Politik

Die Staatsregierung will drei Bänder Blühstreifen durch Bayern spannen, um Artenschutz und Biodiversität zu erhöhen. (Foto: dpa/Patrick Pleul)

15.03.2019

"Die Pflege leidet unter einem Systemfehler"

Bayerns Pflegeverbandschefin Marliese Biederbeck über das Pflegenotstand-Volksbegehren, die Ökonomisierung der Pflege und die Arbeitsbedingungen der Branche

100 000 Menschen haben das Volksbegehren „Stoppt den Pflegenotstand“ unterschrieben. Kein Wunder: Die Arbeitsbedingungen sind mies, und rund eine halbe Million Menschen in Bayern wird 2035 pflegebedürftig sein. Marliese Biederbeck vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) unterstützt das Volksbegehren.

BSZ: Frau Biederbeck, im Pflegebereich ist in Bayern in letzter Zeit viel passiert, das Gesundheitsministerium hat weitere Verbesserungen versprochen. Warum unterstützt der DBfK das Volksbegehren „Stoppt den Pflegenotstand“?

Marliese Biederbeck: Auf Bundesebene sind zwei wichtige Gesetze verabschiedet worden. Das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz ist ein Schritt in die richtige Richtung. Es sorgt dafür, dass die Krankenkassen jede zusätzliche Pflegestelle im Krankenhaus refinanzieren müssen. Das andere Gesetz legt die Personaluntergrenzen in vier besonders pflegeintensiven Krankenhausbereichen fest. Das sehen wir kritisch, weil dafür Personal aus allen anderen Bereichen abgezogen wird.

BSZ:
Aber das sind doch beides Bundesgesetze. Was kann das bayerische Volksbegehren dagegen ausrichten?
Biederbeck: Bayern hat ja Einfluss auf die Bundesgesetzgebung und könnte diesen im Bundesrat geltend machen. Statt Untergrenzen für bestimmte Bereiche fordern wir die Einführung und Umsetzung von Personalbemessungsverfahren, die sich am Pflegebedarf der Patienten orientieren. Habe ich viele Patienten mit einem hohen Pflegebedarf, brauche ich mehr Personal als bei Patienten mit einem geringen Pflegebedarf.

BSZ: Und wer soll das zusätzliche Personal bezahlen?
Biederbeck: Trotz der Anhebung des Pflegeversicherungsbeitrags Anfang des Jahres gab es kein Rumoren. Die Bevölkerung ist bereit, für gute Pflege Geld in die Hand zu nehmen. Dieses Problembewusstsein fehlt bei den Arbeitgebern eher. Zudem wurden Stellen von Pflegefachpersonen nicht nachbesetzt, weil die Kliniken in den letzten Jahren lieber Ärzte einstellten.

BSZ: Weil Operationen Geld bringen und Pflegekräfte nicht?
Biederbeck: Zum einen hat die neue Arbeitszeitrichtlinie dazu geführt, dass mehr Ärzte eingestellt wurden. Zum anderen das 2003 eingeführte Fallpauschalensystem. Seitdem gilt: Je mehr Diagnosen gestellt und abgerechnet werden, desto mehr finanzielle Mittel hat eine Klinik zur Verfügung. Das ist ein Systemfehler. Darunter hat die Pflege sehr gelitten.

BSZ: Ein Drittel der Pflegekräfte gilt inzwischen als burn-out-gefährdet.
Biederbeck: Die Belastung ist extrem hoch, weil der Pflege- und Betreuungsschlüssel in Deutschland zu schlecht ist. Bei uns kümmert sich eine Pflegefachperson um 13 Patienten, in Norwegen sind es nur fünf. Selbst Irland und Griechenland sind deutlich besser aufgestellt als die Pflege in Deutschland. Internationale Studien zeigen auch, dass die Komplikations- und Mortalitätsrate sinkt, je mehr akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen die pflegerische Versorgung übernehmen

"Je mehr Diagnosen gestellt und abgerechnet werden, desto mehr finanzielle Mittel hat eine Klinik zur Verfügung"

BSZ: Die Vereinigung der bayrischen Pflege in Bayern (VdPB) appellierte diese Woche an die Berufsverbände, Mitglied zu werden.
Biederbeck: Wir halten die VdPB für den falschen Weg. Stattdessen bräuchten wir eine Pflegekammer in Bayern. Fünf Bundesländer gehen bereits diesen Weg – andere werden nachziehen. Das würde die Wertschätzung gegenüber der Pflege zeigen und den Beruf dadurch attraktiver machen. Wie viele Mitglieder hat die VdPB denn bisher?

