälfte der beratenden Studienabbrecher in eine Lehre vermitteln.

Und die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw) startete bereits 2008 ein speziell für Abbrecher von MINT-Studiengängen (Mathematik, Ingenieursfächer, Naturwissenschaft und Technik) konzipiertes Projekt, um die in diesen Fächern schon damals bei mehr als 30 Prozent liegende Abbrecherquote zu senken. Was ausweislich einer Evaluation durch das Staatsinstitut für Hochschulforschung und Hochschulplanung (IHF) auch gelang.

Und auch die Unis werden aktiv. An der Universität Passau etwa können angehende Studienabbrecher in das Programm „Neustart – Karriere 2.0“ aufgenommen werden. Es fußt auf einer Vernetzung zwischen den beratenden Stellen der Universität und den berufs- und ausbildungsberatenden Institutionen in der Region. Die Universität Augsburg bietet Workshops an, die die Suche nach dem richtigen Studiengang erleichtern sollen. Und die Bayreuther Universität hat an jeder Fakultät im akademischen Mittelbau von der Lehre freigestellte Posten für Studienkoordinatoren geschaffen, an die sich Studenten mit Problemen wenden können.

Auch wer das Fach wechselt, gilt als Abbrecher

Doch werden die Studenten tatsächlich immer leistungsschwächer? Zunächst einmal: Es werden immer mehr. Einen neuen Rekord konnte Bundesministerin Wanka nämlich auch verkünden: 2,81 Millionen Studenten sind im aktuell laufenden Wintersemester 2016/2017 in Deutschland immatrikuliert. Da die Bevölkerung insgesamt nicht gewachsen ist, heißt die Schlussfolgerung: Es studieren inzwischen auch vermehrt Leute, die davon früher eher Abstand genommen hätten.

Dass darunter auch viele junge Männer und Frauen sind, die einem Studium nicht gewachsen sind, liegt auf der Hand. Doch vor allem rot-grün regierte Länder verstanden es in den vergangenen Jahren als bildungspolitischen Auftrag, die Zahl der Hochschulzugangsberechtigten immer weiter nach oben zu treiben. Obendrein beklagte die OECD, dass die Zahl der Studienanfänger hierzulande viel zu gering sei.

Interessanterweise sind die Abbrecherquoten nicht gleichmäßig über die Fakultäten verteilt, wie an diversen Hochschulen zu erfahren war: Künftige Juristen, BWL-ler und Mediziner etwa werfen deutlich seltener hin als angehende Ingenieure, Natur- oder Geisteswissenschaftler. Und an den Fachhochulen halten die Studenten besser durch als an Universitäten. „Wenngleich sich die Zahlen einander annähern“, wie Ministerin Wanka in ihrem Bericht vom Dezember bekannt gab.

Einen weiteren Punkt, der die Quote abmildert, erklärt Martin Huber, Vizepräsident für Lehre und Studium an der Universität Bayreuth: „Nicht jeder, der ein Studium abbricht, ist ein Studienabbrecher. Bei uns immatrikulieren sich beispielsweise Studenten gleichzeitig in den beiden sehr ähnlich konzipierten Studiengängen Biochemie und Biologie. Der Grund: Damit haben sie für einige Prüfungen fünf statt nur drei Versuche – was das Risiko, endgültig durchzufallen, reduziert. Sobald diese jungen Leute die entscheidenden Klausuren geschafft haben, exmatrikulieren sie sich in einem der beiden Studiengänge.“

Auch die wegen des Modulsystems straffer konzipierten Studiengänge sind laut Huber kein Grund für Studienabbrüche. Schließlich gebe es die Möglichkeit des Teilzeitstudiums: zwölf statt sechs Semester für den Bachelor.

Katrina Jordan, Pressesprecherin der Universität Passau, gibt wiederum zu bedenken, dass auch „viele Studenten innerhalb der Universität das Studienfach wechseln, weil sie erst nach den ersten Semestern erkennen, wo ihre tatsächlichen Interessen liegen“. Diese Leute seien dann formal zwar Studienabbrecher, aber eben keine Akademiker ohne Abschluss. Dazu zählten streng genommen sogar schon Lehramtsstudenten, die vom Gymnasium an die Realschule wechseln. Andere Studenten wiederum wechselten nach der Hälfte der Studienzeit die Hochschule. Das Problem laut Jordan: Statistisch erfasst wird der jeweilige Grund in der Hochschulverwaltung schon aus Datenschutzgründen nicht.

Wobei man unter dem Namen „Campus Online“ so etwas an der Uni Bayreuth derzeit plant, wie Vizepräsident Huber verrät. Erstmals wolle man den akademischen Weg aller Studienanfänger nachvollziehen. Zur letzten aktuellen Berechnung 2015 waren es 4077 Einschreibungen ins erste Fachsemester, Examensabsolventen habe man zum gleichen Zeitrum 2549 registriert. An der TU München gibt es ein ähnliches Projekt. Konkrete Aussagen über Studienabbrecher gibt es aber zurzeit noch nicht. Dazu muss das Projekt erst länger laufen. (André Paul)

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