Politik

Gegenderte Schreibweisen nehmen zu. nicht allen gefällt das. (Foto: dpa/Marijan Murat)

06.05.2022

Die Sprachpolizei macht mobil

Expert*innen, SchülerInnen, Politiker_innen: Das Gendern erhitzt die Gemüter, die CSU zieht jetzt dagegen zu Felde

Die Deutschen sind genervt vom Gendern. Jedenfalls lassen Umfragen das erkennen. Danach sagen 65 Prozent der Befragten, dass sie Gendersternchen, Binnen-I und Ähnliches ablehnen. Tatsächlich bringt die Genderdebatte jeden noch so langweiligen Stammtisch sofort in Wallung – ein ideales Wahlkampfthema also. Das hat jetzt auch die CSU entdeckt.

Bei ihrem Kleinen Parteitag am vergangenen Wochenende verabschiedeten die Christsozialen einen Antrag des CSU-Landtagsabgeordneten Franz Pschierer. Darin heißt es: In Schulen, Universitäten und anderen staatlichen Einrichtungen solle „keine grammatikalisch falsche Gendersprache“ verwendet werden. Die CSU selbst, die Unionsfraktion im Bundestag und auch die Bundesregierung sollten bitte auf das Gendern verzichten. Und zwar nicht nur auf Genderstern, Binnen-I und Ähnliches, sondern auch auf Formulierungen wie „Motorradfahrende“.

Es empfiehlt sich, mal in den Duden zu gucken: Hassattacken gegen den Genderstern finden sich dort jedenfalls nicht

Letzteres ist insofern bemerkenswert, als selbst der Duden Wendungen wie „Studierende“ ausdrücklich als Möglichkeit nennt, wenn es darum geht, sich geschlechtsneutral auszudrücken. Es trifft zwar zu, dass der Duden Genderstern, Binnen-I und anderes (noch) nicht akzeptiert. Interessant dabei ist indes, dass der Duden den Nachteil von Doppelnennungen („Lehrerinnen und Lehrer“) durchaus anspricht: Es fehlt die dritte Option, die 2018 für das Geburtenregister in Deutschland für zulässig erklärt wurde. Dieses sogenannte dritte Geschlecht kann wiederum mit dem Genderstern abgebildet werden.

Beim Kampf für die vorgeblich „richtige“ Sprache ist es im Übrigen hilfreich, sich die Arbeitsweise der Duden-Redaktion näher anzuschauen. Salopp gesagt funktioniert es so: Wenn genug Menschen eine aktuell falsche sprachliche Besonderheit lange genug verwenden, dann wird diese Besonderheit irgendwann Eingang in die Vorgaben des Duden finden. Das heißt, sie wird zulässig.

So geschehen etwa bei der Verwendung des Genitivs. Sprachkundige mögen es bedauern, dass Formulierungen wie „der Umbau, wegen dem ...“ inzwischen akzeptiert sind. Schließlich haben die meisten von uns in der Schule gelernt, dass die Präposition „wegen“ den Genitiv und eben nicht den Dativ nach sich zieht. Weil viele Leute das aber jahrelang nicht gemacht haben, übernahm der Duden die einst inkorrekte Dativverwendung vor einiger Zeit als zulässig. Könnte also gut sein, dass der umstrittene Genderstern irgendwann als Standardsprache im Duden landet.

Ein Blick in öffentliche Einrichtungen zeigt, dass gendergerechte Formulierungen weiter verbreitet sind, als Sprachpurist*innen lieb ist. Zum Beispiel bei der Bundesregierung, die unter anderem vom Corona-ExpertInnenrat spricht. Die Stadt München nutzt auf ihrer Webseite den Gender-
stern. Die Bayerische Staatsoper wiederum schreibt „Besucher:innen“, um sich gendergerecht auszudrücken. An den Unis München oder Bayreuth trifft man auf den Genderstern. Und die Bezeichnung „Studierende“ verwendet die CSU sogar selbst. Für die Sprachpolizei bleibt also noch einiges zu tun. (Waltraud Taschner)

 

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