BSZ: Rund 500 seit Anfang des Jahres.
Biederbeck: Das ist ja eine wahnsinnig große Zahl bei 130 000 Pflegefachpersonen in Bayern. Aber das hatten wir bereits prophezeit. Wir brauchen eine verpflichtende Registrierung aller Pflegefachpersonen in Bayern statt einer freiwilligen Mitgliedschaft.

BSZ: Was verdient eine Pflegekraft im Durchschnitt?

Biederbeck: Das schwankt. Das Einstiegsgehalt liegt bei Regionen mit einem hohen Mangel bei rund 3000 Euro brutto pro Monat. Wo der Notstand besonders hoch ist, teilweise etwas mehr. In München können es sich Arbeitgeber nicht mehr leisten, keine ordentlichen Gehälter zu zahlen. Die Bezahlung muss aber überall angehoben werden. Mit einem Gehalt von 4000 Euro gäbe es keinen Pflegenotstand.

BSZ: Selbst wenn die Gehälter steigen: Woher sollen beim aktuellen Fachkräftemangel die Pflegekräfte kommen? Aus dem Ausland?
Biederbeck: Die Anwerbung aus dem Ausland bringt nur mäßigen Erfolg und ist vielfach sogar gescheitert. Damit werden wir den Notstand nicht beheben können. Viele spanische Pflegekräfte sind wieder zurückgegangen, weil die Pflege dort auf einem höheren Niveau angesiedelt ist. Deutschland muss sich bewegen, wenn es international anschlussfähig bleiben möchte. Viele wählen den Beruf aus Leidenschaft und werden durch die Arbeitsbedingungen abgeschreckt.

BSZ: Ein Grund, warum viele ihre Ausbildung abbrechen?
Biederbeck: Ja. Ich höre oft von Schülerinnen und Schülern, dass es keine strukturierte Praxisanleitung gibt. Sie werden viel zu schnell alleingelassen. Viele wurden auch über die Arbeitsagenturen in den Pflegeberuf geschleust, obwohl sie nicht dafür geeignet sind. Der ein oder andere hat vielleicht auch zu romantische Vorstellungen. Daher begrüße ich das neue Pflegeberufegesetz. Durch die generalistische Ausbildung eröffnen sich mehr Chancen nach dem Berufsabschluss.

BSZ: In Ländern wie Großbritannien oder Schweden ist die Pflegeausbildung längst akademisiert. Ein Modell für Deutschland?
Biederbeck: Ja, natürlich. Wir sind für eine Akademisierung im Pflegebereich. Leider gehen wir bisher nur in Trippelschritten voran. Dabei könnte die bayerische Staatsregierung Förderprogramme ins Leben rufen. In Augsburg wurden 200 Medizinstudienplätze geschaffen. Warum nicht für Pflegefachpersonen?
BSZ Vielerorts wird mit Wohngemeinschaften für Pflegebedürftige experimentiert. Eine gute Idee?
Biederbeck Es gibt eine Reihe guter Modelle. Man muss aber sehr genau hinschauen, ob dadurch nicht Standards, die man in stationären Altenhilfeeinrichtungen eingeführt hat, umgangen werden. Wenn nicht, ist das sicher ein guter Weg.

BSZ: Pflegeroboter oder smarte Fußböden, die bei einem Sturz den Notruf wählen: Fluch oder Segen für die Pflegebranche?
Biederbeck: Jede Technik, die Dinge verbessert, begrüßen wir. Ich glaube aber weder, dass sich dadurch Personal einsparen lässt, noch, dass es die Pflege erleichtern wird. Das ist momentan ein großer Hype, in den die Politik aufgrund des großen Markts viel Geld investiert. Dahinter stecken oft nur kleine Entwicklungen, die keine Erleichterung bringen. (Interview: David Lohmann)

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